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Nach dem Mord in der Weiersteinstraße (Foto) und dem Lkw-Anschlag auf der Schiede sorgen sich viele Limburger um die Sicherheit in der Stadt.

Interview zur Sicherheit in Limburg

Lkw-Amokfahrt und Bluttat: „Auf diese ‚Werbung‘ würden wir gern verzichten“

Ist Limburg noch sicher? Diese Frage stellen sich viele, nachdem zuletzt ein Mord auf offener Straße und die Lkw-Amokfahrt die Stadt erschütterten. Im Interview erläutern Polizeichef, Bürgermeister und Stadtrat ihre Sicht auf die Situation. 

Der bestialische Mord in der Weiersteinstraße und der Lkw-Anschlag auf der Schiede haben die Menschen in der Region erschüttert. Nach zwei schrecklichen Ereignissen in kurzer Zeit sorgen sich viele nun noch mehr um die Sicherheit in Limburg. Joachim Heidersdorf hat darüber mit Polizeichef Frank Göbel, Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) und dem Ersten Stadtrat Michael Stanke (CDU) gesprochen.

Wie sicher ist Limburg?

Göbel: So sicher wie viele andere Städte in Deutschland auch. Absolute Sicherheit kann es nirgendwo geben. Tatsache ist, dass die Polizei ihre Anstrengungen und ihre Präsenz in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert hat und dass die Zahl der Delikte ebenso kontinuierlich zurückgeht. Wir werden uns künftig trotzdem noch stärker in Limburg engagieren. Zwischen dem objektiven und dem subjektiven Sicherheitsgefühl besteht nun einmal ein großer Unterschied.

Limburg nach Lkw-Amokfahrt und Mord: Kriminalstatistik zeigt anderen Trend

Dann nennen Sie doch bitte Fakten.

Göbel: Die Fallzahlen in der Kriminalitätsstatistik sind in den vergangenen zehn Jahren für den Landkreis Limburg-Weilburg von 9557 auf 7226 deutlich zurückgegangen, gleichzeitig ist die Aufklärungsquote verbessert worden. Die Entwicklung für die Kreisstadt Limburg verläuft in den letzten zehn analog, d. h. die Anzahl der Straftaten ist von 4021 auf 2859 gefallen.

Mit dieser Statistik können Sie aber etwa den Bürgern am Bahnhof nicht die Angst nehmen.

Göbel: Vermutlich leider nicht, doch auch für diesen Bereich können wir dokumentieren, dass die Polizei etwas tut und erfolgreich ist. Seit März 2017, als das Thema hochkochte, haben insgesamt 1480 Beamte nachmittags und abends 675 Einsatzstunden am Bahnhof geleistet. Wir haben dabei 2700 Personen kontrolliert, 86 davon vorübergehend festgenommen und 160 Strafanzeigen erstattet. Darüber hinaus hat auch die Bundespolizei seit Frühjahr 2019 ihre Präsenz verstärkt.

Erster Stadtrat Michael Stanke, Bürgermeister Dr. Marius Hahn und Polizeichef Frank Göbel im Gespräch mit NNP-Redaktionsleiter Joachim Heidersdorf (von links).

Sicherheit in Limburg: Vorwürfe gegen die Stadt machen Bürgermeister betroffen

Ist die Stadt damit zufrieden?

Hahn: Für die stärkere Präsenz und die sehr gute Zusammenarbeit mit der Polizei sind wir sehr dankbar. Wir fordern allerdings noch mehr Einsatzkräfte in Limburg. Und ich möchte betonen, dass auch die Stadt sehr viel für die Sicherheit der Bürger leistet; weit mehr als vergleichbare Städte.

Das bekommen viele Bürger offensichtlich nicht mit.

Hahn: Die Vorwürfe, dass die Stadt nicht genug unternimmt, machen mich persönlich sehr betroffen. Das treibt mich um. Wir hinterfragen uns ständig und tun wirklich, was wir können - personell und finanziell.

Was leistet die Stadt denn personell und finanziell?

Stanke: Die Verwaltung und die politischen Gremien der Stadt räumen der Sicherheit unserer Mitbürger oberste Priorität ein. Deswegen sind wir auch bereit, unpopuläre Maßnahmen zu treffen, wie die partielle Sperrung der Ste.-Foy-Straße am Oktoberfest. Allein das Ordnungsamt hat beim Oktoberfest 275 Stunden geleistet. 20 Mitarbeiter sind beim Christkindlmarkt im Einsatz und verrichten dort im Wechsel Sonderdienste. Ab Januar haben wir insgesamt 23 Ordnungshüter im Einsatz. Die meisten Städte unserer Größe haben viel weniger Beschäftigte im Ordnungsdienst. Das macht uns keinen Spaß, sie auch zu Nachtdiensten einzuteilen.

Hahn: Und wir übernehmen im freiwilligen Polizeidienst Leute von anderen Kommunen, die diese Tätigkeit abgeschafft haben. Andere machen weniger, wir machen mehr.

Bluttat und Lkw-Amokfahrt: Zu wenig Polizei für kritische Lagen in Limburg?

Das ändert alles nichts daran, dass es nach Meinung vieler Bürger zu wenig Polizisten in Limburg gibt und die Beamten im Notfall oft zu spät kommen.

