+
Bei Sonnenschein und blauem Himmel wäre die Gefährdung bei „Fahren auf Sicht“ sehr überschaubar, doch am Dienstagmorgen schränkte Frühnebel zwischen Kerkerbach und Runkel die Sicht deutlich ein, so dass sich zwei Züge bis auf 80 Meter näherten. Foto: Hans-Peter Günther

Vorfall Nähe Kerkerbach

Beinah-Unfall mit zwei Zügen - nur 80 Meter Abstand

Die Deutsche Bahn stuft einen Vorfall von Dienstag in der Nähe des Bahnhofs Kerkerbach als „gefährliches Ereignis“ ein. Zwei Züge waren dort in einem Gleis unterwegs, bei einem Abstand von 80 Metern.

Kerkerbach - Bereits am Dienstag kam es auf der Lahntalbahn zwischen dem Bahnhof Kerkerbach und der nachfolgenden Blockstelle Runkel zu einem von der Deutschen Bahn als „gefährliches Ereignis“ eingestuften Zwischenfall, bei dem zwei Züge nacheinander in denselben Gleisabschnitt einfahren konnten. Trotz eingeschränkter Sicht kam der zweite Zug nach einer Schnellbremsung in einem Abstand von rund 80 Metern hinter dem, vor dem Signal unterhalb von Schloss Schadeck stehenden Triebwagen zum Halten, wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren war. Ein Bahnsprecher sagt auf Anfrage nur, dass der genaue Hergang des Vorfalls derzeit noch untersucht werde. Daher wolle man sich nicht zu Details äußern.

„Fahren auf Sicht“

Es handelte sich um zwei Regional-züge der Hessischen Landesbahn (HLB), die fahrplanmäßig den Bahnhof Kerkerbach um 6.25 sowie um 6.52 Uhr in Richtung Gießen verlassen. Da der erste der beiden Züge seit über 30 Minuten vor dem rot zeigenden Blocksignal in Runkel stand, konnte der Fahrdienstleiter von Kerkerbach den sogenannten Streckenblock des Stellwerks nicht auflösen und das Ausfahrsignal auf Fahrt stellen. Stattdessen erlaubte er der Quelle zufolge dem nachfolgenden Regionalzug mit einem schriftlich erteilten Befehl und dem Vorsichtsbefehl „Fahren auf Sicht“ die Weiterfahrt. Trotz des Frühnebels konnte der Triebfahrzeugführer des zweiten Zuges noch rechtzeitig vor dem im Streckengleis stehenden Triebwagen halten, so dass es zu keinem Aufprall kam. Unklar ist, aus welchem Grund eine vor jeder Zugfahrt notwendige telefonische Absprache zwischen den Stellwerken unterblieben ist, die den Verbleib des zwischen den Stationen stehenden Zuges hätte klären können.

Lesen Sie auch: Ärger mit illegalen Fahrdiensten in Limburg: Polizei erhält anonymes Schreiben

Personalmangel bei der Deutschen Bahn

Die DB Netz hat seit Jahren einen großen Personalmangel bei der Besetzung von Stellwerken, was spätestens seit den Zugausfällen in Mainz im August 2013 offenkundig wurde. Die Fahrdienstleiter und Blockwärter schieben teilweise einen Berg von mehreren Hundert Überstunden vor sich her, ohne diese abbauen zu können. Bei der Anwerbung von neuem Personal wird bereits die Vergütung als Fahrdienstleiter zugesagt. Regulär dauert die Ausbildung laut DB „maximal drei Jahre“, die bei guten Leistungen auch früher abgeschlossen werden könnte. Doch offenbar gibt es auch noch die von Kollegen oft als „Crash-Kurs“ bezeichnete Kurzausbildung von 90 Tagen. Nach einer internen Prüfung sollen die neuen Mitarbeiter anschließend eigenverantwortlich als Fahrdienstleiter arbeiten. Früher mussten neue Kollegen zunächst Erfahrung und Routine in einer weniger umfangreichen, aber ebenso verantwortungsvollen Tätigkeit sammeln, beispielsweise in einer sogenannten Blockstelle, wie sie an der Lahntalbahn heute noch in Runkel, Villmar, Arfurt, Fürfurt oder Gräveneck bestehen.

(hpg)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare