Der erfüllte Traum: Nach dem Backen kümmert sich Sandra Jaspert um das Design der Kekse.
+
Der erfüllte Traum: Nach dem Backen kümmert sich Sandra Jaspert um das Design der Kekse.

Daubornerin mit zwei Berufen

Ihre Kekse sind kleine Kunstwerke

  • vonGundula Stegemann
    schließen

Die Hünfeldenerin Sandra Jaspert hat sich einen Traum erfüllt: Sie ist Krankenschwester mit eigener Backstube.

Hünfelden -Sie strahlt eine Lebensfreude aus, die geradezu ansteckend ist. Wenn man sie kennenlernt, und sei es auch nur telefonisch, würde man auf den ersten Anschein hin annehmen, dass sie schon immer auf der Sonnenseite des Lebens stand. Und doch: Ihre Geschichte ist die einer Frau, die als junges Mädchen voller Pläne war, die aus einem Alptraum floh und lernen musste, selbst in Krisen auch Chancen zu entdecken...

Heute lebt sie mit ihrem Mann in Dauborn, hat zwei Berufe, in denen sie gern und erfolgreich arbeitet: als Krankenschwester bei einem ambulanten Pflegedienst und als Keksdesignerin, wie sie sich selbst nennt, in ihrer eigenen kleinen Backstube: Sandra Jaspert, 1972 im früheren Jugoslawien geboren, als zweite Tochter von Lazar und Seka, ihren Eltern.

"Meine Schwester und ich hatten eine sehr schöne Kindheit", sagt sie rückblickend und erzählt von ihrer Mutter, einer leidenschaftlichen Hobby-Bäckerin. "Besonders gern erinnere ich mich, wie ich als Kind von Haus zu Haus gehen und das Gebäck meiner Mama bei den Nachbarinnen zum Verkosten vorbeibringen, verteilen durfte. Und die haben sich immer so darüber gefreut."

So wuchs sie auf, wurde älter. In der Schule lief es gut, nach dem Abitur wollte sie Kunst studieren. Es sei eine schwierige Zeit gewesen, erzählt sie. Denn im früheren Jugoslawien herrschte inzwischen Bürgerkrieg. Eigentlich hatte sie schon gar nicht mehr zur Schule gehen wollen, weil selbst der Weg zur Schule gefährlich war. Aber ihr Vater bestand darauf, dass sie erst das Abitur ablegt, bevor sie das Land verlässt. "Das war schon auch gut so", sagt sie rückblickend und dennoch erinnert sie sich, wie schwer es ihr fiel. "Ich weiß noch genau, als ich 1991 von den Prüfungen heimlief, hörte ich, wie etwa ein Kilometer von unserem Haus entfernt Bomben fielen und Menschen umgebracht wurden."

1991 die Flucht

nach Frankfurt

Am Tag der Zeugnisverleihung hat sie schließlich ihre Sachen gepackt und ist nach Frankfurt am Main geflüchtet zu ihrer vier Jahre älteren Schwester Danijela, die zu der Zeit dort schon ein Jahr als Krankenschwester gearbeitet hat. "Ich war ohne Deutschkenntnisse, mit Flüchtlingsstatus, voller Zukunfts- und Perspektivängste sowie Angst um unsere Eltern, die im Krieg geblieben waren", sagt Sandra Jaspert. "Gemeinsam beratschlagten wir nun, wie es mit mir weitergehen soll."

Sie entschied sich, eine Ausbildung zur Krankenschwester in Frankfurt zu machen. Anfangs sei es für sie sehr schwer gewesen, da sie die Lehrerinnen und Lehrer nicht verstand. Mit Mühe und Fleiß sei es ihr aber mit der Zeit immer besser gelungen. In dieser Zeit lernte sie ihren Mann kennen, sie heirateten. Die Familie ihres Mannes hat sie von Anfang an herzlich aufgenommen. "Und wir haben zwei absolute Wunschkinder: Kimi und Julia", sagt sie stolz. Vergangenes Jahr war Silberhochzeit.

Der Sinn

des Lebens

2005 zog die Familie von Hattersheim nach Dauborn in ein Fachwerkhaus - "ein Traum", verrät Sandra Jaspert. Seit 15 Jahren arbeitet sie nun mit kurzen Unterbrechungen bei einem ambulanten Pflegedienst. "Ich liebe meinen Arbeitsplatz, schätze die familiäre Atmosphäre - und ich bin dankbar für die weltbeste Chefin sowie die liebevollen Patienten."

Und irgendwie glaubt man ihr das auch. "Die Kriegsvergangenheit hat mich nach dem Sinn des Lebens suchen lassen", erzählt sie. So kam sie zu Gott, zu ihrem Glauben - so wie ihre Eltern und ihre Schwester. Mit Patienten betet sie gern das Vaterunser. "Gerade während der Pflege verändern sich die Gedanken vieler Menschen", hat sie festgestellt. Oft habe sie von Patienten den Satz gehört: "Wenn ich noch Zeit hätte..." Wenn sie dann nachgefragt habe, was sie dann täten, kam oft die Antwort, dass sie sich dann gern noch diesen oder jenen Traum erfüllen würden.

Und so überlegte sie, welchen Traum sie hat und was sie vielleicht später bereuen könnte, nicht gewagt zu haben. Und sie dachte: Backen. "Das Talent dafür war mir in die Wiege gelegt, das hab ich von meiner Mama geerbt" verrät sie lächelnd. "Das war nur jahrelang aufgrund anderer Prioritäten verschüttet." So fasste sie sich ein Herz und brachte den Mut auf, sich ihren Traum, eine eigene kleine Backstube, zu erfüllen. Ich dachte: "Ich hab ja noch die Chance, nicht später zu denken: Ach, hättest du doch..."

Also machte sie sich schlau, was dafür alles nötig ist. Sie musste viel lernen, über Produkte und Backzutaten, über Buchführung, Prüfungen ablegen, und eine Backstube musste eingerichtet werden... Inzwischen hat sie eine Ausnahmegenehmigung, ist eingetragen in die Handwerksrolle mit der Berechtigung zum "Backen und Bemalen von Mürbeteigplätzchen". "Für mich ist es ein absolutes Privileg und eine unbeschreibliche Freude, das tun zu dürfen, wofür man geboren, geschaffen worden ist. Ich bin unsagbar dankbar dafür, meine Gaben und Talente sowie mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Das Backen, der Vanilleduft, die Farbenspiele, kreativ schöpferisch sein - das verbindet mich mit meiner Heimat. Mein Heimweh wurde auch dadurch mit gelindert." Ihre Kekse sind kleine Kunstwerke.

Nun hat sie zwei Berufe, eigentlich Berufungen: Krankenschwester und Keksdesignerin, wie sie lachend sagt. Beides macht ihr gleichermaßen großen Spaß, versichert sie. Das eine sei auch nicht der Ausgleich für das andere, beides macht sie mit viel Liebe und Hingabe. "Das eine schließt das andere ja nicht aus", sagt sie. Sie sprüht nur so vor Lebensfreude - trotz Corona und obwohl sie in ihrem Beruf als Krankenschwester ständig mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert ist. Beneidenswert, diese Sicht auf das Leben. Auf die Frage, wie sie zu dieser Einstellung gekommen ist, antwortet sie: "Das Überwinden des Kriegstraumas hat bei mir eine große Freude am Leben freigesetzt." Einerseits sei es ihr gerade im Hinblick auf ihre eigene Vergangenheit wichtig, die Ängste anderer ernst zu nehmen, gerade in der heutigen Zeit. Andererseits: Man hat nur das eine Leben und sollte versuchen, das Beste daraus zu machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare