Anspruch auf Schmerzensgeld und Unterhalt

„Axtmörder“-Prozess: Verteidiger fordert neuen Gutachter

Der „Axtmörder“-Prozess tritt in die entscheidende Phase. Der Verteidiger von Imad A. stellt Forderung an das Gericht.

  • Der „Axtmörder“-Prozess in Limburg tritt in die entscheidende Phase.
  • Der Verteidiger Wolfgang Stahl übt heftige Kritik am psychiatrischen Sachverständigen. 
  • Er fordert die Bestellung eines zweiten Gutachters. 

Limburg – Ein neuer Gutachter soll beweisen, dass das Verhalten von Imad A. vor und bei der Bluttat am 25. Oktober 2019 sich auf eine "krankhafte seelische Störung" zurückführen lässt. Würden die Voraussetzungen erfüllt, wäre der 34-Jährige nur vermindert schuldfähig.

In seinem insgesamt 32-seitigen Antrag an die 2. Große Strafkammer des Landgerichts begründet Wolfgang Stahl ausführlich seine bereits angedeutete Kritik am psychiatrischen Sachverständigen. Der Staranwalt nimmt die Expertise von Professor Dr. Hartmut Berger von vorne bis hinten auseinander. Im Klartext spricht er dem Lehrbeauftragten des Fachbereichs Psychologie und Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt die Eignung für seine Aufgabe ab.

„Axtmörder“-Prozess in Limburg: Verteidigung kritisiert das psychiatrische Gutachten

Nach Angaben Stahls erfüllt das Gutachten weder in formaler noch in inhaltlicher Hinsicht die Mindestanforderungen. Der Verteidiger listet eine Vielzahl vermeintlicher Fehler auf und kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Es besteht Grund zu der Annahme, dass der Sachverständige nicht über die erforderliche Sachkunde verfügt.“

Hintergrund: Berger hat den sogenannten „Axtmörder“ von Limburg als voll schuldfähig bewertet und keine Anhaltspunkte für den gescheiterten Versuch eines Suizids gesehen.

Laut Stahl ist der Psychiater in der Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten von unzutreffenden Voraussetzungen (Anknüpfungstatsachen) ausgegangen.

Berger habe auf nochmaliges Befragen erklärt, dass im nahen Zeitfenster vor dem Tatgeschehen kein präsuizidales Syndrom und auch im Übrigen keine Gedanken an eine Selbsttötung feststellbar gewesen seien. Zudem habe er die Diagnose der behandelnden Psychologin als Fehldiagnose bezeichnet und selbst anhand unzulässiger Instrumente eine nicht zutreffende Diagnose bezüglich des Schweregrads der Depression Imads gestellt.

„Axtmörder“-Prozess in Limburg: Aggressive Phantasien und Suizidgedanken

Der Koblenzer Anwalt geht detailliert auf fachliche Grundlagen ein und bezieht sich auf eine umfangreiche Methoden-kritische Prüfung des Gutachtens durch Prof. Dr. Pedro M. Faustmann. Der Arzt für Neurologie und Forensische Psychiatrie der Ruhr-Universität Bochum gilt als Koryphäe und bildet auch medizinische Sachverständige aus. Faustmann kommt aufgrund der Aktenlage zu einem ganz anderen Ergebnis als sein ebenfalls erfahrener Kollege.

Die von Berger zusammengetragenen Aspekte des psychischen Befindens weisen demnach „im Kontext der ehelichen Beziehung ab Juli 2019 auf erhebliche subjektive Bedrängnis und emotionale Beeinträchtigungen des Herrn A. mit zunehmender depressiver Herabgestimmtheit und Angst (um die Kinder) und Verzweiflung hin“.

Der Schweregrad der psychischen Störung werde durch einen erneuten Alkoholkonsum, die Arbeitsunfähigkeit und Aufnahme einer Psychotherapie ab September 2019 gestützt.

„Axtmörder“-Prozess in Limburg: Verhaltensweisen des Angeklagten deuten auf Anpassungsstörung hin

Faustmann erläutert, dass die beschriebenen Erlebens- und Verhaltensweisen des Angeklagten die erforderlichen Kriterien für eine Anpassungsstörung erfüllen.

Der Bochumer Mediziner hält das Gutachten für „insofern nicht plausibel, als dass die Diagnose Anpassungsstörung trotz der referierten psychischen Zustandsentwicklung des Herrn A. zunächst nicht gestellt wird“ und die bekannte Psychotherapie in der medizinischen Anamnese nicht erfragt wurde. Dabei sei bereits in der Aufnahmeuntersuchung der JVA die Diagnose Anpassungsstörung gestellt worden.

