Er stand gestern im Mittelpunkt: Prof. Dr. Hartmut Berger aus Frankfurt. Er hat Imad A. als Sachverständiger psychiatrisch untersucht. Sein Gutachten hat entscheidenden Einfluss auf das Strafmaß - wenn die Kammer es nicht in Zweifel zieht. Das ist das Ziel des Verteidigers.
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Er stand gestern im Mittelpunkt: Prof. Dr. Hartmut Berger aus Frankfurt. Er hat Imad A. als Sachverständiger psychiatrisch untersucht. Sein Gutachten hat entscheidenden Einfluss auf das Strafmaß - wenn die Kammer es nicht in Zweifel zieht. Das ist das Ziel des Verteidigers.

"Axtmörder"-Prozess

Limburg: Gutachter hält Imad A. für voll schuldfähig

Der Psychiater sieht beim sogenannten „Axtmörder“ von Limburg keinerlei Anhaltspunkte für einen gescheiterten Suizidversuch.

Limburg - Der sogenannte "Axtmörder" ist nach Überzeugung des psychiatrischen Sachverständigen voll schuldfähig. "Ich habe bei dem Angeklagten keine seelischen Störungen diagnostiziert und ich sehe auch keine Anhaltspunkte für den Versuch eines Suizids", sagte Prof. Dr. Hartmut Berger am Dienstag im Limburger Landgericht.

Wenn die 2. Große Strafkammer seinen Ergebnissen folgen würde, wäre eine lebenslange Freiheitsstrafe für Imad A. unausweichlich. So weit ist das Verfahren aber noch nicht. Verteidiger Wolfgang Stahl hat bereits gestern Nachmittag in der Befragung Bergers deutlich gemacht, dass er das Gutachten für fehlerhaft und angreifbar hält. Das will er am nächsten Verhandlungstag am Mittwoch ausführlich begründen. Höchstwahrscheinlich wird Stahl den aus seiner Sicht voreingenommenen Sachverständigen ablehnen.

Der Koblenzer Starverteidiger kündigte an, dass er sich auf eine Expertise von Professor Dr. Pedro Faustmann beziehen wird, der Gutachter ausbildet. Im Kern stützt die Kritik sich darauf, dass Berger auf einen möglichen Suizidversuch überhaupt nicht eingegangen ist, obwohl er von dieser Aussage Imads wusste.

Der Arzt hat laut Stahl die offensichtlichen Merkmale eines präsuizidalen Syndroms nicht erkannt und andere wichtige Punkte zugunsten seines Mandanten ignoriert. So könne man durchaus auf den Gedanken komme, dass sich jemand umbringen wolle, wenn er mit Tempo 100 ungebremst in ein Haus rast.

"Nur eine leichte depressive Episode"

Berger wiederholte nach der Beweisaufnahme im Wesentlichen sein vorläufiges Gutachten, das er nach vier langen Sitzungen mit dem Täter erstellt hatte. Nur in einem Punkt wich der erfahrene forensische Psychiater davon ab. Aufgrund der Zeugenaussagen einer Psychologin, einer Psychotherapeutin und von zwei Hausärzten ging er nun auch auf eine mögliche Depression des nach der Trennung von Frau und Kindern verzweifelten Mannes ein. Er attestierte dem Deutschen mit tunesischen Wurzeln allerdings lediglich "eine leichte depressive Episode".

Der Frankfurter sprach im Schwurgerichtssaal zunächst eine Stunde über die Vorgeschichte: über das Leben des in Neuwied geborenen Angeklagten und die 2013 geschlossene Ehe mit Sana. Es habe gute, aber auch viele schlechte Zeiten mit heftigen Streitereien gegeben. "Zur Ehefrau hatte er eher ein funktionales Verhältnis, um sein Ideal einer intakten Familie zu realisieren", schilderte Berger.

Auf das Verbrechen am 25. Oktober 2019 in der Limburger Weiersteinstraße, wo Imad seine Frau auf dem Gehweg absichtlich umgefahren und anschließend mit Axt und Beil auf den leblosen Körper eingeschlagen hatte, auf seine Exploration und Erkenntnisse ging er ebenfalls eine Stunde lang ein.

Der Sachverständige schloss einen gescheiterten Versuch eines erweiterten Suizids aus mehreren Gründen aus. Entscheidend für gemeinsame Selbsttötungen seien vor allem altruistische Motive. "Man nimmt den Partner mit in den Tod, weil man meint, er komme alleine nicht zurecht", erklärte der Psychiater.

