1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg

„Mathilda ist mein tapferes Häschen“

Erstellt:

Von: Eva Jung

Kommentare

Auch wenn die lange Krebstherapie Spuren hinterlassen hat: Mathilda kann endlich wieder unbeschwert Kind sein.
Auch wenn die lange Krebstherapie Spuren hinterlassen hat: Mathilda kann endlich wieder unbeschwert Kind sein. © privat

Zusammen mit zwei Freundinnen hat Rebecca Schmidt „Das tapfere Häschen“ veröffentlicht

Nassauer Land -Das tapfere Häschen freut sich schon sehr auf die Wanderung mit den anderen Waldtieren. Ein leichter Rucksack sollte für den Ausflug genügen. Doch schnell ist das Häschen erschöpft und erklärt bei einer Rast, was es da alles mit sich herumträgt. „Ich war sehr krank, habe viel erlebt, auch wenn ihr es auf den ersten Blick nicht seht. Ich trage Erinnerungen aus dieser Zeit in meinem Rucksack umher, deshalb ist er so wahnsinnig schwer.“

Und dann beginnt das tapfere Häschen zu erzählen: von den bösen Zellen, die es krank gemacht haben und die man Krebs nennt, von den Kämpfern, die gegen diese Zellen in den Krieg gezogen sind und auch den guten geschadet haben. Davon, wie es sein Fell verloren und eine große Narbe bekommen hat. Und davon, wie wichtig es ist, in solchen Zeiten Freunde an seiner Seite zu haben.

Die gereimte Geschichte vom tapferen Häschen haben sich Rebecca Schmidt und Esther Pikman ausgedacht, die liebevollen Aquarellzeichnungen im Buch stammen von Vanessa Hörter. Die drei Frauen erzählen gemeinsam, jede von ihnen hat eine andere Perspektive auf das Thema Krebs. Die Illustratorin Vanessa Hörter aus Altenkirchen erkrankte selbst an Brustkrebs. „Die Malerei ist meine persönliche Therapie.“

„Als Außenstehende ist man verunsichert“

Die Waldbrunnerin Rebecca Schmidt begleitete ihre kleine Tochter Mathilda durch drei schreckliche Krebsjahre - neben der Familie immer an ihrer Seite ihre Freundin und Arbeitskollegin Esther Pikman aus Bad Camberg. Auch für sie waren das schreckliche Zeiten, sie wollte nichts falsch machen. „Als Außenstehende hat man Angst und ist verunsichert“, erinnert sich die 40-Jährige.

„Mathilda ist mein großes Vorbild und war meine Inspiration für das Buch“, sagt Rebecca Schmidt. „Mathilda ist mein tapferes Häschen.“ Das Häschen mit dem gelben Rucksack ist ganz bewusst neutral gehalten - es kann ein erkranktes Kind sein, ein Eltern- oder Großelternteil, ein Freund oder eine Freundin aus dem Bekanntenkreis. Das Buch soll helfen, mit Kindern über das schwierige Thema Krebs zu sprechen und Verständnis dafür schaffen, dass eine überstandene Krebserkrankung noch lange nicht bedeutet, dass alles wieder gut ist. Rebecca Schmidt: „Wir wollten ein Buch schreiben, das uns damals geholfen hätte.“

Welle der Hilfsbereitschaft

Damals, das war im Herbst 2017: Mathilda ist knapp vier, als ein bösartiger Tumor in ihrem Bauch entdeckt wird. Neuroblastom, Stadium 4, sagen die Fachleute, einen bösen Stein nennen die Schmidts den Krebs. Und erklären ihrer kleinen Tochter, dass die Chemo-Ritter nun gegen ihn in den Kampf ziehen. Ende 2018 sind keine Tumorzellen mehr nachweisbar, doch nur wenige Wochen später der nächste Schock. Ein Rückfall, die Therapiemöglichkeiten in Deutschland sind weitgehend ausgereizt. Wieder eine OP, wieder Bestrahlungen, aber keine echte Perspektive mehr.

