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Auf den Spuren verfolgter Juden

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Sie sind 15, 16 Jahre alt, blicken zurück und nach vorne. Die Zehntklässler der Freiherr-vom-Stein-Schule in Dauborn beschäftigen sich seit einem halben Jahr mit dem Leben jüdischer Menschen in Hünfelden.

„Mit zwölf Jahren musste sie als Haushaltshilfe arbeiten.“ Moritz stutzt. Er ist drei Jahre älter und besucht die Freiherr-von-Stein-Schule in Dauborn. Nicht nur Luzie Klara Schubach war Haushaltshilfe. Ihre Schwester und ihre Mutter auch. Und: Am 3. März 1943 ist das Mädchen im Konzentrationslager Auschwitz gestorben. „Mit 16“, sagt Melissa. Sie und ihr Schulkamerad Moritz sind gerade mal 15 Jahre alt. Sie können sich nicht vorstellen, dass ihr Leben schon in einem Jahr zu Ende wäre.

Die Zehntklässler beschäftigen sich seit einiger Zeit mit der Reichspogromnacht, dem 9. November 1938, und der Zeit davor. Mehr noch: Sie haben durch Akten, Briefe, Bilder, Menschen kennengelernt, die ihnen sonst fremd wären. Eine Spurensuche, die dazu geführt hat, dass die Schüler Stammbäume erstellen. Sehen, wer mit wem verwandt war. Sie wissen noch mehr, denn sie haben auch erkannt: Es gab Freundschaften und Verbindungen, die brutal unterbrochen wurden. Einschüchterung, Drangsalierung, Folter, Mord. Alles ganz nah, denn die Menschen, mit denen sie sich jetzt beschäftigen, haben einmal in Hünfelden gelebt.

Kein Geschichtsbuch

„Es ist etwas ganz anderes, wenn in einem Geschichtsbuch über eine Familie aus Berlin geschrieben wird, die die Nationalsozialisten verfolgt haben“, erzählt Markus Streb. Weit, weit weg. Jetzt ist es so: Die Menschen, die leiden mussten, kamen von hier. Die, die gequält haben, auch. Wie wäre das heute? Der 31-Jährige stammt aus Hünfelden, promoviert zum Thema Nationalsozialismus und beschäftigt sich schon seit mehr als acht Jahren mit dieser Zeit in seiner Heimatgemeinde. Dabei hat er selbst festgestellt: Es geht unter die Haut. Und: Je mehr er forscht und zusammenträgt, desto deutlicher wird ihm: Dieses Wissen muss er teilen.

Zurzeit macht er dies gemeinsam mit Patricia Birkenfeld und ihren Schülern. Die Geschichtslehrerin ist beeindruckt von der Tiefe, mit der sich die jungen Leute mit diesem Thema beschäftigen. Aber eigentlich hat sie nichts anderes erwartet. Sehr viele eigene Ideen fließen mit ein, denn die Jugendlichen tun das nicht nur für sich. „Wir sammeln seit gut sechs Monaten und ich hoffe, dass am Schluss ein Materialkoffer für den Unterricht entsteht“, sagt Birkenfeld. Informationen, die andere Klassen, andere Schulen, verwenden können.

Seit etwa einem halben Jahr arbeiten sie diesen Teil der Vergangenheit auf, seit knapp zwei Jahren gibt es den Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Hünfelden“, mit dem sie kooperieren. Schon jetzt hat sich etwas geändert: „Judenverfolgung, das war irgendwo. Aber dass das hier auf dem Land ganz schlimm war, wird für die Schüler jetzt realer“, sagt Patricia Birkenfeld.

Systematik wird bewusst

Sie werten Unterlagen und Briefe aus, erstellen Biografien, holen sich weitere Informationen dazu – auch aus dem Kirberger Rathaus. Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer (parteilos) und Manfred Reusch vom Bürgerbüro zeigen alte Akten. Dabei sind auch Einträge in Geburts- und Sterberegister. Plötzlich gibt es zweite Vornamen. Alle jüdischen Mädchen heißen auch Sarah, Jungen Israel. Klare Merkmale, die Systematik der Verfolgung wird den jungen Leuten bewusst. Hinzu kommen die Details, die sie an Ort und Stelle erfahren.

In Kirberg stehen sie vor einem Friseurladen. Darüber wohnte einmal Josef Löwenstein. Er wurde 1934 zu Hause von zwei Männern angegriffen, weil er Jude war. Es gibt Aufzeichnungen, die auch belegen, dass er anschließend im Limburger Krankenhaus gestorben ist. Solche Details aus Polizeiakten sind allerdings nicht selbstverständlich, denn viele Vorfälle wurden gar nicht angezeigt – oder von den örtlichen Behörden nicht aufgenommen. „Manchmal nur, weil der Betroffene Verwandte in den USA hatte, die schon geflüchtet und zu Besuch waren. Dann fürchteten die deutschen Behörden die Reaktion der amerikanischen Botschaft und konnten es nicht einfach unter den Teppich kehren“, hat Markus Streb beobachtet. In vielen anderen Fällen überwog die Furcht auf Seiten der Opfer. Drangsal, die nie ihren Weg in die Aufzeichnungen fand.

Biografien vorstellen

Im ganzen Kreisgebiet gibt es heute eine Reihe von Gedenkveranstaltungen. Die Dauborner Schüler werden ihre Biografien heute um 17 Uhr im Musiksaal in der Freiherr-vom-Stein-Schule vorstellen. Das Thema: „Reichspogromnacht – zur Geschichte jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Hünfelden“. Dies ist der Abschluss eines Tags gegen Rassismus und Diskriminierung in der Schule, an dem sich alle Jahrgangsstufen beteiligen.

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