"Dagegen spricht außerdem, dass er sich am Vorabend bis an die Zähne bewaffnet und nach der Tat nicht versucht hat, sich selbst zu töten. Im Gegenteil: Da ist bei ihm die ganze Wut hochgekommen. Er hat sich mit ausgeprägter Kraft bemüht, dass seine Frau umkommt. Und danach ist er nicht weggelaufen", so Berger.

"Kein hochgradiger Ausnahmezustand"

Seiner Meinung nach ist Imad auch nicht in einem hochgradigen affektiven Ausnahmezustand gewesen. "Er hat sich gezielt auf die Tat vorbereitet, durch das Fahren mehrerer Runden im Kreisel abgewartet, reflektiert und auf die Ansprache von Zeugen reagiert", berichtete Berger.

Der Psychiater diagnostizierte beim Angeklagten keinerlei Persönlichkeits- oder tiefgreifende Bewusstseinsstörungen. "Wenn er depressiv gewesen wäre, wäre er nicht zu dieser Handlung in der Lage gewesen", sagte Hartmut Berger.

Er habe Imad A. in den vier Gesprächen im Januar, Februar und März "sehr offen", emotional und schuldbewusst erlebt. "So jemand wie mir gehört doch die Todesstrafe", habe er geäußert.

Der Angeklagte habe immer wieder betont, wie sehr er unter der für ihn völlig überraschenden Trennung von Frau und Kindern gelitten habe. Er habe stets alles getan, damit es ihnen gut gehe.

Der Verteidiger wunderte sich nicht nur über die Ergebnisse des Gutachters, sondern auch über dessen Vorgehen. Berger räumte auf Stahls Fragen ein, dass er nicht wisse, dass Imad im Limburger Gefängnis in einer besonderen Überwachungszelle sitze, dass er sich die Videos von der Tat nicht angeschaut und dass er dem Angeklagten unabhängig vom Gutachten Hilfe angeboten habe. "Alles sehr merkwürdig", so Stahl.

Imad war doch angeschnallt

Der Kfz-Sachverständige hat sein Gutachten gestern in einem Punkt korrigiert. Imad A. war doch angeschnallt, als er mit einem am Vortag gemieteten Audi A 6 mit hoher Geschwindigkeit auf seine Frau zuraste und sie absichtlich umfuhr. Christian Wellstein von der Dekra in Mainz hatte am zweiten Sitzungstag berichtet, der Täter sei nicht angegurtet gewesen, habe die Sicherheitssysteme abgeschaltet, Vollgas gegeben und nicht gebremst. "Er hat alles getan, damit er es nicht überlebt", so Wellstein am 21. Mai. Bei seiner dritten Aussage vor der Strafkammer bezog sich der Gutachter gestern auf neue Untersuchungen, bei denen das Gurtband auf Faserspuren überprüft worden ist. Dadurch sei klar, dass der Gurt bei der Kollision angelegt gewesen sei. Imad A. selbst hatte gesagt, er wisse es nicht.

"Gesicht von Hass durchzogen"

Am Dienstag sagte auch der Zeuge aus, dessen Videoaufnahmen des bestialischen Verbrechens um die Welt gegangen sind. "Ich komme aus Syrien, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte der 27-Jährige. Er habe einparken wollen, als er einen Schlag gehört habe. "Ich bin sofort hingerannt, um zu helfen. Aber dann sind ein paar Leute abgehauen." Der Friseur beobachtete, wie ein Mann Beil und Axt aus dem Wagen holte, mit voller Wucht auf die am Boden liegende Frau einschlug und sie dabei beschimpfte. "Bleib' stehen", habe er gerufen. "Verpiss' dich", habe der Täter geantwortet. Sein Gesicht sei von Hass durchzogen gewesen. "Es sah aus, als wolle er nicht nur töten, sondern etwas auseinander machen - wie ein Stück Fleisch. Ich habe Angst gehabt", sagte der Zeuge.

Der Streifenpolizist, der Imad A. gemeinsam mit einem Kollegen festnahm, hatte ebenfalls mit dem Schlimmsten gerechnet. "Als die Person unvermittelt in die Weste griff, dachte ich, dass sie schießen würde. Ich war bereit, meine Dienstwaffe zu nutzen", sagte der 51-Jährige. Der schwarz gekleidete Mann habe die Pistole jedoch weggeworfen und sich nach der zweiten Aufforderung hingelegt. "Er war absolut ruhig. Er hatte wohl auf uns gewartet." 

Von Joachim Heidersdorf

Im Landgericht Limburg fällt nach über einem Montag Verhandlungen das Urteil gegen den "Axtmörder".

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