Die großen Komponenten für die letzten beiden Anlagen liegen im Kirberger Wald bereit. Die Rotorblätter sind aufgrund der Zacken, die für einen Windabriss sorgen, leiser. Fotos: Petra hackert
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Die großen Komponenten für die letzten beiden Anlagen liegen im Kirberger Wald bereit. Die Rotorblätter sind aufgrund der Zacken, die für einen Windabriss sorgen, leiser. Fotos: Petra hackert

Umstrittenes Projekt

Start für umstrittenes Millionen-Projekt: Erstes Windrad geht in Betrieb

  • vonPetra Hackert
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Im Wald bei Hünfelden (Kreis Limburg-Weilburg) entsteht für mehr als 20 Millionen Euro ein Windpark. Das Projekt ist hoch umstritten. Noch im Februar 2020 läuft das erste Windrad an. 

  • Windpark entsteht bei Hünfelden (Kreis Limburg-Weilburg)
  • Millionenprojekt ist sehr umstritten
  • Noch im Februar soll das erste Windrad in Betrieb gehen

Hünfelden – Die erste Anlage steht, und es gibt regen Baustellenbesuch. Zu Fuß, per Rad. "Sie kommen besonders am Wochenende", sagt der Mann mit der orangefarbenen Jacke. Er gehört zu denen, die die Baustellen für die drei Windkraftanlagen im Kirberger Wald bei Hünfelden (Kreis Limburg-Weilburg) im Auge haben. Insgesamt werden dort 21,9 Millionen Euro investiert. "Nächste Woche wird das erste Windrad in Betrieb genommen", erklärt der Umweltbeauftragte der Gemeinde Hünfelden, Michael Becker. Witterungsbedingt gab es Verzögerungen bei den Bauarbeiten. Ursprünglich war eine Inbetriebnahme Ende November 2019 geplant. Doch jetzt komme man gut voran.

"Im Februar soll die Anlage H 2, die jetzt schon steht, in Betrieb gehen, das ist die mittlere der drei", erklärt Becker. Die Anlage H 1 an der Grenze zu Kaltenholzhausen soll im März folgen, die letzte, H 3, im April ans Netz gehen. Voraussichtlich Ende April oder Anfang Mai wird es eine Bürger-Informationsveranstaltung geben. Im Anschluss erhalten Bürger aus Hünfelden die Gelegenheit, sich finanziell am Windpark zu beteiligen. Ausschließlich Hünfeldener. Anfragen von außerhalb, auch aus den Nachbargemeinden, gebe es bereits, sagt Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer (parteilos).

Die erste der drei Windkraftanlagen im Kirberger Wald steht. Nächste Woche soll sie ans Netz gehen.

Hünfelden bei Limburg: Das Nest ist da, der Schwarzstorch nicht

Die Fahrt von Standort zu Standort zeigt den Fortschritt. Ein 160-Meter-Kran ist gerade im Einsatz, Schwerlastverkehr transportiert Kranteile von Ort zu Ort. Die großen Einzelkomponenten der Anlagen, Turmteile und Flügel, die später noch zusammengefügt werden, liegen schon an Ort und Stelle. "Das ist auch wichtig, denn es gibt eine naturschutzrechtliche Beschränkung, dass die Baustelle ab dem 1. März nicht mehr über die B 417 angefahren werden darf", erläutert die Bürgermeisterin. Grund dafür ist das Nest des Schwarzstorchs - jetzt, da das Laub der Bäume noch nicht entfaltet ist, schon von der Baustraße aus gut zu sehen. Es steht seit langer Zeit leer.

"Das ist jetzt das vierte Jahr, in dem der Schwarzstorch nicht gesichtet wurde. Sein Verschwinden hat also nichts mit der Baustelle zu tun", sagt Silvia Scheu-Menzer. "Nach fünf Jahren verliert der Horst-Standort seinen Schutzstatus. Aber wir würden uns natürlich freuen, wenn der Schwarzstorch wiederkommt." Der Schwarzstorch ist nur eines der Lebewesen, die Windkraftgegnern ins Feld führen, um die Errichtung solcher Anlagen zu verhindern. Hünfelden hatte sich klar dafür positioniert, die Gemeindevertretung noch im vergangenen Jahr grünes Licht für die Bürgerbeteiligung gegeben. Denn: Hier entsteht ein Bürger-Windpark, wie auch auf einem der Baustellenfahrzeuge zu lesen.

Hünfelden bei Limburg: Baustelle wird rund um die Uhr bewacht

"Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass die Leute kommen, um sich den Baufortschritt anzusehen", sagt Michael Becker. Auf jeden Fall: Einfach so auf die Baustelle gehen geht nicht - es heißt, Abstand zum Arbeitsgerät wahren. Auch sind Schutz- und Sicherheitsvorkehrungen zu beachten. Helmpflicht zum Beispiel. Was noch? Da die schweren und teuren Komponenten für die Anlagen bereits im Wald gelagert sind, werde die Baustelle rund um die Uhr bewacht. Und es gibt eine Video-Überwachung. Darauf weist ein Schild hin.

Nach den Auseinandersetzungen mit der Initiative gegen die Windkraft im Kirberger Wald auch vor Gericht sind deren Aktivitäten nicht eingeschlafen. "Es gibt wohl keine Baustelle, die so beäugt wird", sagt Michael Becker. Es galt, eine Vielzahl von Auflagen zu beachten. Die deutsche Gesetzgebung regelt das Verfahren in vielen Einzelschritten. Bei jedem Baum, der gefällt wurde, habe man mit Protesten rechnen müssen. Und es sei auch viel missverstanden worden.

