Familienfoto der Familie Fritz, vorne sitzen Maria Fritz, geborene Hahn, und ihr Ehemann Josef Fritz. Die fünf Kinder sind (von links nach rechts) Ferdinand, Thekla, Maria, Hildegard und Josef Wilhelm Fritz. Hildegard und Josef Wilhelm Fritz wurden als vorgeblich "erbkrank" in Diez zwangssterilisiert.
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Familienfoto der Familie Fritz, vorne sitzen Maria Fritz, geborene Hahn, und ihr Ehemann Josef Fritz. Die fünf Kinder sind (von links nach rechts) Ferdinand, Thekla, Maria, Hildegard und Josef Wilhelm Fritz. Hildegard und Josef Wilhelm Fritz wurden als vorgeblich "erbkrank" in Diez zwangssterilisiert.

Schlimme Geschichte aus Oberzeuzheim

Wie die Familie Fritz zu Opfern der Nazis wurde

Zwei Kinder wurden zwangssterilisiert, ihre Mutter nach Auschwitz deportiert

Nachdem die vierte Verlegung von Stolpersteinen in Hadamar im vergangenen Jahr aufgrund hoher Coronazahlen kurzfristig abgesagt werden musste, hat sich der Bauhof der Stadt bereiterklärt, die "Nachverlegung" in Etappen durchzuführen. Mit den Stolpersteinen soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die erste "Enthüllung" erfolgt am Samstag, 18. September, um 14 Uhr in Oberzeuzheim. Dort sollen drei Stolpersteinen in der Siegener Straße 15 am ehemaligen Wohnhaus an die Familie Fritz erinnern. Angehörige werden die Biografien von Maria Fritz, geborene Hahn, und ihren Kindern, Hildegard Fritz und Josef Wilhelm Fritz, vortragen.

In der Lebensgeschichte der Familie Fritz laufen unterschiedlichste Verfolgungsmuster des NS-Systems zusammen: Zwei Kinder der Familie, Hildegard (geboren 1910) und Josef Wilhelm Fritz (1911) wurden zu Opfern der NS-"Rassenhygiene". Vom damaligen ärztlichen Direktor der Anstalt Hadamar als "erbkrank" diffamiert, wurden sie vor das Erbgesundheitsgericht Limburg unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Walter Dannhausen (später Landrat im Landkreis Limburg) vorgeladen. Das Gericht verfügte die Zwangssterilisation der Geschwister, die in den Jahren 1936 und 1939 jeweils im Städtischen Krankenhaus Auguste Victoria in Diez vorgenommen wurde. Trotz Ausschöpfung sämtlicher juristischer Mittel gelang es den Eltern von Hildegard und Josef Wilhelm Fritz nicht, den Zwangseingriff zu verhindern. Auch die Intervention beim Erbgesundheitsobergericht (Frankfurt) blieb erfolglos.

Die repressive, vom Erbgesundheitsgericht Limburg beschlossene Maßnahme ist auch im Zusammenhang mit dem religiösen Bekenntnis der Familie zu sehen: Eltern und Kinder waren offen praktizierende Katholiken und wurden somit von Beginn an als "Systemgegner" eingestuft. Ein gewisses Maß an protektiver Wirkung gegenüber dem "System" entfaltete die Tätigkeit des Familienvaters Josef Fritz, der ein Ingenieurbüro unterhielt und eine Vielzahl von Aufträgen für die Stadt Hadamar aber auch die Kirchengemeinde Oberzeuzheim ausführte. Dennoch wurde Maria Fritz im Jahr 1942 von der Gestapo in Haft genommen und später nach Auschwitz gebracht.

Von einem Schriftsteller

denunziert

Die 1881 in Niederzeuzheim geborene Maria Fritz war den Beschlüssen der Erbgesundheitsgerichte ohnmächtig ausgeliefert und hatte aufgrund der Nähe zur Tötungsanstalt auf dem Mönchberg und dem Wissen um die dort begangenen Massenverbrechen große Angst um ihre Kinder. Sie betrieb eine Postagentur in der Siegener Straße in Oberzeuzheim. Diese Durchgangsstraße passierten die aus der "Zwischenanstalt" Herborn kommenden "Gekrat"-Busse. Obwohl die Fenster der als "Postbusse" getarnten Fahrzeuge uneinsehbar waren, wussten die Menschen in der Region, dass auf diese Weise Insassen von Heilanstalten in die Tötungsanstalt auf dem Mönchberg transportiert wurden.

Hildegard Fritz lebte im Haushalt ihrer Eltern wo sie unterstützend tätig war. Josef Wilhelm Fritz lebte mit einer Hörbehinderung und hatte trotz dieser Einschränkung einen höheren Schulabschluss am Gymnasium Hadamar erworben. Er war als Bauzeichner im Ingenieurbüro seines Vaters tätig.

In einem Brief an ihre in Hamburg lebende Tochter schrieb Maria Fritz im Jahr 1941 von ihrer Befürchtung, dass "nach erfolgter Tötung der Anstaltsinsassen weiter gegangen würde und alle nicht arbeitsfähigen Menschen beseitigt werden sollten". Der Inhalt dieser Korrespondenz wurde bekannt. Der zu diesem Zeitpunkt in Hamburg lebende Schriftsteller Dr. Eugen Rugel denunzierte Maria Fritz bei der dortigen Gestapo, woraufhin diese Mitteilung zur Gestapo-Zentrale nach Frankfurt weitergegeben wurde. Maria Fritz wurde "wegen der Verbreitung von Gerüchten über Hadamar" in Haft genommen und im Herbst 1942 in das Gerichtsgefängnis Frankfurt gebracht.

Ohne Verfahren oder Gerichtsurteil wurde sie im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert und später über das KZ Lublin nach Auschwitz deportiert. Familienmitglieder, allen voran ihr Neffe, der in Oberzeuzheim geborene Priester und Domvikar Josef Will (1907 - 1984), der den Nazis vielfach in Wort und Schrift die Stirn bot, konnten schließlich ihre Entlassung bewirken. Maria Fritz kehrte Ende Juli 1944 zu ihrer Familie nach Oberzeuzheim zurück. Zu diesem Zeitpunkt wog sie gerade einmal 42 Kilo und hatte sämtliche Haare verloren. Die psychischen und physischen Folgen der KZ-Haft waren so stark, dass sie über das Erlittene nie wieder sprach. Auch ärztliche Bemühungen konnten ihr Leben nicht retten, so dass sie nach monatelangem Krankenlager im Juli 1945 an den Folgen der Haft starb.

Die Finanzierung der drei Stolpersteine hat der Verein "Ehemaliger der Fürst-Johann-Ludwig-Schule" übernommen. Josef Wilhelm Fritz war Schüler des "Alten Gymnasiums" und damit der Vorgängerschule der heutigen Gesamtschule. Martina Hartmann-Menz

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