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Hohe Getreidepreise helfen Bauern kaum

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Von: Tobias Ketter

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Die Getreidepreise steigen und damit wird auf den ersten Blick auch im Landkreis Limburg-Weilburg die Ernte lukrativer. Allerdings sind die Kosten für die Landwirte auch erheblich gestiegen.
Die Getreidepreise steigen und damit wird auf den ersten Blick auch im Landkreis Limburg-Weilburg die Ernte lukrativer. Allerdings sind die Kosten für die Landwirte auch erheblich gestiegen. © privat

Auch Diesel und Düngemittel sind viel teurer geworden. Keine Engpässe in der Region zu erwarten.

Limburg-Weilburg -Das Getreide wird immer teurer. Der Hauptgrund für diese Preisentwicklung ist der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Rund 30 Prozent des weltweiten Bedarfs an Weizen kommt nämlich aus der Ukraine und aus Russland. Doch welche Folgen hat der Preisanstieg für die Landwirte im Kreis Limburg-Weilburg? Und drohen Getreide-Engpässe? Ackerbauer Hermann Hepp aus Weyer und Marco Hepp aus Dauborn, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, klären auf.

Grundsätzlich seien die gestiegenen Preise für die Landwirtschaft nicht negativ, denn dadurch könnten erhöhte Produktionskosten teilweise ausgeglichen werden, sagt Hermann Hepp. Die finanzielle Situation seines Betriebes werde sich aber zumindest kurzfristig nicht verbessern. "Wir liefern unseren Weizen an eine Mühle, mit der wir schon vor dem Krieg einen Kontrakt abgeschlossen haben", erklärt der Landwirt aus Weyer, der gemeinsam mit seinem Sohn auf einer Fläche von 352 Hektar Raps, Weizen, Roggen, Erbsen, Lupinen und Biogas-Mais anbaut. Sein landwirtschaftlicher Betrieb sei an diesen Vertrag gebunden, so dass die grundsätzliche Preissteigerung beim Weizen noch keine positiven finanziellen Effekte habe. Dies könne sich aber im kommenden Jahr ändern, wenn der Weizenpreis weiter auf dem hohen Niveau bleibe.

Anders sieht es beim Winterraps aus. "Wir profitieren jetzt von einem Preisanstieg im Vergleich zum vergangenen Jahr", berichtet Herrmann Hepp. Dadurch könne sein Unternehmen die höheren Kosten für Kraftstoff kompensieren. 25 000 bis 30 000 Liter Diesel verbraucht der landwirtschaftliche Betrieb in Weyer jährlich für die Getreideproduktion auf den Feldern. "Im vergangenen Jahr lag der Nettopreis noch bei 1,09 Euro pro Liter. Derzeit müssen zwischen 1,80 und 1,90 Euro bezahlt werden", sagt der Landwirt.

Unkraut mechanisch

bekämpfen

Und auch der Preis für Düngemittel sei innerhalb eines halben Jahres "explosionsartig angestiegen". Der Stickstoffdünger Kalkammonsalpeter habe 2021 rund 20 Euro pro Doppelzentner gekostet. Mittlerweile liege der Preis bei mehr als 100 Euro. "Vor dem Krieg kamen große Mengen dieses Düngers aus Russland und Weißrussland. Da dies jetzt nicht mehr der Fall ist, steigt der Preis", erklärt Hermann Hepp. Der Weyerer Landwirt hat aber für den Getreideanbau im Jahr 2022 noch Dünger zum Preis von 36 Euro pro Doppelzentner erwerben können, so dass sein finanzieller Schaden nicht ganz so hoch ist. Außerdem wird sein Betrieb künftig Teile des Pflanzenschutzes durch mechanische Unkrautbekämpfung erledigen.

Trotz der gestiegenen Getreidepreise rechnet Herrmann Hepp in diesem Jahr mit 20 000 bis 30 000 Euro weniger Gewinn als noch 2021. "Der Krieg muss beendet werden, um den Anstieg der Produktionskosten aufzuhalten", sagt der Landwirt. Er geht aber davon aus, dass die Diesel-, Dünger- und auch Getreidepreise künftig nicht mehr auf das Niveau der vergangenen Jahre fallen werden. Dadurch werde in der Landwirtschaft wohl weniger Dünger eingesetzt, was zur Folge habe, dass auch weniger Getreide produziert werden könne und der Preis weiter hoch bleibe.