„Im nahen Zeitfenster vor der Tat ist zudem eine zunehmende emotionale Einengung mit Affektdominanz, empfundener Ausweglosigkeit und aggressiven Phantasien und Suizidalität festzustellen und handlungsleitend“, berichtet Faustmann. Diese Aspekte würden von Berger nicht ausreichend gewürdigt und forensisch-psychiatrisch bewertet.

Der Angeklagte im Limburger „Axtmörder“-Prozess: Imad A. mit seinem Verteidiger. 

Entgegen dem Gutachten solle der „Axtmord“ in Limburg als erweiterter Suizid gewertet werden

Für Faustmann ist die Tat mit dem in hoher Geschwindigkeit ungebremsten Weiterfahren durch einen Zaun und in eine Hauswand als erweiterter Suizidversuch zu werten.

Stahl hält es für den Hauptfehler im Denken Bergers, dass dieser diagnostisch bei der Beurteilung Imads nicht von vorne - also vom einschneidenden Lebensereignis der mitgeteilten Schwangerschaft und Trennung und der erheblichen Veränderung im Erleben und Verhalten Imads - ausgeht, sondern im Nachhinein vom Tatgeschehen.

„Herr A. war in seinem Denken und Handeln so eingeengt, dass er sich ausschließlich um die Kontaktversuche zu Frau und Kindern bemühte und zunehmend jede Perspektive verlor“, sagt Stahl. Er schildert eindringlich die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit seines Mandanten. Imad sei nach der Flucht seiner Frau mit den beiden Kindern und Vorwürfen, er habe seine Frau vergewaltigt und geschlagen, erschüttert und fassungslos gewesen.

Limburg: „Axtmörder“ Imad A.: „Er wollte einfach, dass Ruhe ist“

Imad habe sich gegen eine Abtreibung des dritten Kindes gewehrt und versucht, die Ehe zu retten und das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen. Diese zunächst lebensbejahende und prosoziale Grundhaltung sei zunehmend regressiv-depressiven Verhaltensweisen gewichen. „Er wollte einfach, dass Ruhe ist, dass beide tot sind“, erläutert Stahl. Imad habe sich zwar mit Waffen und Verkleidungsutensilien auf alles Mögliche vorbereitet, aber für die Tat keinen Plan gehabt. Das Angebot des Sachverständigen, den Angeklagten ärztlich zu beraten, spreche für eine tatsächliche Befangenheit.

Einen Befangenheitsantrag stellt Stahl noch nicht. „Das muss ich noch mit meinem Mandanten absprechen“, antwortet der Anwalt auf Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Andreas Janisch. Dieser Schritt sei jedoch „sehr wahrscheinlich“, falls die Kammer keinen neuen Sachverständigen bestelle. „Dann wird der BGH entscheiden müssen. Mehr können wir hier nicht tun“, sagt er,

Bezüglich Janischs Sorge, dass weitere Anträge das Verfahren verzögern könnten, äußert sich Stahl sogar einmal positiv. „Das sehe ich zurzeit nicht“, sagt der Verteidiger, der in diesem Prozess vor dem Gutachter schon den früheren Anwalt seines Mandanten sowie den Staatsanwalt heftig kritisiert hat. „Sie haben sehr sorgfältig gearbeitet“, lobt er Janisch und die Kammer.

Von Joachim Heidersdorf

„Axtmörder“-Prozess in Limburg: Imad A. muss seinen Kindern Schmerzensgeld zahlen

Imad A. muss seinen beiden Kindern, die durch die Tat ihre Mutter verloren haben, ein angemessenes Schmerzensgeld und Unterhalt bis zum 18. Lebensjahr zahlen. Das hat die 2. große Strafkammer gestern entschieden. „Er ist im Grunde nach dazu verpflichtet“, heißt es. Die Höhe des Anspruchs hat die Kammer jedoch nicht festgelegt.

Dazu sei das Strafverfahren nicht geeignet, erläuterte der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Janisch. Um das seelische Leid der Kinder festzustellen und die finanziellen Fragen zu klären, bedürfe es einer umfangreichen Beweisaufnahme und eines psychiatrischen Gutachtens.

Der Vater hatte bereits angekündigt, Unterhalt zahlen zu wollen.

Der vierjährige Sohn und die nächste Woche drei Jahre alt werdende Tochter treten im Prozess als Nebenkläger auf. Sie werden von einer vom Jugendamt beauftragten Rechtsanwältin vertreten. Sandra Jung hatte in einem Adhäsionsantrag für beide Kinder Zahlungen in Höhe von insgesamt 200.000 Euro gefordert. hei

Das Landgericht Limburg verlegt große Prozesse in ein Zelt*. Corona-Auflagen und Sicherheitsaspekte sind für die Pläne in Limburg entscheidend.

Im Landgericht Limburg fällt nach über einem Montag Verhandlungen das Urteil gegen den "Axtmörder".

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Rubriklistenbild: © Fredrik von Erichsen/dpa

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