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Alwin Meyer hat über die überlebdenden Kinder von Ausschwitz recherchiert und sorgt mit seiner Arbeit dafür, dass deren Schicksale nicht vergessen werden.

Schicksale

Nur wenige Kinder überlebten die Hölle von Auschwitz: Über sie gibt es nun eine Ausstellung

Bis Ende Oktober ist in der Gedenkstätte Hadamar die Ausstellung „Vergesst uns nicht. Die Kinder von Auschwitz“ zu sehen. Mit den Schicksalen der überlebenden Mädchen und Jungen beschäftigt sich seit über 40 Jahren Alwin Meyer, der zur Eröffnung der Ausstellung seine Arbeit und einige Schicksale vorstellte.

„Die Kinder in Auschwitz erlebten eine Welt des Todes. Sie wussten nicht, wann der Tod kommt, aber sie wussten, dass er kommt“, berichtet Alwin Meyer (68). Er hat am Montagabend bei einem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Vergesst uns nicht. Die Kinder von Auschwitz“ in der Gedenkstätte Hadamar gesprochen. Nach seinen Angaben wurden 232 000 Säuglinge, Kinder und Jugendliche nach Auschwitz verschleppt, rund 60 Kinder hätten ihre Geburt in dem Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten auf polnischem Boden überlebt.

Als Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, wurden auch 650 Kinder befreit. Mit 80 der überlebenden Mädchen und Jungen hatte Alwin Meyer in den vergangenen 48 Jahren Kontakt und mit 45 von ihnen führte er intensive Gespräche. Aus einigen Überlebenden wurden Bekannte, mit denen er über viele Jahre Kontakt pflegte.

Nie wieder losgelassen

Eines machte sein Vortrag wie auch die Ausstellung klar – die meisten Kinder hatten ein Leben vor Auschwitz und die wenigen Überlebenden auch danach. Aber die Zeit in dem Lager und die damit verbunden Erinnerungen ließen sie nie wieder los. So erzählten viele Überlebenden, dass sie mit Schuldgefühlen kämpfen, weil sie überlebt haben, ihre Familien aber nicht. Viele trieb vor allem im Alter die Suche nach einer Familie an. „Dann wurde die Frage nach dem ,Woher‘ immer dringender“, sagt Meyer.

Einigen wenigen Überlebenden war es vergönnt, Familienmitglieder wiederzufinden. Meyer hat als Kinder Überlebende kennengelernt, die jahrelang suchten, obwohl sie die Wahrheit bereits kannten. „Denn ohne die Hoffnung hätten sie nicht leben können“, erklärt Meyer. Allen verschleppten Kindern ging es gleich. Sie wurden von heute aus einem behüteten Leben herausgerissen und lernten ein Leben kennen, dass zu grauenvoll war, aber sie bis heute prägt.

„Die Realität des Lagers blieb keinem Kind verborgen“, sagt Meyer. Und es begleitet sie bis heute. So weiß er aus den Gesprächen, dass manche Überlebende sehr lange Probleme damit hatten, das natürliche Sterben zu akzeptieren, da sie nur das Töten kannten. Oder dass sie nicht verstehen konnten, warum um einen Toten „so ein Aufheben“ bei einer Beerdigung gemacht wurde.

Erneuter Hass

„Die überlebenden Kinder hatten absolut kein Verhältnis zu Dingen des alltäglichen Lebens“, sagt Meyer. Manche haben nach dem Krieg Dinge gehortet und versteckt, aus Angst, dass Auschwitz wiederkommen könnte. Viele ältere Kinder hätten das Bedürfnis gehabt, nach Hause zu kommen und nach Verwandten zu suchen. Doch da hätten sie erneut Ablehnung und Hass erfahren.

Eindrücklich schildert Meyer, wie Auschwitz bis heute in den Überlebenden nachwirkt. Manche sahen als Ausweg das Gründen einer Familie, um zu beweisen, dass sie noch leben. Andere bekamen keine Kinder, aus Angst, was die Zukunft bringt. Manche redeten mit ihm, andere, die Minderheit, lehnten es absolut ab, mit einem Deutschen zu sprechen. Viele haben nie detailliert mit ihren Kindern über ihre Erlebnisse gesprochen, andere haben dies wiederum bewusst getan. Er hat aber auch Überlebende kennengelernt, die überhaupt nicht über ihre Zeit im Konzentrationslager reden konnten. Und es gibt auch überlebende Kinder, die in jungen Jahren Selbstmord begingen, weil sie mit den Erinnerungen nicht zurechtkamen.

Eine persönliche Verbindung zu Auschwitz hat Alwin Meyer nicht gehabt, als er mit 21 Jahren das Konzentrationslager zum ersten Mal besuchte. „Ich wusste wenig darüber. Vor Ort war ich wütend und entsetzt, dass dies meine Vorfahren gemacht haben.“ Und er ärgerte sich, dass er nichts über die Kinder von Auschwitz fand. Dann begab er sich auf die Suche, um ihre Schicksale zu erfahren. „Bis heute bin ich auf der Suche nach Familien“, sagt Meyer. Parallel zur Ausstellung, die bis zum 30. November in der Gedenkstätte zu sehen ist, gibt es auch ein Buch mit gleichlautendem Titel, das 13 Schicksale ausführlich behandelt.

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