Göbel: Jeder Direktionsleiter hätte natürlich gerne mehr Mitarbeiter, ich auch. Die genannten Zahlen zeigen, dass wir im Kreis Limburg-Weilburg gute Arbeit leisten und die Bürger Vertrauen in ihre Polizei haben können. Wir können nicht überall gleichzeitig sein und müssen priorisieren. Bei einer Ruhestörung oder anderen Dingen, bei denen keine unmittelbare Gefahr in Verzug ist, kann es schon einmal etwas länger dauern.

Innenminister Beuth hat 1500 zusätzliche Polizisten bis 2022 in Hessen angekündigt. Wie viele davon kommen nach Limburg?

Göbel: Fest steht, dass wir in der Direktion auch zusätzliches Personal erhalten. Das bedeutet konkret, dass wir in Limburg den Wechselschichtdienst verstärken und den Polizeiposten am Bahnhof durchgehend im Früh- und Spätdienst besetzen.

Nach Bluttat und Lkw-Amokfahrt: Mehr Polizeistreifen in Limburg erwünscht

Wie stark oder schwach ist die Polizeidirektion Limburg-Weilburg aktuell besetzt?

Göbel: Wir haben zurzeit rund 220 Mitarbeiter inklusive der Führung, Verwaltung und Serviceeinheiten. Davon sind insgesamt rund 120 uniformierte Kollegen/innen im Ermittlungs-, Verkehrs- und Schichtdienst. Hinzu kommen 60 Mitarbeiter bei der Kriminalpolizei Limburg. Der Ermittlungs- und Schichtdienst wird in Limburg von 70 Kollegen/innen wahrgenommen, dazu zählen auch die beiden Polizeiposten in Bad Camberg und am Bahnhof in Limburg sowie der Schutzmann vor Ort in Hadamar. Die Polizeistation in Weilburg deckt diesen Aufgabenbereich mit 40 Mitarbeitern ab.

Und wie viele Streifen sind im Kreis unterwegs? Angeblich lediglich zwei in Limburg und zwei in Weilburg.

Göbel: Das passt in etwa. Allerdings möchte ich aus polizeitaktischen Gründen hierzu keine konkreten Zahlen nennen.

Hahn: Aber ich. Es ist kein Geheimnis, dass andere Direktionen - auch in der Umgebung und im Bereich des zuständigen Polizeipräsidiums Westhessen - wesentlich besser besetzt sind als die Limburger. Nach meinen Erkenntnissen gibt es dort doppelt so viele Streifen wie hier. Das ist eine große Ungerechtigkeit und durch nichts zu begründen. Wir werden künftig mit noch mehr Nachdruck auf diesen Missstand hinweisen. Dabei hoffen wir auf die Unterstützung der Politik.

Bluttat und Lkw-Amokfahrt in Limburg: „Taten hätten überall geschehen können“

Herr Dr. Hahn, so viel Publicity wie Limburg hat kaum eine andere vergleichbare Stadt in Deutschland. Wie geht der Bürgermeister damit um?

Hahn: Auf diese "Werbung" würden wir gern verzichten. Wir müssen festhalten, dass die beiden furchtbaren Ereignisse mit Limburg im Grunde nichts zu tun haben. Sie sind hier passiert, weil wir Menschen in Not so etwas wie eine Heimat geboten haben. Der Amokfahrer besuchte Verwandte in Limburg, die hier eine neue Bleibe finden wollen. Das Mordopfer floh vor dem Ehemann ins Frauenhaus. Beide Taten hätten überall geschehen können.

Das ist unstrittig, trotzdem bleibt bei vielen ein anderer Eindruck.

Göbel: Das stimmt bedauerlicherweise. Dieser negative Doppelschlag ist für das Sicherheitsgefühl in Limburg ein Rückschritt, was auch für mich nachvollziehbar ist.

Hahn: Zweifellos. Bei aller Tragik und aller Trauer sollten wir aber auch mal hervorheben, wie besonnen und hilfsbereit die Bürger Limburgs reagiert und wie großartig alle Einsatzkräfte gearbeitet haben. Mein Wunsch an die Stadtpolitik und an die Bevölkerung - und der orientiert sich nicht nur an der bevorstehenden Weihnachtszeit: Fokussieren wir uns nicht immer auf das Negative. Lassen wir ein wenig Zufriedenheit zu und machen unsere schöne und dynamische Stadt nicht immer so schlecht.

Das Interview führte Joachim Heidersdorf

Die beiden Fällen, die die Diskussionen über die Sicherheitslage in Limburg ausgelöst haben, sorgten bundesweit für Aufsehen. Im Oktober fuhr ein Mann in Limburg mit einem gekaperten Lkw in mehrere Autos. Zwischenzeitlich bestand der Verdacht, es könnte sich um einen Terroranschlag handeln. Mittlerweile ist aber klar, dass das Motiv des Täter im persönlichen Bereich lag. Nur wenige Wochen später tötete ein Mann auf offener Straße seine Ehefrau. Er überfuhr sie mit seinem Auto und griff sie mit einer Axt an. Der Mord machte das Wort Femizid deutschlandweit bekannt. Der Täter hatte seine Frau zuvor in einem Limburger Frauenhaus aufgespürt. 

Mitten in Limburg eskaliert ein Streit zwischen einem Mann und einer Frau. Er zückt ein Messer. Ein Beobachter schreitet ein – dann geht alles ganz schnell.

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