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Hebammen sind Mangelware

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Von: Sabine Rauch

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Mit dieser Tasche macht sich Nadja Paul auf zu den Müttern, die sie als Hebamme betreut.
Mit dieser Tasche macht sich Nadja Paul auf zu den Müttern, die sie als Hebamme betreut. © Sabine Rauch

Die Arbeitsbedingungen machen den Beruf nicht gerade attraktiv

Limburg-Weilburg -Auf der neuesten Liste stehen knapp 50 Hebammen - wenn man die aus Braunfels, Hünstetten oder Obernhof abzieht; wenn man dann auch noch die aus Diez, Flacht, Gückingen oder dem Westerwaldkreis außen vor lässt, sind es noch mal 20 weniger. Gerade mal 32 Hebammen aus dem Landkreis Limburg-Weilburg stehen auf der Hebammen-Liste des Landkreises.

Und die sei „pandemiebedingt“ schon länger nicht aktualisiert worden, teilt der Landkreis mit. Genauer: sie stammt aus dem Jahr 2020. Inzwischen gibt es noch weniger Hebammen in der Region, sagt Nadja Paul, die Kreissprecherin des Landesverbandes hessischer Hebammen. Sie berichtet von einer Kollegin, die erst vor ein paar Wochen in die Schweiz ausgewandert ist - auch, weil die Arbeitsbedingungen dort besser sind. Und so wird es in der Region eng.

Die Gemeinde Waldbrunn zum Beispiel sei längst unterversorgt, in Rheinland-Pfalz sieht es nicht besser uns: In der Region Aar-Einrich sind Hebammen ebenfalls Mangelware. Und generell gilt: Werdende Mütter sollten sich schon in der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche eine Hebamme suchen, auch dort, wo es noch welche gibt. Später könnte es schwer werden, die Wunsch-Hebamme zu bekommen, sagt Naja Paul. Denn auch Hebammen lieben kurze Wege, und mehr als zehn Frauen könne im Prinzip keine versorgen.

Keine Engpässe im Krankenhaus

Müsste sie aber, wenn es sich lohnen sollte, sagt Nadja Paul. Denn die meisten Hebammen in der Region sind freiberuflich tätig. Das bedeutet: Abrechnung nach Gebührenordnung mit den Krankenkassen, selbst für die Sozialversicherung sorgen und dann noch die Kosten für Versicherungen. Allein die Berufshaftpflicht: Die kostet für eine freiberufliche Hebamme, die Geburtshilfe betreibt, fast 10 000 Euro im Jahr. „Die Krankenkassen zahlen zwar einen Zuschuss, aber ein großer Teil bleibt bei den Hebammen“, sagt Nadja Paul.

Deshalb begleitet sie die Frauen zwar vor und nach der Geburt, aber nicht mehr währenddessen. „Mehr als 20 Jahre Geburtshilfe sind genug“, sagt Nadja Paul. Sie könne die Beiträge nicht aufbringen und wolle einfach nicht mehr jede Nacht und jedes Wochenende zur Verfügung stehen müssen. Natürlich sei die Geburtshilfe das Kernstück ihrer Arbeit, „aber die Bedingungen, unter denen Geburtshilfe in den Kliniken stattfindet, will ich nicht mehr“.

Und die allermeisten Frauen bringen heute ihre Kinder in Krankenhäusern zur Welt. Im St.-Vincenz-Krankenhaus zum Beispiel. Dort gibt es 16 fest angestellte Hebammen. Aber die werdenden Mütter hätten auch eine Alternative, sagt Nicola von Spee, die Sprecherin der Klinik. Die Geburtshilfe arbeite mit elf Beleghebammen zusammen, und wenn eine Schwangere von einer dieser Beleg-Hebammen betreut werden wolle, sei auch das möglich. „Grundsätzlich wird in unserer Frauenklinik alles sehr individuell und persönlich gehandhabt“, die Frauen sollten einfach im Kreißsaal anrufen und ihre Wünsche besprechen. Und Angst vor einer schlechten Versorgung müsse auch niemand haben: „Aktuell haben wir im Bereich der Hebammen keine personellen Engpässe.“

Außerhalb des Krankenhauses gibt es die schon: Generell gebe es in ganz Hessen eine Mangelversorgung, auch bundesweit, „weil sich viele Hebammen nach dem erheblichen Anstieg der Versicherungsprämien vor einigen Jahren umorientiert haben“, sagt Jan Kieserg, der Sprecher des Kreises. „Unser Gesundheitsamt erreichen jedoch keine konkreten Rückmeldungen oder Anfragen aus der Bevölkerung, dass Schwangere in unserem Landkreis keine Hebamme finden.“

Nadja Paul weiß, dass es so ist. Damit alle Frauen gut versorgt werden könnten, müssten es mindestens noch fünf bis sechs Hebammen mehr sein. Aber es werden immer weniger. Weil der Nachwuchs fehlt, viele Hebammen auswandern oder aufgeben, weil die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden.

Auflagen sind immer weiter gewachsen

Zusätzlich zu den finanziellen Herausforderungen sind da ja noch die Auflagen. So muss jede Hebammen-Praxis ein Qualitätsmanagement-System haben, zu dem gehören nicht nur umfangreiche Dokumentationspflichten, sondern auch Fortbildungen. Jede Hebamme müsse innerhalb von drei Jahren 40 Stunden Fortbildungen nachweisen, und diese Fortbildungen seien nicht nur sehr teuer, sondern auch eine Zeit, in der Hebamme kein Geld verdienen kann. Und dann noch die Digitalisierung: Mutterpass und Kinderheft müssen digitalisiert werden - die Hebammen müssen die dafür notwendige Hard- und Software anschaffen und Fortbildungen besuchen.

„Hebamme ist ein Herzensberuf, das macht man nicht zum Geldverdienen“, sagt Nadja Paul. Um davon leben zu können, müsse man schon sehr, sehr, sehr viel arbeiten. Sie hat eine 40-Stunden-Woche, kaum ein Wochenende frei - auch ohne Geburtshilfe.

Die Arbeit mit den Frauen beginnt mit dem Vorgespräch, dem Kennenlernen. Schon da zeige sich, dass die Frauen vollkommen unterschiedlich seien und sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die einen wollen schon in der Schwangerschaft sehr viel Kontakt, den anderen ist die Betreuung im Wochenbett am Wichtigsten. Die einen brauchen vor allem soziale und emotionale Unterstützung, die anderen medizinische.

Hebamme sei ein schöner Beruf, sagt Nadja Paul. Und das Leben als freiberufliche Hebamme sei eigentlich perfekt, schon wegen der Flexibilität. „Aber die Voraussetzungen müssten besser sein.“ Ihre Tochter zum Beispiel wolle keine Hebamme werden. „Dafür telefoniere ich ihr zu viel.“ Denn natürlich geht Nadja Paul auch am Abend oder am Wochenende ans Telefon. „Einer Mutter in Not kann ich nicht sagen, sie soll übermorgen noch mal anrufen.“

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