"Wenn es nicht zu Missernten kommt, wird es in Deutschland in diesem Jahr und auch künftig keine Getreide-Engpässe geben", sagt Hermann Hepp aber auch. Hamsterkäufe seien deshalb unnötig. "Es ist genügend Mehl vorhanden und die Versorgung reicht aus, wenn ausreichend Dünger zur Verfügung steht." Anders sei die Situation allerdings beispielsweise in Nordafrika. "Getreide-Exporte dorthin fallen weg und es drohen Hungersnöte." Auch Exporte aus Deutschland werden nach seiner Wahrnehmung verringert, da derzeit die Versorgung im eigenen Land an erster Stelle stehe.

Landwirtschaft

wird mehr geschätzt

Hermann Hepp hat in den vergangenen Wochen festgestellt, dass die Bevölkerung den "Wert der Landwirtschaft" wieder mehr zu schätzen weiß. "Die Leute sehen nun, dass die heimischen Bauern wichtig sind. Durch den Krieg ist das vielen Menschen bewusst geworden", sagt er.

Der Ukraine-Krieg wirke mit Blick auf die Kosten für Nahrungsmittel und damit auch auf die Kosten für Getreide wie ein "Brandbeschleuniger", sagt Marco Hepp. Wenn der Krieg nicht schnellstens beendet werde und die Ukraine die Produktion von Nahrungsmitteln wiederaufnehmen könne, habe dies aber nicht nur höhere Preise zur Folge, sondern auch die Verknappung einiger Güter. "In Ländern mit hohem Import-Anteil an Nahrungsmitteln und geringer Finanzkraft werden deshalb Hungersnöte sehr wahrscheinlich, da bei globaler Betrachtung bisher nur knapp ausreichend Getreide produziert wird", sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes.

Mit dem Wegfall der Ukraine als Produzent sei die weltweite Erntemenge eben nicht mehr ausreichend. Auch Entwicklungshilfe werde das Problem nicht grundsätzlich lösen, da man Geld nicht essen könne und man auch nichts kaufen könne, wenn alle Waren vergriffen seien. Als Folge sei eine Zunahme der Rodungen im Regenwald zu befürchten, da hohe Preise weltweit die Ausdehnung der Agrarproduktion förderten. "Dadurch droht eine Beschleunigung des Klimawandels, der wiederum vermehrt zu Ernteausfällen führen dürfte", sagt Marco Hepp, der von einem Teufelskreis spricht.

Flächenverbrauch

drastisch reduzieren

Um aus eben diesem auszubrechen, fordert der Dauborner Landwirt unter anderem einen Verzicht auf Brachen auf wertvollen Ackerböden und eine Rücknahme "unsinniger ackerbaulicher Einschränkungen" wie etwa das Pflug-Verbot. Darüber hinaus verlangt Marco Hepp ein sofortiges Ende oder zumindest eine drastische Reduzierung des Flächenverbrauchs. "Siedlungsflächen müssen nachverdichtet, Industriebrachen umgenutzt und sinnlose Bauten komplett eingestellt oder sogar rückgebaut werden." Acker- und Grünlandflächen müssten der Landwirtschaft unbedingt erhalten bleiben.

Auch Marco Hepp berichtet von gestiegenen Produktionskosten für die Getreidebauern der Region. "Diese Kosten haben die Preissteigerung des Getreides nahezu komplett aufgezehrt", sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes. Der Verdienst pro Hektar Fläche werde also in etwa gleich bleiben, obwohl der Preis für Weizen um fast 60 Prozent auf annähernd 40 Euro je 100 Kilogramm gestiegen sei. "Teurerer Diesel, Pflanzenschutzmittel, Maschinen, seit Jahren steigende Pachten, steigende Löhne, Bürokratie-Maximierung und stark steigende Düngerpreise zehren die Mehreinnahmen auf", so Marco Hepp. Und ob die Marktpreise bis zum Verkaufszeitpunkt der Ernte 2022 ein ähnliches Niveau beibehalten werden, stehe längst noch nicht fest.

Negativ wirkt sich die Preissteigerung beim Getreide seinen Angaben zufolge übrigens in der Tierhaltung aus. "Kraftfutter in der Rinderhaltung, Mineralfutter und Soja in der Schweinehaltung, Getreide und Fertigfutter fürs Geflügel, all dies wird nämlich oftmals zugekauft", sagt Marco Hepp.

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