Leben wie vor 100 Jahren

Vor hundert Jahren nutzten die Menschen die Wintermonate, um Kerzen herzustellen und die Dunkelheit, die schon früh hereinbrach, ein wenig zu erleuchten. Diesen Brauch hat der Verein „Kirberg Einst und Jetzt“ nun aufgegriffen…

Von Leoni Dowidat

„Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig…“ Eifrig zählt Jakob jedes Mal mit, wenn er seine Kerze in das heiße Wachs taucht. Nach kurzer Zeit steht das Ergebnis fest: „Zweiundfünfzig!“ So oft muss der Docht erst in das Wachs und dann ins kalte Wasser versenkt werden, um eines der schönen Gebilde zu erhalten, die an diesem Morgen im Keller des „Alten Rathauses“ in Kirberg schon in vielfacher Ausführung zum Trocknen aushängen. Und obwohl es ein wahres Geduldsspiel ist, sind alle mit Feuereifer dabei: „Die wenigsten Kinder sind mit einer Kerze zufrieden“, erzählt Sandra Walther schmunzelnd.

„Ich denke, dass heute wahrscheinlich um die 80 Kerzen gezogen werden.“ Eine Zahl, die angesichts der geschätzten 30 Kinder, die über den Tag verteilt in den Rathauskeller kommen, nicht erstaunt: Denn das Kerzenziehen, welches der Verein „Einst und Jetzt“ nun schon zum zweiten Mal veranstaltete, ist nicht nur bei den Kindern aus dem Flecken selbst beliebt. Sogar eine Familie aus Runkel-Dehrn ist mit ihren Sprösslingen angereist.

„Vor etwa eineinhalb Jahren, bei unserer Premiere, waren auch Kinder aus Eisenbach gekommen!“, so Sandra Walther. Der Wachskocher war damals eigens für Aktionen wie diese vom Verein „Kirberg Einst und Jetzt“ angeschafft worden – eine lohnende Investition angesichts der strahlenden Gesichter. „Darf ich auch?“, bettelt ein Mädchen. Und von Sandra Walther mit einem langen Faden ausgestattet, geht es gleich los mit dem Kerzenziehen: Zunächst wird der Flachdocht durch den heißen Wachs gezogen. Dann wird die Schnur vorsichtig in ein kaltes Wasserbad getaucht, damit das Wachs härten kann. Diese Prozedur wird nun immer wieder wiederholt – genau 52 Mal, wie Jakob ja schon zuvor herausgefunden hatte.

Oster-Aktionen

Doch während die Beschäftigung mit den bunten Wachstöpfen für die Gekommenen ein sichtbares Vergnügen ist, war das Kerzenziehen für frühere Generationen eine langwierige Arbeit – typisch für den Winter. „Deshalb veranstalten wir diese Aktion auch immer in der kalten Jahreszeit“, verrät Sandra Walther. Das Anbieten von alten Handwerkstechniken gehört im Historischen Museum des Flecken Kirbergs zum festen Programm der „Museumspädagogischen Abteilung“: „Um Erwachsenen zu zeigen, wie die Menschen früher gelebt haben, genügt oft ein Exponat und eine Ausstellungstafel. Kinder lernen aber nach wie vor dadurch, dass sie etwas selbst tun“, erklärt Sandra Walther den Ansatz, der hinter allen Veranstaltungen steht. Diese organisiert sie zusammen mit Jutta Hofmann und wird dabei oft auch von Bärbel Leukel und Christine Wenzhöfer unterstützt. Die Leitfrage, die die Frauen sich dabei stellen: Wie können wir den Kindern vermitteln, wie die Menschen früher gelebt und gefeiert haben? Als nächstes Projekt bietet sich da natürlich Ostern an: Am 29. März, den Sonntagmorgen vor Ostern, öffnen sich die Türen des „Alten Rathauses“ wieder. „Wir wollen mit natürlichen Farben Ostereier färben“, verrät Sandra Walther. Aber auch die Erwachsenen kommen nicht zu kurz: Am Abend zuvor findet in Kirberg wieder die beliebte Führung „Kirberg bei Nacht und Nebel“ statt. Bei „Äbbelwoinhinkelche“ und Handkässalat erwartet die Gäste viel Interessantes über den Flecken und einen aufregenden Nachtspaziergang durch die heimischen Gefilde. Doch sollten Eltern es an diesem Termin nicht ganz zu bunt treiben: Schließlich werden ihre Zöglinge am nächsten Morgen ja von Sandra Walther und ihrem Team erwartet. . .

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