Blick auf die Anklagebank kurz vor den Plädoyers: Die Männer verbergen ihre Gesichter. Hinten rechts der Bad Camberger Frank M., für den die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von sieben Jahren und zwei Monaten fordert; rechts daneben sein Weilburger Verteidiger Andreas Götz. Links hinten steht Anwalt Christoph Fockenberg.

Landgericht

Kinderpornographie: Staatsanwaltschaft fordert lange Haftstrafe für Bad Camberger im "Elysium"Prozess

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Nach siebenmonatiger Verhandlung sollen am Donnerstag im "Elysium"Prozess die Urteile verkündet werden. Im bislang größten Verfahren um Kinderpornografie in Deutschland forderte die Staatsanwaltschaft gestern für die vier Angeklagten wegen der bandenmäßigen Verbreitung kinderpornografischer Schriften Haftstrafen bis zu neun Jahren - und für einen von ihnen Sicherungsverwahrung wegen schweren Kindesmissbrauchs.

Limburg- Die abenteuerlichen und dummdreisten Erklärungen, so Staatsanwältin Dr. Julia Bussweiler, mit denen Angeklagte in der Beweisaufnahme ihre Rolle beim Kinderporno-Skandal begründetet hatten, waren gestern im Landgericht nicht mehr zu hören. Stattdessen gaben sich zumindest drei der vier Männer in ihrem „letzten Wort“ kleinlaut, räumten ihre Vergehen ein und bereuten diese. „Es tut mir unheimlich leid“, sagte etwa der Bad Camberger Frank M.

Der 41-jährige Familienvater war der verantwortliche Betreiber der Plattform „Elysium“, auf der sich im Dark- net – dem verborgenen Teil des Internets – weltweit 111 000 Nutzer kinderpornografische Fotos und Videos anschauten und in Foren und Chats darüber austauschten. In seiner Autowerkstatt stand der Server, mit dem er das Projekt laut Staatsanwältin jederzeit beenden hätte können.

Dr. Julia Bussweiler legte ihm unter anderem bandenmäßiges öffentliches Zugänglichmachen kinderpornografischer Schriften, das Anstiften zum schweren sexuellen Missbrauch sowie das Herstellen und den Besitz kinderpornografischer Schriften zur Last. Dafür forderte die Vertreterin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt eine Freiheitsstrafe von insgesamt sieben Jahren und zwei Monaten.

Auf Kinderfoto ejakuliert

M. soll auch Fotos von Kindern in sexualisierten Posen angefordert haben, was er erneut bestritt, und einmal auf ein solches Bild ejakuliert haben. Das räumte sein Verteidiger ein, weil es auch eindeutig zu sehen war.

„Ich hatte keine Ahnung, welche Konsequenzen mein Handeln hatte und bedauere das Leid, das dadurch hervorgerufen wurde“, sagte der Mann. „Das war für mich alles vollkommen anonym und hatte mit der realen Welt nichts zu tun. Ich habe ausgeblendet, dass etwas Reales dahinter steckt.“ Er habe eine Rolle gespielt und könne Kindern selbst nie so etwas antun.

Sein Verteidiger Andreas Götz wollte sich nicht auf ein Strafmaß festlegen, bat aber darum, beim Urteil auch an die beiden Kinder von M. zu denken: „Auch sie sind unschuldig“, sagte der Weilburger Anwalt. Er forderte für zwei Anklagepunkte – das Anstiften zum Missbrauch und das Posten von kinderpornografischen Dateien – Freispruch. Sein Mandant komme aus der Hacker-Szene, die Technik sei seine Hauptintention gewesen.

„In einer Scheinwelt gelebt“

Götz sagte, M. wolle sich im Gefängnis wegen möglicher pädophiler Neigungen untersuchen und gegebenenfalls entsprechend behandeln lassen. Er berichtete, der früher Selbstständige sei in Privatinsolvenz und habe seine wirtschaftliche Grundlage verloren. Die Familie sei aber weiter für ihn da.

Alle Verteidiger hoben hervor, ihre Mandanten hätten der Wirklichkeit entfliehen wollen und im Darknet in einer Schein- und Parallelwelt gelebt. „Man sieht die Opfer nicht und denkt, man ist unbeobachtet“, so Götz. Und alle hätten durch ihre führenden Positionen in der hierarchisch geprägten Struktur der Plattform Anerkennung gesucht, die sie im richtigen Leben nicht gefunden hätten.

