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Einen Moment lang einfach Kind sein: Die krebskranke Mathilda aus Hintermeilingen (5) und ihre zweijährige Schwester Paula genießen zwischen den Therapien in Barcelona ein Eis. An Mathildas Hals sieht man noch, wo der Krebs am Hals bestrahlt wurde.

"Überzeugt, das Richtige zu tun" 

Mutter berichtet von Mathildas Therapie in Barcelona

In dieser Woche startet der zweite Abschnitt von Mathildas Krebstherapie. Die Behandlung kostet die ganze Familie extrem viel Kraft, aber hin und wieder gibt es auch kleine Glücksmomente in der spanischen Metropole.

Hintermeilingen/Barcelona - "Einmal an den Strand", das ist Mathildas größter Wunsch nach dem ersten schlimmen Therapietag in Barcelona. Und die Schmidts fahren mit ihrer krebskranken Tochter ans Mittelmeer, im Buggy, denn die Fünfjährige ist zu schwach, um mehr als zwei-, drei Minuten zu laufen. Sie gehen mit dem kleinen Mädchen am Strand auf und ab, im Sand tollen oder gar baden geht nicht, zu groß wäre das Risiko einer Infektion. 

In geschlossenen Räumen muss Mathilda einen Mundschutz tragen, den Flieger nach Barcelona betritt die Familie Schmidt als letzte und verlassen ihn als erste, sie sitzen ganz vorn, um möglichst wenig Kontakt zu anderen Passagieren zu haben. Fast hätten sie gar nicht erst mitfliegen dürfen. 

Mathildas Immunsystem ist schwach, deshalb trägt sie im Flugzeug einen Mundschutz. Außerdem versucht die Familie, immer zuletzt einzusteigen und einen Platz ganz vorne zu ergattern.

Mathildas Blutwerte sind extrem schlecht, ihre körpereigene Abwehr kann gegen Keime nicht mehr viel ausrichten. Auf jeden kleinen Stoß folgt ein riesiger blau-schwarzer Fleck, weil die Blutplättchen fehlen, die kleine Wunden sonst schnell verschließen. 

Ein täglicher Balanceakt

"Wir sagen ständig: ,Sei vorsichtig, pass auf, kletter' da nicht drauf und spring da nicht runter", erzählt Rebecca Schmidt, Mathildas Mutter. Schwierig, wenn man fünf Jahre alt ist, schwierig, wenn man ein lebensfrohes kleines Mädchen ist, und noch schwieriger, wenn man eine knapp dreijährige Schwester hat, die eigentlich all das tun dürfte. Beiden Kindern irgendwie gerecht zu werden, ist ein täglicher Balanceakt für die Eltern. 

Rückblick: Ende März ist die Familie aus Hintermeilingen mit Mathildas Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen, hat in den Medien und den sozialen Netzwerken vom Neuroblastom erzählt, vom Rückfall nach über einem Jahr Krebstherapie und von der teuren Antikörpertherapie in Spanien, die Mathildas Leben retten könnte. Sie bitten um Spenden - und bekommen sie. Eine ganze Region wird zum "Team Mathilda". Privat- und Geschäftsleute, Sportvereine, Kindergärten, Schulen - sie alle sammeln. Wahrscheinlich sind damit alle Kosten für die Therapie gedeckt. Genaue Summen nennt die Familie nicht mehr. 

Ergebnis macht Hoffnung 

Bereits Ende Juni und damit viel schneller als gedacht, kann die Familie nach Barcelona aufbrechen. Im Hospital Sant-Juan-de-Déu wird Mathilda noch einmal umfassend untersucht. Das Ergebnis macht Hoffnung: Die letzten Bestrahlungen in Gießen waren erfolgreich - es sind erneut keine Tumorzellen mehr nachweisbar. Allerdings muss der Krebs eine bestimmte Größe haben, damit man ihn mit einem bildgebenden Verfahren überhaupt erkennen kann. Rebecca Schmidt ist in den vielen Monaten auf der Kinderonkologie selbst zu einer Expertin geworden. "Kein Anzeichen von Krankheit, nennen die Ärzte das", erklärt die 35-Jährige. "Keiner würde sagen: Mathilda ist krebsfrei." 

Hier bekommt Mathilda montags, mittwochs und freitags 30 Minuten lang die Antikörper, dann gibt es 23 Tage Pause, danach beginnt der nächste Infusionszyklus.

Die Antikörpertherapie soll dem Körper zeigen, wie er die Tumorzellen selbst erkennen und sie erfolgreich vernichten kann. An drei Tagen pro Woche bekommt Mathilda in Barcelona 30 Minuten lang den Antikörper ins Blut, danach folgen 23 Tage Pause, dann beginnen wieder drei mal 30 Minuten Infusionen. Geplant sind insgesamt fünf Zyklen. Die halbe Stunde Therapie verlangt den Schmidts alles ab. Der Antikörper verursacht starke Nervenschmerzen, gegen die Mathilda während der Infusionen Morphium bekommt. Ein Notfall-Team steht immer bereit, falls ihr Kreislauf unter der Belastung kollabiert. 

Eine Kämpferin 

"Nach der ersten Gabe habe ich gedacht, wir brechen ab", sagt Rebecca Schmidt. Ihr Kind so leiden zu sehen, ist mehr, als eine Mutter ertragen kann. Doch Mathilda ist eine Kämpferin - und ihr Körper scheint durch die starken Schmerzen und das Morphium in eine Art Löschmodus zu gehen. Nach der Infusion weiß sie zum Glück nicht mehr, wie schlimm es war. Rebecca Schmidt: "Solange Mathilda sagt ,Ich schaffe das!' machen wir weiter." 

Von diesen intimen und leidvollen Momenten in der Klinik würden die Schmidts nie ein Bild im Internet posten. "Das ist unsere Privatsphäre", betont Rebecca Schmidt. Hin und wieder stellt sie in den sozialen Medien ein Bild ein, das Mathilda und ihre Schwester Paula beim Eisessen zeigt, die Familie auf der Strandpromenade oder beim Bummeln. Es sind kleine gestohlene Glücksmomente in diesem kompletten Wahnsinn, an dem jeder zu zerbrechen droht, es ist ein bisschen "ganz normales Leben". 

Einen Moment lang unbeschwert Eis essen.

"Bei allem Sonnenschein bleibt immer ein fader Beigeschmack", sagt Rebecca Schmidt. "Man fragt sich dann immer, ob es vielleicht der letzte gemeinsame Moment dieser Art war." Doch Mathilda und ihre Familie haben sich entschlossen, zu kämpfen und Rebecca Schmidt sagt mit Nachdruck: "Wir sind überzeugt, dass wir gerade das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tun."

Eva Jung

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