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Die Band "Drunken Perspective" bot bei ihrem Auftritt besten Punkrock.

Festival

Das Kalkwerk ist eine große Familie

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Das Kalkwerkfestival hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Am Pfingstwochenende tummelten sich über drei Tage verteilt rund 6000 Menschen auf dem Kalkwerkgelände zwischen Limburg und Diez.

Limburg/Diez - Das Kalkwerkfestival im früheren Kalkwerk zwischen Limburg und Diez ist viel mehr, als ein Wochenende lang Musik genießen. Kalkwerk ist für viele Kreative und Musikfans das ganze Jahr über Heimat, Familie und Ort des kreativen Gedankenaustauschs. Der veranstaltende Verein heißt nicht umsonst Kultur- und Jugendförderkreis. Aber auch "in die Jahre gekommene" Bands haben hier ihre Heimat.

Steve Grunwald von der Band "Paris", die beim Kalkwerkfestival ebenfalls auftrat, gehörte zu den ersten Musikern, die das Gelände besiedelten, lange bevor alle Räume mit probenden Bands besetzt waren. "Ich kann nicht mal sagen, warum wir uns ,Paris' nannten. Mit Frankreich hatte das nichts zu tun", sagt der heute 57-Jährige. Die Kunst liegt in seiner Familie und so gründete Grunwald mit Limburger Tilemann-Schulkameraden eine Band, um Rockmusik zu machen. "Wir haben damals das Kalkwerk erobert", sagt der Musiker. Er habe hier eine schöne Jugendzeit verbracht und sei froh, dass es heute mit jungen Bands weitergehe.

Spaß im Probenraum

Einen Tag bevor "Paris" beim Kalkwerkfestival spielte, kam ein Mann zu Grunwald und sagte: "Ich habe euch schon vor 30 Jahren gehört und bin extra noch mal gekommen." Das sei schön, Kumpels von früher nach so langer Zeit wiederzusehen und sich an alte Zeiten zu erinnern, meint Grunwald.

Musik ist für den Diezer in erster Linie Spaß. "Andere spielen Skat, wir gehen in den Probenraum", sagt er. Mit seinen Kollegen Markus Hänsing am Schlagzeug und Mike Richter am Bass versteht er sich blind. "Ich würde nie mehr mit Leuten Musik machen wollen, wenn es menschlich nicht passt", sagt der 57-Jährige. Denn die Band sei ein wichtiger Teil seines Lebens. Im Kalkwerk habe er mittlerweile einen großen Freundeskreis. Es sei künstlerisch inspirierend, sich hier über Musiker-Generationen hinweg auszutauschen.

Mark Pfurtscheller aus Diez war bereits als Musiker 1980 beim 1. Kalkwerkfestival dabei. Er kam zur Musik, weil die Eltern seiner älteren Schwester ein Klavier kauften. Doch blöderweise hatte die Schwester schnell keine Lust mehr und irgendwer musste das teure Klavier nutzen. Mark fing mit sieben Jahren an, darauf zu spielen, "und dann hat es mir irgendwann auch Spaß gemacht". Da es Pfurtscheller aber noch mehr Spaß machte, Musik mit anderen zu machen, gründete er mit Freunden aus dem Diezer Gymnasium die Jazzrock-Band "Crypton".

Mark Pfurtscheller ist nicht irgendein Ex-Schülermusiker. Er war als Profi mit seiner Band "The Wirtschaftswunder" sehr erfolgreich. "Wir hatten viele Fernsehauftritte, spielten unter anderem bei ,Bios Bahnhof'", erinnert er sich an die Glanzzeiten zurück.

Studio im Kalkwerk

Pfurtscheller ist finanziell nicht mehr darauf angewiesen, mit eigenen Musikprojekten wie "Strictly Mint" kommerziell erfolgreich zu sein, weil er auch Musikproduzent mit eigenem Studio im Kalkwerk ist. "Im Kalkwerk steckt viel Herzblut. Das ist wie eine große Familie", sagt er. Er habe sich ernsthaft überlegt, mit seinem Studio nach Berlin oder Hamburg zu ziehen, weil da viel mehr Bands seien, die Studios bräuchten. Aber das Kalkwerk sei der Grund gewesen, warum er hier geblieben sei. Das Miteinander der Bands in Diez sei super.

