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Evangelisch und zölibatär, warum nicht? Sagt Bruder Franziskus von der Jesus-Bruderschaft in Gnadenthal.

Pfarrer Christoph Joest

Ein Leben für den Dienst an der Gemeinde

Er ist evangelisch und lebt zölibatär – ungewöhnlich, aber kein Widerspruch. Als evangelischer Pfarrer hat Bruder Franziskus viele Jahre lang das religiöse und spirituelle Leben der Jesus-Bruderschaft stark geprägt. Und er tut es noch immer.

Vor 45 Jahren trat Christoph Joest in die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal ein, wurde Bruder Franziskus und hat als evangelischer Pfarrer das religiöse und spirituelle Leben der ökumenischen Kommunität stark geprägt. Er hat das Evangelium verkündigt, war Seelsorger und Lehrer, Meditationsbegleiter und Ansprechpartner für viele, die den Weg nach Gnadenthal gesucht und gefunden haben. Und: Er ist der „Urheber“ der Weggemeinschaft, einem Kreis von dezentral lebenden Mitgliedern, die neben den Brüdern, Schwestern und Familien auch zur Jesus-Bruderschaft gehören. Bis heute ist er als Spiritual im „Haus der Stille“ tätig.

Ein evangelischer Pfarrer, der zölibatär lebt – warum? „Es ist jedem freigestellt“, so Bruder Franziskus. „Ein Leben nach dem Zölibat ist nicht jedem gegeben. Jeder hat andere Gaben, Begabungen, Aufgaben. Wer heiraten und Kinder haben möchte, kann dies nach evangelischem Glauben tun. Aber wer freiwillig in einem Orden leben will, kann auch dies tun. So ist es bei Luther nachzulesen. Wichtig ist nur, dass man seine Begabungen in den Dienst und zum Nutzen der Gemeinde einsetzt.“

Tiefer Glaube

Aufgewachsen ist Christoph Joest in Heidelberg und Erlangen. Den Glauben an Gott und die Liebe zu Jesus haben ihm seine Eltern mitgegeben. Schon als Kind habe er einen tiefen Glauben gespürt. Welchen Weg er jedoch später gehen, was aus ihm mal werden würde, war damals noch nicht so absehbar, sagt der heute 69-Jährige rückblickend. Denn in den Naturwissenschaften sei er in der Schule ebenfalls sehr gut gewesen, so dass sein Leben grundsätzlich auch ganz anders hätte verlaufen können, wenn da nicht eines Tages dieses Erlebnis gewesen wäre – eigentlich nichts Spektakuläres, sondern ein Gefühl von tiefer Freude, das ihn erfüllt habe, als er über Jesus nachdachte. Dieser Impuls, diese Freude, sei es gewesen, die in ihm den Entschluss auslöste, sein Leben Jesus zu widmen. „An Theologie hatte mich schon immer die Möglichkeit fasziniert, wissenschaftlich arbeiten zu können. Die Einbettung des Alten Testaments in die Geschichte des Orients, die Geschichte der Babylonier und die der Sumerer – das alles hat mich schon im Religionsunterricht in Bann gezogen.“ Und so studierte er Theologie – erst in Erlangen, später in Hamburg. Dort lernte er während seiner Tätigkeit im Leitungsteam in der Studentenmission in Deutschland (SMD) zwei Brüder der Jesus-Bruderschaft kennen. Und die war gerade nach Gnadenthal gekommen, erinnert sich Bruder Franziskus lächelnd. „Ich weiß noch, wie der eine Bruder vom neuen Brüderhaus erzählt hat.“ Als sie für eine gemeinsame Freizeit mit anderen SMD-Gruppen einen geeigneten Veranstaltungsort suchten, habe dieser sie nach Gnadenthal eingeladen. Nach diesem Treffen habe er noch an einer Pfingstfreizeit teilgenommen und sei danach noch eine Woche geblieben – mit eigenem Programm. „Dabei habe ich Gnadenthal kennengelernt und die Jesus-Bruderschaft“, erzählt er.

Strukturiertes Leben

Es habe ihn sofort angesprochen. „Da war diese Liebe zu Jesus, die hier lebte, und die korrespondiert hat mit der Freude in mir… So stellte sich mir recht bald die Frage, ob die Jesus-Bruderschaft auch für mich ein Weg sei. Der Brüderzweig der Jesus-Bruderschaft ist eine Gemeinschaft, die ordensmäßig strukturiert ist, dazu gehört ein zölibatäres Leben.“ Er zog in Hamburg bei den Brüdern und Schwestern der Jesus-Bruderschaft mit ein – auf Probe. Neun Monate später beantwortete er die Frage für sich mit einem deutlichen „Ja!“ Im März 1973 wurde er im Rahmen eines Gottesdienstes feierlich aufgenommen und erhielt den Namen „Bruder Franziskus“. – „Sonst hätte es eine Namensdopplung gegeben“, erklärt er dazu. So fügte sich eines zum anderen.

Später ging er während des Vikariats nach Berlin in die damalige Station der Jesus-Bruderschaft und wurde Pfarrer. In den 80er Jahren war er in den USA bei einer befreundeten Kommunität, „Word of God“, lebte dort eine Zeit lang mit bei den dortigen Brüdern. „Es ist eben eine andere Lebensweise, die man dort erfährt – nicht nur eine andere Sprache und ohne Tracht, andere Essgewohnheiten und in der Freizeit viel Sport.“ Damals sei er fast täglich vier bis fünf Kilometer Joggen gegangen, habe auch Fußball gespielt, erzählt Bruder Franziskus. Inzwischen lasse die Gesundheit das nicht mehr zu. Dafür gehe er täglich eine halbe Stunde zügig durchs Wörsbachtal. Fußball schaut er im Fernsehen noch immer gern.

Promoviert hat er zum Thema „Spiritualität evangelischer Kommunitäten“ in Verbindung zur altkirchlich-monastischen Tradition – bezeichnenderweise an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt, einer katholischen Einrichtung. Seine Freizeit widmet Bruder Franziskus vorwiegend Pachom, dem Urvater des Klosterlebens (287 bis 347). Dafür hat er Koptisch gelernt. Im deutschsprachigen Raum gilt er als Spezialist dieses Fachs, hat viele international beachtete Veröffentlichungen platziert.

Und sonst? Zur Entspannung liest er Krimis, leidenschaftlich. Manchmal sieht man ihn in Gnadenthal in der Sonne auf einer Bank am Teich sitzen, Pfeife rauchend und mit einem spannenden Krimi in der Hand.

von Gundula Stegemann

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