Mathildas Mutter recherchiert nächtelang, eine neuartige Antikörpertherapie in Barcelona, die speziell für diesen Krebs entwickelt wurde, soll dem kleinen Mädchen helfen. Die Familie bittet um Spenden und die Welle der Hilfsbereitschaft ist riesig. Bereits Ende Juni 2019 kann Mathildas Therapie in Spanien beginnen.

Eine Krebs-Impfung soll die Krankheit für immer besiegen. An Heiligabend 2019 bekommt die Sechsjährige die erste Spritze - in New York, denn nur dort ist die Therapie zu diesem Zeitpunkt möglich. Drei Monate später beherrscht Corona die Welt, Grenzen sind dicht, die Schmidts bangen, ob Mathildas Therapie fortgesetzt werden kann. Doch wieder finden sich Unterstützer, das kleine Mädchen reist im Mai 2020 von einem fast menschenleeren Frankfurter Flughafen in die USA, ihre Behandlung kann im Dezember 2020 abgeschlossen werden.

Erkrankung bleibt immer im Hinterkopf

„Über so einen langen Zeitraum haben die Krankenhausaufenthalte und Therapien unseren Alltag beherrscht und den Rhythmus vorgegeben. Und plötzlich stehst du da und es ist vorbei, die nächste Kontrolluntersuchung noch lange hin. Damit muss man auch erst mal wieder umgehen lernen“, sagt Rebecca Schmidt. Die 38-Jährige fühlte sich verpflichtet, etwas von ihren Erfahrungen weiterzugeben. Schließlich war Mathilda das erste Kind aus Deutschland, das den neuen Antikörper bekommen hat. Eine schwierige Zeit, jedes Gespräch mit anderen betroffenen Eltern kostet unendlich viel Kraft, holt schmerzhafte Erinnerungen hervor und macht Angst, denn viele der Kinder schaffen es am Ende nicht.

Mathilda ist tumorfrei, aber die Krebserkrankung bleibt immer im Hinterkopf - gerade vor den regelmäßigen Kontrollen und bis die Ergebnisse dann vorliegen. Sind es nur harmlose Bauchschmerzen oder doch mehr? Ein fiebriger Infekt oder der Anfang vom Rückfall? Wie viel Müdigkeit ist normal? „Es ist ein Prozess. Ich lerne, damit umzugehen“, sagt Rebecca Schmidt heute.

Und auch Mathilda hat ihren ganz persönlichen Rucksack zu tragen. Die Drittklässlerin leidet noch immer an Konzentrationsproblemen und ist manchmal schneller erschöpft als andere Kinder in ihrem Alter. Außerdem hat die Chemotherapie ihr Gehör dauerhaft schwer geschädigt. Hörgeräte, eine besondere Akustik im Klassenraum und eine Teilhabeassistenz helfen ihr im Schulalltag.

Im Buch vom tapferen Häschen heißt es dazu am Ende: „Erinnerungen kann man nicht sehen, deshalb fällt es schwer, manches zu verstehen. Zuhören und fragen ist sehr wichtig, erst so versteht man Dinge richtig.“ Seine Waldfreunde stehen dem kleinen Tier auf seinem Weg bei. „Gemeinsam waren sie mutig und stark, gemeinsam machten sie das Beste aus jedem Tag!“

Das Buch erwerben

Das tapfere Häschen“ von Vanessa Hörter, Esther Pikman und Rebecca Schmidt ist über die Internetseite www.mutig-tapfer-stark.de zum Preis von 17,99 Euro (plus Versand) erhältlich. Dort gibt es auch weitergehende Informationen zum Thema Krebs, ein Glossar und kreative Häschen-Ideen.

Rebecca Schmidt (links), Esther Pikmann und Vanessa Hörter (sitzend) haben „Das tapfere Häschen“ veröffentlicht.
Rebecca Schmidt (links), Esther Pikmann und Vanessa Hörter (sitzend) haben „Das tapfere Häschen“ veröffentlicht. © Mara Pikman

Auch interessant

Kommentare