Beirat der Gefangenen

Hans-Dieter Heun hat 43 Jahre Knasterfahrung

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Professor Hans-Dieter Heun hört nach 43-jähriger Tätigkeit im Beirat der Limburger Justizvollzugsanstalt (JVA) auf. 30 Jahre war er Vorsitzender. Der 83-Jährige ist dienstältestes Mitglied eines solchen Gremiums im hessischen Strafvollzug. Er hat viel zu erzählen.

Der Limburger hat sein Ehrenamt im Untersuchungsgefängnis seiner Wahlheimat immer gerne ausgeübt, sagt er. Es habe ihm den Praxisbezug als Ergänzung seiner beruflichen Tätigkeit als Hochschuldozent gebracht.

Heun stammt aus Hannover, kam mit seiner Mutter im Alter von acht Jahren in den Kriegswirren 1943 nach Limburg. Verwandte hatten die Bäckerei Heun am „Fischmarkt“. Heun war nach beruflichen Stationen als Heimleiter für erziehungsschwierige Kinder Fachhochschullehrer für Erziehungswissenschaften. 1980 wurde er zum Professor der evangelischen Fachhochule Darmstadt ernannt.

Heun sagt, dass es nur logisch gewesen sei, sich in Limburg im „Knastbeirat“ zu engagieren, um den Praxisbezug zu haben. Denn oft landeten in der Limburger Untersuchungshaft Menschen, die in ihrer Jugend vom Leben schwer gebeutelt worden seien. „Straftat bleibt natürlich Straftat“, sagt Heun, „aber oft sind es familiäre Bedingungen, warum Menschen straffällig werden“.

Hans-Dieter Heun glaubt, mit seinem Team über die Jahre viel für die Gefangenen bewegt zu haben. Jeder in Limburg habe heute in der Regel eine Einzelzelle mit Fernsehen, Radio, Kühlschrank und abgetrennter Toilette. „Die Gefangenen leben aber alles andere als im Luxus“, sagt er. Die JVA Limburg habe gerade einmal drei Euro pro Kopf und Tag zur Verfügung, um den Insassen drei Mahlzeiten am Tag auszugeben. „Das Essen in Limburg schmeckt trotzdem gut.“ Dennoch gebe es „Muckefuck“ statt echten Kaffee, und die Gefangenen drehten sich Tabak, weil der Kauf von Zigaretten zu teuer sei. Von daher arbeiten die Gefangenen in Limburg tagsüber nicht nur aus Langeweile gerne, sondern auch, um sich ein paar Euro für kleinen Luxus wie eine Packung Kaffee oder Obst dazuzuverdienen. Heun hält die Geschichte für ein Märchen, dass es Menschen geben soll, die bewusst Straftaten begehen, um ein Zimmer bei freier Kost und Logis im Gefängnis zu bekommen.

In Haft lernen die Menschen nach seinen Angaben wieder einen geregelten Tagesablauf. Diesen hätten viele vorher nicht mehr gehabt.

Heun hat sich den Gefangenen nie aufgedrängt, aber immer aufmerksam zugehört, wenn diese von ihren Problemen berichteten. „Viele leiden darunter, dass sie wenig Kontakt zu ihren Familien haben könnten“, sagt der 83-Jährige.

Ein großes Problem seien die finanziellen Probleme vieler Untersuchungshäftlinge. Denn ohne Familie und Geld sei die Gefahr groß, das jemand nach der Entlassung erneut straffällig werde. Heun erzählt, dass er den Gefangenen nach der Entlassung kaum weiterhelfen könne, weil diese Limburg sofort verlassen würden. „Früher hat der Beirat ehemaligen Gefangenen auch mal eine Wohnung besorgt“, erinnert sich der langjährige Vorsitzende. Einer habe seinen Vermieter dann aber bestohlen, und dann sei das Wohnungsangebot wieder abgeschafft worden.

Heun sagt, er selbst sei nie von Gefangenen bedroht worden, auch wenn es untereinander schon mal körperliche Auseinandersetzungen gebe („So schnell lasse ich mich nicht töten.“). Er findet es wichtig, dass die Gefangenen in Limburg zum Aggressionsabbau einmal täglich Ballsport oder Fitness betreiben können. Heun räum ein, dass es keinen Knast ohne Alkohol, Drogen und Handys gebe. Manchmal würden einfach Dinge über die Mauer geschmissen, weiß er. Natürlich würden Pakete geprüft, doch dann verstecke man die Sachen eben mal in Bananen.

Ein Teil der Untersuchungshäftlinge komme immer wieder, weil sie keinen Halt und damit keine Perspektive hätten. In der heimischen JVA mit hoher Fluktuation ist Multikulti an der Tagesordnung. In Limburg landet der osteuropäische Einbrecher genauso wie der niederländische Drogendealer, der auf der A 3 von der Polizei gestoppt wurde.

Viel zu verpetzen hätte der ehrenamtliche Helfer nicht gehabt, „denn die Gefangenen erzählen uns nicht, wenn sie noch mehr als angeklagt auf dem Kerbholz haben“. Gespräche blieben bei Heun aber prinzipiell vertraulich. „Es sei denn, es wäre Gefahr im Verzuge, dass jemand eine Gewalttat in der JVA ankündigen würde“, ergänzt er.

In 43 Jahren hat Heun nur zwei Fluchten erlebt. Einer schaffte es über die Regenrinne hoch über die Mauer, der andere verschwand versteckt in einem Müllwagen.

Was bleibt? Mit seinen Mitstreitern im Beirat wird er in Kontakt bleiben. Von seinen Ex- „Schützlingen“ gibt es nur einen, mit dem sich Heun noch regelmäßig privat auf einen Kaffee trifft, wenn der mal wieder in Limburg ist.

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