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Kommunen im Wettbewerb um Arbeitskräfte

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Von: Petra Hackert

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Benjamin Zabel ist noch bis zum 15. Juli Bauamtsleiter in seiner Heimatgemeinde Selters. Am 18. Juli übernimmt er die Leitung des größeren Stadtbauamts in Idstein.
Benjamin Zabel ist noch bis zum 15. Juli Bauamtsleiter in seiner Heimatgemeinde Selters. Am 18. Juli übernimmt er die Leitung des größeren Stadtbauamts in Idstein. © Petra Hackert

Städte und Gemeinden haben es schwer, qualifizierte Bewerber für ausgeschriebene Stellen zu finden

Limburg-Weilburg -Drei Bauamtsleiterstellen in Vakanz, und das binnen kürzester Zeit. Die Hintergründe sind verständlich: Der Bad Camberger Bauamtsleiter Jan Pieter Subat wird Mitte Juli als Selterser Bürgermeister ins Amt eingeführt. Sein Gegenkandidat Benjamin Zabel wechselt von der Brunnengemeinde in die gleiche Funktion ins größere Idstein. Zufällig zur gleichen Zeit sucht auch Hadamar einen Bauamtsleiter - die Kommunen stehen im Wettstreit, und die Fürstenstadt ist jetzt in der zweiten Bewerberrunde.

Einfach ist es zurzeit nicht, qualifizierte Bewerber zu finden. Oft werden Leitungsfunktionen über Jahrzehnte von den gleichen Leuten abgedeckt. Wenn dann jemand in den Ruhestand geht, gibt es Lücken. Besonders, wenn geburtenstarke Jahrgänge gehen. Beispiel: Bad Camberg braucht auch noch einen neuen Hauptamtsleiter. Thomas Ickstadt hat 2023 seine 45 Arbeitsjahre erreicht. Schon jetzt sucht die Stadt nach einem Nachfolger, um mit einer gemeinsamen Übergangszeit gute Voraussetzungen zu schaffen.

Die Kreisstadt Limburg spürt den Mangel an Fachkräften genauso. "Das betrifft vor allem die technischen Stellen im Hoch- und Tiefbau oder aber auch im handwerklich-gewerblichen Bereich", erklärt Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD). Bei Stellenausschreibungen halte sich die Zahl der Bewerbungen insgesamt mittlerweile in Grenzen. "Die Auswahl ist gegenüber den Vorjahren deutlich geringer." Bisher sei es dennoch gelungen, die freigewordenen Stellen bis auf wenige Ausnahmen wieder zu besetzen. Als einen Grund nennt Hahn das Gehaltsgefüge: "Als öffentlicher Arbeitgeber können wir mit den in der freien Wirtschaft gezahlten Gehältern nicht mithalten. Immer häufiger kommt es auch vor, dass wir in Konkurrenz zu anderen öffentlichen Arbeitgebern stehen." Die Stadt Limburg könne und wolle ihr Gehaltsgefüge nicht grundsätzlich ändern, sehe jedoch durchaus die Notwendigkeit, in Einzelfällen im Beschäftigtenbereich mit einer Arbeitsmarktzulage - dort wo es auch tariflich abgedeckt ist - einen finanziellen Anreiz zu geben.

Zwischen Tarif

und sicherem Job

Das ist gar nicht so einfach. "Wir sind ja tarifgebunden", erklärt auch der Bad Camberger Bürgermeister Jens-Peter Vogel (SPD). "Wir bewegen uns da in einem sehr engen rechtlichen Rahmen." Auf der einen Seite ein Nachteil, auf der anderen gibt es durchaus Vorzüge: Ein sicherer Arbeitsplatz, auch mit Blick auf die Altersversorgung. "Wenn Flaute ist auf dem freien Markt, dann suchen alle den sicheren Job in der Verwaltung", meint Vogel.

