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Wie geht es weiter, wenn Pflege notwendig wird? Gedanken daran zuzulassen, hilft Selbstbestimmung zu bewahren.

Versorgung im Landkreis

In der Kurzzeitpflege sind die Plätze rar

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Jede Menge Pflegeheime und Tagespflegeeinrichtungen, aber zu wenig Kurzzeitpflegeplätze. Zwar gibt es im Kreis 43 ambulante Pflegedienste, aber in einigen Gemeinden ist es schon schwer, den passenden Dienst zu finden. Und wie sieht es aus mit den Pflegekräften? In einer Serie widmen wir uns dem Thema Pflege in allen Facetten. Zum Auftakt geht es um die Versorgung im Landkreis, um die Altenhilfeplanung.

28 Alten- und Pflegeheime, 43 ambulante Pflegedienste, zwölf Tagespflegeeinrichtungen, ein Hospiz und dazu noch drei ambulante Hospizdienste, Palliativmediziner und Angebote für Menschen mit einer Demenzerkrankung – eigentlich ist der Landkreis Limburg-Weilburg ganz gut aufgestellt. „Jedenfalls gibt es seit Einführung der Pflegeversicherung keine großen Lücken mehr in der Versorgung“, sagt Ulrich Becker.

Er muss es wissen, er ist beim Sozialamt des Landkreises für die Seniorenarbeit und die Grundsatzangelegenheiten in Sachen Pflege zuständig – und damit für die Altenhilfeplanung. Der Landkreis habe die Aufgabe, die pflegerische Infrastruktur sicherzustellen, sagt Ulrich Becker: „Wir planen, wir können nicht handeln.“

Und er weiß auch, dass überall dort, wo sich mit Pflege Geld verdienen lässt, kein Handlungsbedarf besteht. Zum Beispiel bei der vollstationären Pflege, „1842 Pflegeheimplätze sind derzeit genug“, sagt Ulrich Becker. Auch bei der Tagespflege sei der Kreis gut aufgestellt. Kurzzeitpflege-Plätze sind rar – und das schon seit langem und nicht nur in der Ferienzeit.

Finanzierung schwierig

„Es ist niemand bereit, spezielle Kurzzeitpflege-Einrichtungen zu finanzieren“, sagt Ulrich Becker. Früher habe es zwei Einrichtungen gegeben, „aber die ließen sich nicht zu den Bedingungen betreiben, die der Leistungsanbieter bereit war zu zahlen“. Jetzt müssen alle, die mal Entlastung von der Pflege der Angehörigen brauchen, hoffen, dass in einem Pflegeheim ein Platz frei ist. In den Ferien ist die Chance eher gering, 122 Plätze sind nicht genug.

Wer eine Wohnung mit dem Versprechen auf „betreutes Wohnen“ sucht, wird eher fündig – vor allem in den Städten entstehen auf einmal Häuser mit Apartments. Die Preise sind hoch, aber die Bewohner wissen die Infrastruktur zu schätzen. „Auf dem Pflegemarkt lassen sich Renditen erzielen“, sagt Ulrich Becker.

Allerdings ist „betreutes Wohnen“ nicht unbedingt das, was sich die Käufer oder Mieter erhoffen. „,Betreutes Wohnen‘ ist kein geschützter Begriff“, sagt Becker. Barrierefrei muss die Wohnung sein, alles kann man sich dazukaufen: hauswirtschaftliche Unterstützung, Notruf, Gesellschaft oder Pflege.

Unter dem Begriff der „ambulanten Vollversorgung“ werden Pflege-, Versorgungs- und Betreuungsangebote zusammengefasst erklärt Becker. Dazu gehören zum Beispiel ein Apartment, ein ambulanter Pflegedienst, eine Tagespflegeeinrichtung und vielleicht noch eine Hilfe für den Haushalt. Die Preise sind dabei genauso individuell wie die Leistungen – aber genau das wissen die Bewohner zu schätzen.

Bei der Pflege ist die Wahlfreiheit Pflicht. „Das hessische Heimgesetz verbietet eine Verkoppelung mit einem Pflegedienst. Sonst wäre es eine stationäre Pflegeeinrichtung.“ Und für die gelten dann wieder andere gesetzliche Regeln und andere Pflegesätze.

43 ambulante Pflegedienste haben den Landkreis unter sich aufgeteilt, aber einige Lücken gibt es schon. Es wird immer schwieriger, einen Pflegedienst zu finden. „Die ambulante Pflege bricht uns weg“, sagt Becker. Es fehlt schlicht und einfach an Personal. Es gebe immer weniger Schulabgänger, aber große Begehrlichkeiten in den verschiedensten Berufszweigen. Also fehle es zwangsläufig an Interessenten für diesen Beruf. „Und Altenpflege geht an die Substanz.“

Wer pflegt zu Hause?

„,Ambulant geht vor stationär‘ ist immer leicht gesagt“, sagt Becker und fragt: „Wer steht denn zur Verfügung, um den Patienten den zusätzlichen Schutzrahmen zu bieten?“ Die Zahl der Pflegegeldempfänger nehme zu, die Zahl der erwerbstätigen Frauen auch. „Wer pflegt denn dann zu Hause?“ Bei vielen Pflegegeldempfängern hätten längst Frauen aus Osteuropa die Versorgung übernommen. „Ohne diese Frauen hätten wir ein Problem. Und die Gesellschaft verschließt die Augen.“ Auch vor den Arbeitsbedingungen der Frauen. Denn viele von ihnen sind nicht sozialversichert und damit quasi rechtlos. Rund 2000 Euro kostet eine Pflegehilfe aus Polen oder Bulgarien – wenn sie angemeldet und sozial- und rentenversichert ist. „Die Preise hängen auch von den Deutschkenntnissen ab.“ Wer Konversation führen möchte, zahlt mehr.

Studien zeigten, dass eigentlich niemand ins Altenheim wolle, sagt Becker. Und mit jedem Heim, das Probleme hat, werde diese Art des Wohnens weiter diskreditiert. Dennoch seien Pflegeheime unverzichtbar. Einige Menschen seien im Heim einfach besser aufgehoben als zu Hause: „Wenn die häusliche Pflege nicht mehr leistbar ist oder jemand vereinsamt.“

Gemeinsinn zeigen

In Sachen Pflege habe sich inzwischen einiges getan, sagt Becker. Aber noch nicht genug und nicht immer das Richtige: Die Gesellschaft könne die Verantwortung nicht einfach auf die Behörden und Ämter übertragen, sagt Becker: „Die können die Verantwortung gar nicht tragen.“ Die Menschen müssten sich wieder gegenseitig unterstützen, „das Quartier neu beleben“, alternative Wohnformen schaffen, Gemeinsinn zeigen. 

Früher habe man sich doch auch geholfen. „Wir alle sind gefragt.“ Schließlich ist es schon lange bekannt, dass die Menschen immer älter und damit pflegebedürftiger werden. „Aber da ist irgendwann niemand mehr, der uns pflegt.“

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