„Schrecklicher Narzissmus“

Diese Darstellung überraschte in Bezug auf den Bad Camberger, der aus einer angesehenen Familie stammt, einen Betrieb führte und als Berufsschullehrer in Limburg tätig war. Die drei Mitangeklagten scheinen dagegen vor den Trümmern ihres am Ende verpfuschten Lebens gestanden zu haben.

Staatsanwältin Dr. Julia Bussweiler plädierte gestern zwei Stunden und zehn Minuten lang.

Allen voran Uwe G. aus Landau (Pfalz). Der heute 63-Jährige bestätigte gestern den Eindruck der 17 Verhandlungstage. Dr. David Herrmann, einer seiner beiden Verteidiger, sprach von „unerträglicher Larmoyanz“ und einem „schrecklichen Narzissmus.“ Das „letzte Wort“ G.’s dauerte denn auch länger als die beiden Plädoyers seiner Verteidiger zusammen. Die Staatsanwältin forderte für ihn eine neunjährige Freiheitsstrafe und eine anschließende Sicherungsverwahrung, weil von ihm auch künftig schwerer sexueller Missbrauch zu erwarten sei. Bussweiler stützte sich vor allem auf die Straftaten G.’ s bei einem Ausflug nach Wien, bei dem er einen vierjährigen Jungen und ein sechsjähriges Mädchen durch Oralverkehr und beischlafähnliche Handlungen misshandelte.

Die beiden Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung, der Hang zum Missbrauch und die Gefährlichkeitsprognose, seien erfüllt, sagte Bussweiler. Dies bestritten Herrmann und sein Limburger Kollege Albert Balmert und auch G. selbst. Nach der Verbüßung einer Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von von ihm betreuten behinderten Kindern habe er sich als „trockener Pädophiler“ fast 30 Jahre lang unter Kontrolle gehabt. Nur in einem Fall habe er in Wien „unsäglich versagt“. G. hoffte, „endlich einmal ordentlich begutachtet und im Gefängnis in einer therapeutischen Abteilung untergebracht“ zu werden.

„Das ist ein Brett“

Eine Therapie wünschten sich auch die beiden anderen Angeklagten. Joachim P. aus Rottenburg am Neckar soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft für fünf Jahre und acht Monate hinter Gitter. Der 58-Jährige gestand, zunächst das Portal „The Giftbox Exchange“ (GTE) betrieben, die Daten gesichert und nach dessen Abschaltung damit „Elysium“ aufgebaut zu haben. „Vom Inhalt, Umfang und den Auswirkungen her ist das schon ein Brett“, sagte Anwalt Thomas Weiskirchner aus Tübingen.

Eine untergeordnete Rolle spielte Max M. als Chat-Moderator; laut Verteidiger Christoph Fockenberg aus Gießen ein „Mitläufertyp“. Für den 57-Jährigen aus Boxberg (Baden) forderte die Staatsanwältin eine Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten.

Das mehr als zweistündige Plädoyer von Dr. Julia Bussweiler bewertete sogar Anwalt Herrmann als „glänzend.“

Info: Ganz unten in der Knast-Hierarchie

Die Anwälte der vier Angeklagten haben in ihren Plädoyers auf die schwierigen Haftbedingungen ihrer Mandanten hingewiesen. „Wer etwas mit Kindesmissbrauch zu tun hat, steht in der Knast-Hierarchie auf der untersten Stufe“, sagte unter anderem Andreas Götz, der den Bad Camberger Frank M. verteidigt. Andere Gefangene hätten M. damit gedroht, ihn zusammenzuschlagen und umzubringen Sein Mandant sitze quasi in Einzelhaft und scheue den Gang nach außen.

Bei Bernd M. und Joachim P. ist es nach Angaben ihrer Verteidiger nicht bei Drohungen geblieben. M. sei in der JVA, P. bei einem Gefangenentransport tätlich angegriffen worden.

Lesen Sie auch:  „Elysium-Prozess“: Führung des Kinderpornorings muss lange hinter Gitter

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