Architekten und Bauingenieure können in der freien Wirtschaft deutlich mehr verdienen, zieht Jürgen Hundler (UWE) den Vergleich. Der Erste Beigeordnete der Gemeinde Selters vertritt gerade den Bürgermeister. Erster Beigeordneter - bis auf die Stadt Limburg ist das in den 18 übrigen Kommunen des Landkreises ein Ehrenamt. Hundler ist vor kurzem in Rente gegangen, war 43 Jahre in der freien Wirtschaft tätig - selbstständig, Firmenchef. "Das Problem ist die Vergütung bei der Kommune", weiß auch er. Aber auch: "Wenn man in der freien Wirtschaft verantwortungsvoll arbeiten will, gibt es oft keinen Samstag, Sonntag, oder eben einen recht späten Feierabend." Da hätten die Jobs in der Verwaltung Vorzüge. Und: Wohnortnahes Arbeiten, ohne pendeln zu müssen, verbessere die Lebensqualität ebenfalls deutlich.

Da hat die Corona-Pandemie gerade Maßstäbe verrückt. Das mobile Arbeiten hat gezeigt, dass Präsenz am Arbeitsplatz nicht immer notwendig ist. Im Gegenteil: "Qualifizierte Leute, die zum Beispiel in Frankfurt arbeiten, das aber jetzt von zu Hause erledigen können, wollen genau das", sagt Hundler. Ihm ist klar: Sie verdienen mehr als in der ländlichen Region, sparen das Pendeln - was zu noch mehr Druck auf dem heimischen Arbeitsmarkt führt.

Der Hadamarer Bürgermeister Michael Ruoff (CDU) kann das alles unterschreiben. Und ergänzt: "Wir suchen zum Beispiel auch noch einen Tiefbau-Ingenieur. Die Zahl der qualifizierten Bewerber ist sehr überschaubar." Die Situation habe weitere Folgen: "Der Fachkräftemangel führt dazu, dass in der Wirtschaft die Preise steigen. Es gibt zu viele Aufträge und zu wenige Leute, die es abarbeiten. Wir werden in den Rathäusern das Problem bekommen, dass wir die Beschlüsse der gemeindlichen Gremien nicht mehr umsetzen können", warnt Ruoff. Deshalb gebe es bereits weitere Überlegungen in Sachen interkommunale Zusammenarbeit. Das bestätigt Jens-Peter Vogel. Die Kommunen müssten darüber nachdenken, sich unter Umständen eines Tages qualifiziertes Personal zu teilen. "Jahrzehntelang hatte die interkommunale Zusammenarbeit den alleinigen Zweck, Kosten zu sparen", sagt Ruoff. Jetzt gehe es darum, rares Expertenwissen gemeinsam zu nutzen. Limburg, Bad Camberg, Hadamar und Weilburg sind die vier größten Städte im Kreis. Da sollte es noch leichter fallen, solche Stellen zu besetzen. "Doch die kleineren Verwaltungen, wie wollen die später noch mal einen Bauamtsleiter bekommen?", fragt Ruoff.

Große Bandbreite

an Möglichkeiten

Auch anderswo fehlt es an qualifiziertem Nachwuchs. Die Stadt Bad Camberg wirke dem entgegen, indem sie selbst recht viel und intensiv ausbilde - das schon seit Jahren, sagt Bürgermeister Vogel. Die Bandbreite der Möglichkeiten in einer Stadtverwaltung sei groß, wirbt der Rathaus-Chef, gestern gab es in Bad Camberg einen Berufsinformationstag. Wegen der Corona-Pandemie hatte es da eine Unterbrechung gegeben, doch nun wird er fortgesetzt. Es zeige sich aber auch schon bei den Anmeldungen: "Er wird ein bisschen kleiner als bisher, denn die Handwerker haben die Auftragsbücher voll."