Michael Becker, Umweltbeauftragter der Gemeinde Hünfelden, zeigt aus der Ferne: Das erste Windrad ist breits fertig.

Hünfelden bei Limburg: Auflagen nicht eingehalten

So auch jetzt: Karin Nickel aus Kirberg, die sich klar gegen die Windkraft positioniert hat, ist eine überzeugte Naturschützerin. Ihr liegen Natur und Tierwelt am Herzen. Deshalb hat sie ihre Beobachtungen dokumentiert. Ihre Überzeugung: Es ist nicht alles so gelaufen, wie es sein sollte. Zum Beispiel griffen die Ausgleichsmaßnahmen für die Waldameisen schon vor Fertigstellung der Windräder nicht.

"Durch die Verbreiterung der Wege und den Schwerlastverkehr sind die Ameisenhügel mit Steinstaub überdeckt, und große Steine musste ich von Hügeln ablesen", beschreibt Nickel. Die große Umsiedlung von drei Ameisenhaufen ist davon sichtlich nicht berührt, wie ein Kontrollbesuch auf der Baustelle zeigt.

Karin Nickel kritisiert die Ausgleichsmaßnahmen insgesamt - in Bezug auf Fledermäuse, Wildkatzen, Haselmäuse, Mäusebussard, Rotmilan, Schwarzstorch. Die Waldentnahme durch kilometerlange Wegeverbreiterungen, Kurvenbereiche und Standorte der Windkraftanlagen habe zu einem mindestens doppelt so hohen Flächenverbrauch wie genehmigt geführt, weit über 1000 Bäume seien gefallen. Sie beantragte einen Baustopp. Das Regierungspräsidium (RP) Gießen als Aufsichtsbehörde lehnte das ab. 

Hünfelden bei Limburg: RP: Keine Mängel nachgewiesen

"Es gab für Obere Naturschutzbehörde (ONB) und Obere Forstbehörde (OFB) keine Veranlassung, einen Baustopp zu verhängen", äußert sich dazu Michael Schär (RP Gießen). Thorsten Haas, stellvertretender Sprecher des RP ergänzt: "Frau Nickel wurde mitgeteilt, dass eine intensive baubegleitende Überprüfung während der Bautätigkeiten durch die Fachdezernate Forsten (OFB) und Naturschutz (ONB) stattfindet und dabei keine schwerwiegenden Mängel festgestellt worden sind. Die von Frau Nickel angeführte doppelt so hohe Inanspruchnahme von Wald im Zuge der Rodungsmaßnahmen für den Bau der drei Windenergieanlagen (WEA) konnte zu keinem Zeitpunkt nachgewiesen werden."

Auch Kranteile müssen transportiert werden, wie gestern auf der Baustelle.

Hünfelden bei Limburg: Behörden kontrollieren die Baustelle regelmäßig

Das Regierungspräsidium (RP) Gießen lässt die Windpark-Baustelle regelmäßig kontrollieren. Das ist Teil des Verfahrens. Bei den Überprüfungen würden auch die zur Abgrenzung dienenden Schutzzäune überprüft. "Rodungsmaßnahmen außerhalb der vermessenen und genehmigten Bereiche wurden nicht festgestellt. Forstwirtschaftliche Maßnahmen, die im Rahmen der ordnungsgemäßen Forstwirtschaft stattfinden, sind hierbei nicht relevant", sagt der stellvertretende Sprecher des Regierungspräsidiums, Thorsten Haas. Forstwirtschaftliche Maßnahmen: Dazu gehört nach Angabe der Gemeinde Hünfelden unter anderem die Beseitigung von Käfer-Holz. Besonders Fichten waren davon betroffen - was nichts mit der Windpark-Baustelle zu tun hat.

Regelmäßig gebe es unangekündigte Baustellenkontrollen, erläutert das Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde. Bei der letzten am 6. Februar seien ebenfalls keine offensichtlichen Verstöße gegen Nebenbestimmungen festgestellt worden. Haas: "Alle Arbeiten fanden innerhalb der genehmigten und markierten Eingriffsbereiche statt."

Auch die Obere Naturschutzbehörde habe seit Beginn der Rodungs- und Bauarbeiten die Eingriffsflächen an den Standorten der Windenergie-Anlagen überprüft. Zudem würden der Behörde wöchentlich Berichte der ökologischen Bauüberwachung vorgelegt. Das Fazit des Regierungspräsidiums: "Es konnten ebenfalls keine Verstöße gegen die Nebenbestimmungen und keine zusätzlichen, ungenehmigten Eingriffe festgestellt werden." 

Hünfelden bei Limburg: Drei Anlagen, jeweils 238,5 Meter hoch

Nachdem die Einwände der Deutschen Flugsicherung ausgeräumt und die letzten Gutachten aktualisiert waren, hatte das Regierungspräsidium Gießen im vergangenen Jahr im April die Genehmigung erteilt, drei Anlagen des Typs "Nordex N 149" zu errichten - weniger als ursprünglich geplant, dafür höher, 238,5 Meter. Insgesamt rund 175 000 Euro der Gesamtkosten von 21,9 Millionen Euro entfielen auf den Naturschutz, erklärt Projektentwickler Frank Heuser (Land und Forst). Dazu gehört zum Beispiel die Beschaffung von Nistkästen für Umsiedlungen (das kostete im vergangenen Jahr 9000 Euro), das Monitoring, also das Beobachten, die Kontrolle der Nistkästen, aber auch des Mäusebussards. 

Von Petra Hackert

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Im Kirberger Wald im Kreis Limburg-Weilburg köpft ein Windrad einen streng geschützten Greifvogel – Gegner der Anlage sind entsetzt.

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