Wie die Kelly Family

Eine der neuen Bands sind "Raemones", eine Ramones-Tribute- Band, in der Papa David Barfuss mit seinen Kindern Marlon (16) und Keanu (13) spielt. Die Namen zeigen schon, dass es sich um eine künstlerisch interessierte Familie handelt. David Barfuss meint lachend: "Wir sind im Kalkwerk so etwas wie die Kelly Family". Lange rote Haare und Talent passen. Fehlern nur noch zehn Kinder. "Aber zu dritt kann man auch tolle Musik machen. Jeder von uns im Haus hat Musik gemacht", sagt der 39-Jährige. Da habe es sich angeboten, mal etwas gemeinsam zu machen.

Keanu kam dann auf den Papa zu und hatte die Idee mit der Raemones-Band. David Barfuss war sofort dabei, weil er diese Musik ebenfalls liebt und sie beim Publikum super ankommt. Mit Marlon hatte der unter anderem von den "Electric Lady Boys" aus der Region bekannte Musiker-Papa schon öfter Konzerte zusammen gespielt und von daher brauchte die Family keine große Vorlaufzeit für den ersten Auftritt. Dass Marlon und Keanu Musiker wurden, war klar. "Wir haben schon als Kinder im Kalkwerk gespielt, während unser Vater Musik machte", sagt der Ältere.

Gibt es denn mal Meinungsverschiedenheiten mit dem Papa? "Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung", sagt Keanu. Manchmal werde eben demokratisch abgestimmt.

"Wir wollen noch lange weitermachen", erzählt Vater Barfuss: "Das Kalkwerk ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Hier sind viele Freunde, die auch Musik machen. Hier findet die Vernetzung der Musiker der Region statt", sagt der Nauheimer.

Zum Kalkwerkfestival gehört nicht nur Musik mit zahlreichen Band-Auftritten, sondern auch ein Familienprogramm. Viele Besucher hatten nachmittags ihre Kinder dabei. Der Clown "Herr von Bauch" ließ sie auf seinem fliegenden Teppich mitfliegen. Es konnte geschaukelt und gespielt werden. Beim Mitmachkonzert wurde das "Pippi-Langstrumpf-Lied" angestimmt, während andere Kinder sich zum Einhorn schminken ließen oder sich beim Jonglieren ausprobierten.

Gegen Abend standen immer mehr die Erwachsenen und die Musik im Mittelpunkt. Viele der Besucher sind schon viele Jahre treue Kalkwerk-Gäste. Am Sonntagabend war der Höhepunkt der Auftritt der südamerikanischen Band "Che Sudaka"; sie begeisterte mit ihrem Mix aus Reggae, Punk, Ska, Hip-Hop, Latin und Rock das Publikum. Am Samstagabend sorgte das "Berlin Boom Orchestra" mit Reggae für den besonderen Moment. Ansonsten standen ausschließlich im Kalkwerk probende Bands im Mittelpunkt des jährlichen Festivals.

Um das Bühnenprogramm beim Kalkwerkfestival kümmert sich Mark Pfurtscheller. Er habe beim Festival für 35 Kalkwerk-Bands nur 19 Auftrittszeiten. Da mosere aber keiner, wenn er nicht die beste Auftrittszeit bekomme oder einmal pausieren müsse. Auch neue Bands würden nicht ausgegrenzt, sondern eben zu Anfang mit einer frühen Auftrittszeit bedacht.

Anke Groß macht beim Festival die Öffentlichkeitsarbeit. Sie sagt, der Geist von Dorle Schaefer lebe im Kalkwerk weiter. Hier kämen Generationen von Menschen zusammen. "Das Kalkwerk soll die Anlaufstelle für alle Menschen in der Region sein, die sich für Kunst und Kultur interessieren", sagt sie. Es gibt hier nicht nur Musiker, sondern auch einen Töpfer, einen Steinmetz, einen Holzkünstler, Maler und Fotografen. Ebenso hat eine Theaterschule im Kalkwerk ihren Sitz, die beim Festival mit ihrer szenischen Lesung "Das Affentheater" begeisterte.

Das jährliche Festival soll neue Leute aus der Region für die Idee des Kalkwerks als Kulturzentrum begeistern. Die meisten Mitwirkenden sind keine Profikünstler. "90 Prozent machen das nebenbei", sagt Groß. Aber es seien auch schon bekannte Bands wie "Bubonix" und "The Wirtschaftswunder" aus dem Kalkwerk hervorgegangen.

Auch wenn derzeit alle Probenräume im Kalkwerk besetzt sind, ermuntert Groß neue Bands, sich beim Kultur- und Jugendförderkreis Diez um einen Platz zu bewerben. Denn es gebe immer mal wieder Bands, die sich auflösten. Dann würden wieder Räume für Nachrücker frei. Rausgeschmissen wird aber keiner. rok

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