Ein enormes Arbeitspensum überall: Die Kommune als Arbeitgeber und Dienstherr steht also in ständigem Wettbewerb. Sie könne mit anderen Faktoren als den rein finanziellen überzeugen, ist sich der Limburger Bürgermeister sicher. "Da geht es zum einen um die Sicherheit des Arbeitsplatzes, gleichzeitig um Arbeitszeitregelungen, die den Mitarbeitenden durchaus entgegenkommen. Homeoffice oder mobiles Arbeiten werden ermöglicht, dazu wird gerade eine neue Dienstvereinbarung erarbeitet, die die zurückliegenden Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie berücksichtigt", erklärt Marius Hahn. Und: "Wir bieten Job-Tickets und die Möglichkeit von E-Bike-Leasing an, kümmern uns um die Gesundheitsvorsorge unserer Mitarbeitenden durch geförderte Konditionen bei Mitgliedschaften in Fitness-Studios, unterstützen - auch im Rahmen unserer Zertifizierung zum Audit berufundfamilie - bei der Kindererziehung oder auch der Pflege von nahen Angehörigen und bieten für viele einen wohnortnahen und gut erreichbaren Arbeitsplatz."

Wenn möglich, kann die Stadt Limburg (dank eines Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung) bei wichtigen Funktionen und einer komplexen Tätigkeit den Neuzugang mit einer Einarbeitungszeit gemeinsam mit dem bisherigen Amtsinhaber unterstützen, so wie es auch Bad Camberg in Sachen Hauptamtsleiterstelle plant. "Bei uns arbeitet der scheidende Leiter der Kämmerei seinen Nachfolger über Monate ein", erklärt Marius Hahn.

Personallücke wird größer

Im Laufe der nächsten zehn Jahre wird bundesweit jeder dritte Beschäftigte im öffentlichen Dienst in den Ruhestand gehen, sich die Personallücke bis zum Jahr 2030 von vier auf fast 16 Prozent der Beschäftigten erhöhen, prognostiziert die Unternehmensberatung Mc Kinsey. Darauf haben der Deutsche Städtetag, der Deutscher Landkreistag, der Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB), der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) reagiert.

Laut einer Umrage seien die deutlichsten Auswirkungen aktuell bei den technischen Beschäftigungsgruppen der Ingenieure, Techniker, Meister, bei den Erzieherinnen sowie insbesondere bei den IT-Fachkräften zu erwarten, bilanzieren die Verbände. Schon heute sei es problematisch, IT-Spezialisten, Ingenieure und weitere Fachkräfte zu finden, die in der Zukunft Prozesse digitalisieren, optimieren und professionalisieren sollen. Zugleich werde damit der Wettbewerb um Personal mit der privaten Wirtschaft verstärkt.

Gerade in den Krisen der vergangenen Jahre - angefangen mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008, über den starken Zustrom von Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016 bis hin zur aktuellen Corona-Pandemie - zeige sich der Wert funktionsfähiger kommunaler Verwaltungen und Unternehmen, auch als Erbringer von Leistungen der Daseinsvorsorge und als Betreiber kritischer Infrastrukturen. "Verantwortung für das Zusammenleben vor Ort zu übernehmen, wird von der Bevölkerung wertgeschätzt", schreiben die Verbände in einem Thesenpapier.

Potenziellen Bewerbern sei häufig gar nicht bewusst, wie viele unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten und Tätigkeitsfelder kommunale Verwaltungen und Unternehmen zu bieten haben. Dies reiche von der klassischen Verwaltung über Bauwesen, IT-Abteilungen, Friedhofswesen, Bäderbetriebe, Wasserwerke, Stadtreinigung, Energie- und Wärmeversorgung, Telekommunikation, kommunale Bibliotheken, Kultur, Umwelt, Sport, öffentlicher Nahverkehr, kommunale Kliniken und Pflegeeinrichtungen bis hin zur Forstwirtschaft und Mobilitätsanbietern. Es würden ebenso Geomatiker benötigt wie Kfz-Mechatroniker für Nutzfahrzeugtechnik, Köche, medizinische Fachangestellte und Tierpfleger in der Fachrichtung Zoo.

Noch ein Plus: Viele - gerade junge - Menschen suchten nach einer sinnhaften Tätigkeit, von der auch das Gemeinwesen profitiert. Positive Aspekte seien außerdem Chancengleichheit, hohe Tarifbindung, Diversität, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexible Arbeitszeitmodelle, Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten, aber auch die Innovationskraft kommunaler Unternehmen mit modernsten Arbeitsmitteln und -bedingungen. Zunehmend erscheine jungen Menschen außerdem die Möglichkeit der Verbeamtung attraktiv. pp

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