Albrecht Wagner aus Neesbach lenkt mit 80 Jahren noch sicher sein Gespann. FOTO: KLÖPPEL
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Albrecht Wagner aus Neesbach lenkt mit 80 Jahren noch sicher sein Gespann. FOTO: KLÖPPEL

Hobby

Heringen: "Das Schöne am Kutsche fahren ist die Entschleunigung"

  • vonRobin Klöppel
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Autofahrer machen den Gespann-Lenkern zunehmend Probleme

In Hünfelden gibt es einen offiziell eingetragenen Verein mit 48 Mitgliedern, der sich "Freunde des angespannten Pferdes Hünfelden und Umgebung" nennt. Angespannt nicht im gestressten Sinne, sondern angespannt an Kutschen. Die Aktiven haben eine eigene von der Gemeinde Hünfelden gepachtete Fahrstrecke im Wald bei Heringen, treffen sich aber auch regelmäßig zu gemeinsamen Ausfahrten.

"Der eine oder andere von uns tritt auch bei kleinen Turnieren an, aber eigentlich sind wir Freizeitfahrer, die das aus Spaß an der Sache machen", berichtet Erste Vorsitzende Monika Rüter. Sie ist Reiterin seit 40 Jahren. Zum Kutsche fahren kam sie, als ihre Kinder geboren wurden und sie eine Möglichkeit suchte, diese bei ihren Ausritten mitzunehmen. Daraufhin machte Rüter bei Wolfgang Schöngart in Hünfelden einen Fahrkurs. Rüter wurde dann selbst Gespann-Trainerin, hat das aus gesundheitlichen Gründen aber mittlerweile aufgegeben.

Noch sei in der Straßenverkehrverordnung ein Fahrkurs für die Lenkung eines Gespanns nicht vorgeschrieben, doch diese Regelung werde bald kommen, glaubt sie. Der Pferdsportverband, dem der Verein angehöre, fordere jetzt schon einen Fahrkurs und den hätten auch fast alle Mitglieder absolviert. Nur Albrecht Wagner (80), der älteste Aktive, nicht. Der weiß aber trotzdem bestens, was er tut, weil er in der Landwirtschaft seiner Eltern schon vor 70 Jahren im zarten Alter von zehn Jahren auf dem Bock saß.

Was Rüter Sorgen bereitet, sind die Autolenker im öffentlichen Straßenverkehr, "die es einfach nicht mehr gewohnt sind, auf Gespanne zu treffen". Wenn sie also auf Bundesstraßen unterwegs ist, fährt Rüter nie ganz rechts, damit sie noch einen Puffer zum Ausweichen hat. Viele Fahrzeuge würden viel zu schnell und eng an den Pferden vorbeifahren. Das Schlimmste für die Tiere seien die, die plötzlich anfingen, zu hupen. Denn die Pferde können im Gespann nicht nach hinten sehen, so dass sie erschrecken und ausbrechen könnten. Solche Fälle passieren aber selten, weil die Gespannfahrer mit den Pferden mindestens acht Wochen lang intensiv üben, bevor sie sie im öffentlichen Verkehr einsetzen.

Eine andere Sicht auf die Landschaft

Es gebe Pferde, die seien von ihrem Wesen einfach fürs Gespann fahren nervlich zu schwach, sagt sie. Und wer mit mehreren Pferden fahre, müsse auch aufpassen, dass die Pferde von der Schrittlänge und ihrem Wesen harmonierten.

Ihre Fahrerkollegin Birgit Leber-Sittel aus Dietkirchen weiß: "Du musst als Kutscher immer mitdenken. Selbst wenn man nur auf Feldwegen fährt, kommen ständig Radfahrer kreuz und quer." Problematisch seien mittlerweile auch breite Landmaschinen, an denen man mit dem Gespann auf Feldwegen kaum noch vorbeikomme. Rüter verrät, warum sie trotzdem leidenschaftlich gerne Gespann fährt: "Es ist dieses Entschleunigen. Wenn man ruhig mit Pferden durch die Natur fährt, sieht man die Landschaft ganz anders."

Leber-Sittel berichtet, dass es eine Herausforderung und schwerer als normales Reiten sei, ein Gespann zu lenken. Man habe ja nur eine Leine, mit der man von hinten die Pferde steuern könne. Darum müsse man das Geschehen immer genau beobachten und sehr vorausschauend fahren. Auf das Kommando ,Stehen' zu hören, ist das Wichtigste für ein Kutschpferd", so Rüter.

Wichtig sei beim Anlernen, die Pferde an abrupte Geräusche von hinten, beispielsweise durch Schreien und klappernde Konservendosen, zu gewöhnen. Angespannt werde am Anfang erst einmal eine leichte Palette, damit sich das Pferd langsam an den Druck beim Laufen gewöhne.

Langsames Eingewöhnen

Auf jeden Fall ist langsames Eingewöhnen laut Rüter Pflicht, denn ein Pferd, das einmal ein extrem negatives Erlebnis gemacht habe, lasse sich möglicherweise nie wieder anspannen. Wenn aber alles so harmoniert wie bei den "Freunden des angespannten Pferdes", dann macht eine zwölf Kilometer lange Tour wie diesmal durch Hünfeldener Gemarkung eine Menge Spaß. Es ging von Heringen aus Richtung Mensfelden am SPD-Teich "Zum roten Meer" vorbei nach Neesbach und über den "Römberg" zurück zum alten Reitplatz in Heringen.

Dort erzählt Rüter, dass man für eine gute gebrauchte Kutsche 3000 bis 4000 Euro ausgeben sollte. Wichtig sei auch, falls es zu einem Unfall komme, die Pferde zu versichern und zu zweit auf der Kutsche zu sitzen, wenn sich das Gespann mal festfahre.

An den monatlichen Stammtischen des Vereins kann jeder Interessent teilnehmen, auch wenn er kein eigenes Gespann besitzt. Der nächste Termin ist am Freitag, 9. Oktober, in der Gaststätte "La Vigua", Mühlstraße 1, in Holzheim.

Von Robin Klöppel

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