Lieferengpässe

Medikamenten-Versorgung in Gefahr - Apotheke in Limburg schlägt Alarm

In den Apotheken herrscht Notstand: Medikamente können nicht geliefert werden, betroffene Patienten reagieren aggressiv.

  • Notstand in Apotheke
  • Medikamente in Limburg fehlen
  • Patienten reagieren immer aggressiver

Limburg - Dr. Gudrun Ahlers will nicht viele Worte machen. Sie nimmt den Journalisten lieber mit an den großen Vorratsschrank in der St. Antonius-Apotheke in Eschhofen und zieht eine Schublade raus. Fast alle Fächer für Blutdrucksenker sind leer. "Eine mittlere Katastrophe", sagt die Frau, die seit 44 Jahren diese Apotheke führt. "So schlimm war es noch nie." Um die Dramatik zu verdeutlichen, zeigt Ahlers auch die Depots für Antibiotika, Impfstoffe, Schmerzmittel und Antidepressiva. Auch dort herrscht "Ebbe".

Ihre Mitarbeiterin Jutta Biebel sieht Rot, wenn sie im PC die Verfügbarkeit bestimmter Präparate prüft. Überall rote Haken auf der sogenannten Defektliste. Das bedeutet, dass diese Arzneimittel aktuell nicht geliefert werden können.

83 verschiedene Präparate waren es am Freitagnachmittag in Eschhofen. Eine Momentaufnahme, stellvertretend für die meisten anderen Apotheken in der Region. Die Betreiber klagen über die Lieferengpässe, die sie zwar nicht zu verantworten haben, für die sie aber büßen müssen. "Viele Kunden beschimpfen uns, wenn wir nicht mit dem gewünschten Medikament dienen können", sagt Gudrun Ahlers, die viele Jahre Sprecherin des Apothekerverbandes im Landkreis war. "Die Aggressivität nimmt spürbar zu. Auch das war früher ganz anders", sagt sie.

Dabei kann die Fachfrau den Unmut ja teilweise verstehen: Patienten erhalten ihr Medikament oft nur mit Verspätung, in anderer Dosis oder gar nicht. "Das bedeutet für uns neben dem Ärger einen großen Mehraufwand, der nicht honoriert wird", sagt die promovierte Pharmazeutin. Die Suche nach alternativen Wirkstoffen erfordere viel Zeit.

Medikamenten-Notstand in Limburger Apotheken: Schlechte wirtschaftliche Lage

Die kontinuierlich verschlechterten wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen machen den Verantwortlichen schon länger zu schaffen; das bleibt nicht ohne Folgen. Allein in Limburg haben in den vergangenen Jahren vier Apotheken geschlossen, außerdem eine in Dehrn. Den Rückgang spürt Gudrun Ahlers auch persönlich. Alle 15 Tage hat sie Nachtdienst; vor nicht allzu langer Zeit musste sie nach 20 Tagen wieder ran.

Die Lieferengpässe sorgen für neue Probleme. "Das liegt vor allem an den Rabattverträgen. Fast alle Präparate werden aus Kostengründen nur noch in China und Indien produziert; viele kommen aus verschiedenen Gründen nicht nach Deutschland", erklärt Ahlers. Mal falle eine Charge aus, mal werde ein Werk wegen Verunreinigung geschlossen.

Ebbe im Vorratsschrank: Dr. Gudrun Ahlers zieht eine Schublade für Blutdruck senkende Medikamente auf. Die meisten Fächer sind leer.

Antonia Breunig , Inhaberin der Brunnen-Apotheke in Aumenau , hat ebenfalls täglich mit dem Dilemma zu tun, dass bestimmte Medikamente nicht erhältlich sind. Am einfachsten sei es, auf einen anderen Hersteller auszuweichen, doch manchmal seien auch bestimmte Wirkstoffe knapp. Aktuell sei beispielsweise der Blutdrucksenker Candesartan nicht vorrätig. 

Vor einem halben Jahr sei das Schmerzmittel Ibuprofen betroffen gewesen. Auffällig sei, dass weniger die nur selten verordneten Mittel knapp seien, sondern gerade täglich nachgefragte Massenmedikamente. Die Kunden müssten zum Teil längere Wartezeiten in Kauf nehmen oder alternative Wirkstoffe nehmen, sagt Breunig. Manchmal sei es auch möglich, auf eine andere Stärke als die vom Arzt verordnete auszuweichen. "Das müssen wir dann aber mit dem Arzt und den Patienten abstimmen."

