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"Hört ihr Leut' und lasst euch sagen"

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Zum Leuchten trug Reiner Keitsch die Laterne des letzten Hahnstätter Nachtwächters, Adolf Schönhaber, durch den Ort.
Zum Leuchten trug Reiner Keitsch die Laterne des letzten Hahnstätter Nachtwächters, Adolf Schönhaber, durch den Ort. © rpk

Ein Rundgang durch Hahnstätten

Hahnstätten -"Hört ihr Leut' und lasst euch sagen, die Uhr hat acht geschlagen." So schallte die Stimme von Reiner Keitsch über den Hahnstätter Dorfplatz. Der mit Hut und Mantel bekleidete Keitsch hatte ein Signalhorn umhängen, trug in der rechten Hand eine Hellebarde, und die Original-Laterne des letzten hauptamtlichen Hahnstätter Nachtwächters, Adolf Schönhaber, in seiner linken. Diesmal verhinderte kein anziehendes Gewitter den abendlichen Nachtwächterspaziergang mit den Landfrauen der Verbandsgemeinde Aar-Einrich.

Etwa 30 Damen und drei Herren freuten sich am vergangenen Freitag, in einem stimmungsvollen Parcours durch das Zentrum der Gemeinde zu ziehen. Dabei wurde das alte Hahnstätten wieder lebendig. Keitsch begeisterte auch bei seiner mittlerweile zehnten Führung, die er seit 2009 in der Aar-Metropole durchführte. Er begeisterte seine Gäste wie jedes Mal für alte Wege und Gassen, Plätze, Häuser und Gemäuer der Aargemeinde. Basierend auf seinem reichen heimatkundlichen Wissensschatz, vermittelte er ihnen viele geschichtliche Eckdaten Hahnstättens, gewürzt mit zahlreichen Anekdoten und kleinen Geschichten.

Nachtwächter Keitsch wollte seine Gäste diesmal durch "Foahrt", "Poad" und "Oahl" führen. Bevor es losging, erklärte er zunächst die Begriffe. Eine "Foahrt" (oder "Fahrt") ist keine Durchgangsstraße, aber ein Fahrweg, eine Einfahrt, Zufahrt, die an ihrem Ende in ein Gehöft (Bauernhof) oder einen Betrieb führt (beispielsweise Mühle) oder in einen weiterführenden Fußweg übergeht. Für Hahnstätten nannte Keitsch folgende "Foahrten": Mengese oder Neumanns Foahrt (von der Kirchgasse zur Jahnstraße führend); Hepfersch Foahrt (von der Brückenstrasse neben der Aarbrücke (Mühlgasse) zur Mühle) oder Hundte Foahrt (von der Kirchgasse neben Cafe Tilia zum Haus ehemals Hundt mit einem Poad durch den Garten zur Schlosstraße).

Ein "Poad", "Peedche" oder "Pfad", "Pfädchen" ist ein schmaler, enger Fußweg. In Hahnstätten zum Beispiel der Schulpoad (Verbindung hinter der ehemaligen. Grundschule, heute DGH, von der Kirchgasse zur Austraße), oder das Brauereipädche (geht direkt hinter dem Bahnübergang am Bahnhof hinauf zur Brauerei). Der "Oahl" ist ein schmaler, ja engster Durchgang zwischen zwei Häusern. Im Mittelalter wurden diese "Oahle" für das Ableiten des Regenwassers benutzt, aber auch um bei Baumaßnahmen zwischen den Häusern Platz zu haben (auch ein wichtiges Element hinsichtlich des Brandschutzes).

In früherer Zeit führten diese "Oahle" meist in die hinter den Häusern liegenden Gärten. Heute sind die meisten "Oahle" durch Gitter oder Mauern verschlossen.

Leichenwagen

und Arrestzelle

Am Freitagabend führte der Weg von Keitsch vom Dorfplatz in den Schulpfad, über die Austraße hinab zur Aar und dort entlang an den Gärten hinein in die "Mengese- oder Neumanns Foahrt". Menges war ein Familienname eines kleinen Hofes. In der Mengese Foahrt stand auch ein Gemeindehaus, in dem die Gemeinde den Leichenwagen, die Motorspritze, einen Raum für den Nachtwächter und ein "Bollesje", also eine Arrestzelle, untergebracht hatte. Direkt gegenüber von der Mengese Foahrt befand sich der "Bleichgarten" der Hahnstätter Färberei. Hier wurden die Laken und Tücher auf der Wiese zum Bleichen ausgelegt und anschließend in den Färbertöpfen gefärbt.

Den Garten begrenzte zur Kirchgasse hin eine lange Mauer. Das aus Ziegelsteinen gebaute Wohnhaus mit angebauter Färberei steht an der Ecke Kirchgasse/Marktstraße. Der weitere Weg führte auch zum Breitenplatz, wo Keitsch vom Rathaus, der Gemeindeschmiede und dem Gemeindebackhaus, welche bis zum Bau der Aartalbahn hier standen. Dort am Breitenplatz befindet sich auch die Stelle an der Aar (845 "Ardaha" genannt, nicht in einem Bett, sondern breit im Tal fließend), wo sich die Sage von Hacho, dem angeblichen Namensgeber von Hahnstätten, abgespielt haben soll.

Insgesamt war die Gruppe zwei Stunden unterwegs und die Teilnehmer erfuhren während des Abendspaziergangs noch wesentlich mehr vom Nachtwächter Reiner Keitsch, einem Mann, der in seinem Heimatort seit mehr als drei Jahrzehnten auch unter dem Namen "Fritz" zu einem Markenzeichen geworden ist. Gemeinsam mit Andreas Holzner bildet er das Mundart-Duo "Willerm & Fritz". Auf echt "Hohstetter Platt" schreibt Keitsch heimatgeschichtliche Begebenheiten um und trägt sie gemeinsam mit seinem Partner bei allen erdenklichen Anlässen und Feierlichkeiten vor.

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