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Großbaustelle mitten im Wald: Auf dem Höhenrücken Kuhbett zwischen Dombach und Hasselbach werden derzeit vier Windräder errichtet.

Windparks unrentabel?

Hoffnung und Skepsis

Die Regionalversammlung Mittelhessen hat zugestimmt, der Teilregionalplan Energie ist jetzt beschlossene Sache. Der Regierungspräsident spricht von einem „Meilenstein“, doch die Beteiligten mussten auch eine Kröte schlucken – und viele sind skeptisch.

Regierungspräsident (RP) Dr. Christoph Ullrich (CDU) aus Fussingen freut sich: „Wir haben nun den entscheidenden Meilenstein gesetzt, um den Ausbau der erneuerbaren Energien in Mittelhessen weiter voranzutreiben“, sagte er nach der Entscheidung zum Teilregionalplan Energie.

Die regionalen Energieziele sehen vor, bis 2050 den gesamten Bedarf der Region an Strom und Wärme durch erneuerbare Energien zu decken. Dafür sind mit rund 43 000 Hektar – also acht Prozent der Regionsfläche – jene Gebiete festgelegt, die im Sinne eines erforderlichen Energiemix genutzt werden können, um Windenergieanlagen zu errichten beziehungsweise Fotovoltaik oder Biomasse einzusetzen.

Die Mitglieder der Regionalversammlung mussten freilich auch eine schlecht verdauliche Kröte schlucken, um den Plan in Kraft treten zu lassen. „Wir haben uns sehr geärgert, dass das hessische Wirtschaftsministerium sich eingemischt und ein sinnvolles Projekt verhindert hat“, sagte der Erste Hauptamtliche Kreisbeigeordnete Helmut Jung gestern auf Anfrage dieser Zeitung.

Dabei ging es nicht um ein Vorhaben im Landkreis Limburg-Weilburg, sondern in der Nachbarschaft – in Braunfels-Philippstein. „Weil dort mal ein Uhu in einem Steinbruch gewesen sein soll“, so Jung, sei eine von allen Seiten gewünschte Anlage mit zwei Windrädern verhindert worden. Sie wurde aus dem Plan gestrichen.

Der Vize-Landrat glaubt, dass sich große Windparks in Mittelhessen aufgrund der im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegten Vergütung künftig nicht mehr rentieren werden. „Wir werden im nächsten Jahr beim Bau von Windparks einen erheblichen Einbruch erleben“, prophezeit Helmut Jung. Windanlagen machten dann nur noch an Top-Standorten wie im Vogelsberg Sinn.

Für Christoph Ullrich überwiegen jedoch die positiven Signale. Die räumlichen Voraussetzungen für den weiteren gezielten Ausbau der erneuerbaren Energien in Mittelhessen seien geschaffen, jetzt werde es auch auf die künftigen Regelungen im EEG ankommen, wie der Teilregionalplan umgesetzt werde.

Den Schwerpunkt bildet die Windenergienutzung mit ihrem größten Potenzial in der erneuerbaren Stromerzeugung. Auf einer Fläche von 12 100 Hektar (2,2 Prozent der Regionsfläche) sind fast 130 Vorranggebiete ausgewiesen, um Windenergie zu nutzen. Diese Gebiete haben Ausschlusswirkung. Das heißt: Künftig dürfen ausschließlich in diesen Vorranggebieten Windenergieanlagen errichtet werden. Insofern wird auch die Vorgabe der Landesregierung erfüllt, etwa zwei Prozent der Regionsfläche für die Windenergienutzung bereitzustellen. Gleichzeitig werden 98 Prozent der Regionsfläche freigehalten.

In die Planung der Windenergiekonzeption wurden mehr als 50 Einzelkriterien einbezogen, um letztlich raumverträgliche und wirtschaftliche Vorranggebiete ausweisen zu können. Hierzu zählen beispielsweise erforderliche Siedlungsabstände, die Berücksichtigung windenergieempfindlicher Vogelarten bis hin zu Aspekten der Denkmalpflege und Flugsicherung.

Der Beschluss beendet damit ein sechs Jahre dauerndes Verfahren mit 31 Ausschuss- sowie zahlreichen Arbeitsgruppensitzungen und Gesprächsrunden, Informationsveranstaltungen in den Landkreisen sowie mit Bürgerinitiativen, zwei förmlichen Öffentlichkeitsbeteiligungen und rund 7500 Einzelanträgen.

Interessierte können den Plan – bestehend aus dem Plantext, dem Umweltbericht, den Steckbriefen zu den Vorranggebieten zur Nutzung der Windenergie und den dazugehörigen Karten – auf der Internetseite des Regierungspräsidiums Gießen (www.rp-giessen.hessen.de) und dem Energieportal Mittelhessen (www.energieportal-mittelhessen.de) einsehen. Zu finden unter Menüpunkt „Teilregionalplan Energie“ und dort unter dem Punkt „Vorlage zur Genehmigung“. Dort kann man unter dem Menüpunkt „Energiekarte“ die ausgewiesenen Vorranggebiete zur Nutzung der Windenergie gemeinsam mit den schon errichteten Windenergieanlagen in einem Luftbild einsehen.

Außerdem hat die Regionalversammlung sich auch mit der Evaluierung des gültigen Regionalplans Mittelhessen 2010 befasst. Sie bildet den Auftakt, den Regionalplan für die Region Mittelhessen neu aufzustellen. Die fast 70-seitige Beschlussvorlage der Oberen Landesplanungsbehörde lässt unter anderem erkennen, dass der Plan gerade im Bereich des Einzelhandels eine hohe Steuerungswirkung entfaltet hat. So hat sich die Zahl der Städte und Gemeinden ohne Lebensmittelversorgung im Gemeindegebiet halbiert. Gleichzeitig konnte eine starke Überversorgung einzelner Kommunen zu Lasten anderer Gemeinden weitgehend verhindert werden. Darauf wird diese Zeitung noch gesondert eingehen.

(hei ,red)

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