Medikamenten-Notstand in Limburg: „Die Situation zieht an den Nerven“

Über die wirtschaftliche Zukunft ihrer kleinen Landapotheke Ortsteil äußert sich Antonia Breunig zuversichtlich. Sie habe das Geschäft erst zu Jahresbeginn von ihrem Vorgänger übernommen und sich diesen Schritt "sehr gut überlegt", wie sie sagt. "Ich gehe davon aus, dass sich das Geschäft lohnt." Allerdings wisse sie auch, dass nicht jede alte Apotheke überlebensfähig ist, nur weil sie schon seit 50 Jahren existiert.

"Die Situation zerrt an den Nerven", kommentiert Christine Rittweger (59) von der Apotheke am Markt in Hadamar . "Wir können fast kein Rezept mehr normal beliefern", sagt sie. Schwierig sei die Lage etwa bei Blutdruckmitteln oder Psychopharmaka. Zwar könnten in der Regel Arzneimittel anderer Hersteller mit dem gleichen Wirkstoff besorgt werden. Doch wenn die Präparate in anderen Stärken geliefert würden, müssen sie auch anders dosiert werden. Das aber sei zeitintensiv, weil sich der Apotheker zunächst mit dem Arzt auseinandersetzen muss, der das Medikament verordnet hat.

Medikamente in Limburg fehlen: „Die Politik muss handeln“

Und dann muss dem Patienten die geänderte Dosierung erklärt werden. Denn wenn bei dem Derivat die Stärke des Wirkstoffs vom Original abweicht, verändert sich auch die Menge, die eingenommen werden muss. Die Folge: Anstatt wie gewohnt eine Tablette einzunehmen, müssen dann unter Umständen vier geschluckt werden. Gerade ältere Patienten verwirre das, sagt Rittberger.

Die Erklärung für die Lieferengpässe liegt ihr zufolge auf der Hand: Aus Kostengründen sei die Produktion zu einem großen Teil in den asiatischen Raum verlegt worden. Dazu kommt, dass die wenigen Pharma-Unternehmen, die hierzulande produzieren, aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland verkaufen. "Die Gewinnmargen sind dort größer", sagt Apothekerin Rittweger. Sie fordert, die Politik müsse handeln und die Produktion im Inland ankurbeln.

Zur Zukunft der Apotheken im Allgemeinen äußert sich Christine Rittweger verhalten. Die Konkurrenz von Internet-Apotheken bei freiverkäuflichen Medikamenten sei spürbar. Gegen die Dumpingpreise könnten niedergelassene Apotheken nur schwer bestehen.

Kritisch sei darüber hinaus die Lage am Arbeitsmarkt. "Ich suche seit sechs Monaten eine pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) - bislang ohne Erfolg." Auch hier müsse die Politik handeln, meint sie. Denn bislang muss die Ausbildung zur PTA und den Auszubildenden selbst gezahlt werden.

Medikamenten-Notstand: Situation in Limburg ist ernst

"Natürlich kennen wir das Problem der Medikamenten-Knappheit", berichtet Cornelia Gondermann , Mitinhaberin der Neuen Amtsapotheke in Bad Camberg. Von einem "Notstand" will sie zwar nicht sprechen, doch die seit etwa einem Jahr bestehende Situation sei durchaus ernst.

Engpässe gab es vor allem bei Ibuprofen, aber auch bei Blutdrucksenkern, Mitteln gegen Herz- und Kreislauferkrankungen, ja sogar bei Psychopharmaka, erläutert Gondermann. Bisher sei es - in Absprache mit dem Arzt - immer noch möglich gewesen, Alternativen für die Patienten zu finden, sei es durch einen anderen Hersteller oder einen anderen Wirkstoff. Der Engpass bei Ibuprofen ist nach ihren Angaben beispielsweise deshalb entstanden, weil ein Werk in Indien, das für den weltweiten Markt produziert hatte, wegen Verunreinigungen geschlossen werden musste.

Aber auch der harte Preiskampf im Arzneimittelsektor wirke sich negativ auf die Versorgung hierzulande aus, sagt Cornelia Gondermann. "Unsere Generikahersteller drücken unheimlich den Preis", so die Bad Camberger Apothekerin. Die Folge: Zuerst würden Märkte beliefert, auf denen höhere Preise zu erzielen sind, beispielsweise die USA, aber auch Großbritannien oder die Schweiz. In Deutschland werden die Medikamente dann knapp.

hei/abv/goe

In Marxheim: Hier lagern 20.000 Medikamente.

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