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Im "Pub 99" in Bad Camberg kommen Billardfans auf ihre Kosten. Auf sechs Tischen kann gespielt werden. Christine Hunger (links) und Daniela Sienknecht öffnen die Gaststätte jeden Tag bereits um 9 Uhr vormittags.

So wollen sich die Inhaber wehren 

Kreative Ideen gegen das Kneipensterben 

Auf dem Land gibt es immer weniger Kneipen. Einige Lokale in Limburg-Weilburg kämpfen mit besonderen Geschäftsideen gegen den Trend an.

Limburg-Weilburg - Gemütlich ein kühles Bier am Tresen trinken. Dabei mit dem Wirt über die großen und kleine Dinge des Lebens philosophieren. Ein paar Meter weiter sitzt ein Stammtisch zusammen und würfelt die nächste Getränkerunde aus. Diese besondere Kneipenatmosphäre genießen vor allem ältere Menschen in vollen Zügen und besuchen deshalb teilweise täglich ihr Stammlokal.

Doch gerade auf dem Land gibt es immer weniger Kneipen. Viele Wirte leben am Existenzminimum, da die Gäste nur noch vereinzelt kommen. Doch warum sterben die Wirtschaften aus? Was kann dagegen getan werden? Und welche Geschäftsmodelle sind dauerhaft erfolgreich? Heimische Wirte, ein Verpächter, der Hotel- und Gaststättenverband Limburg sowie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) klären auf.

Immer weniger Kneipen in Limburg-Weilburg

Peter-Martin Cox von der Gewerkschaft NGG schaut mit Sorge auf die immer weniger werdenden Wirtschaften im ländlichen Bereich. "Ich glaube, dass das Konzept der dörflichen Kneipe langsam ausstirbt. Besonders die Landflucht und das Rauchverbot ist Gaststätten macht vielen Wirten zu schaffen", sagt er. Durch den aussterbenden Geschäftszweig gebe aus auch weniger Umsatz in den Brauereien.

"Im Kreis Limburg-Weilburg befinden sich 700 bis 900 gastronomische Betriebe", sagt der Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes Limburg Armin Güth. "Etwa 200 bis 250 kleinere Unternehmen werden es zukünftig schwer haben zu überleben, da gerade in den ländlichen Regionen die Gäste aus bleiben." Es gebe einige Gebäude, die aufgrund von EU-Richtlinien saniert werden müssten, da sie die Brandschutzauflagen nicht erfüllen oder nötige Fluchtwege fehlen. "Deshalb haben es viele Verpächter schwer, ihre Objekte wieder zu besetzen, nachdem ein Wirt eine Kneipe geschlossen hat. Die Investitionen sind meist teuer und das Zeitfenster für die Sanierungsarbeiten ist eng", erklärt Güth.

Richtlinien der EU machen es Verpächtern schwer 

Wolfgang Schäfer aus Königstein verpachtet seit vielen Jahren kleine Kneipen auf dem Land. Im Kreis Limburg-Weilburg besitzt er derzeit noch eine in Niederselters und eine in Münster. "Ich habe die Pachtpreise in den letzten Jahren immer weiter gesenkt. Die Objekte sind abbezahlt, so dass ich den Wirten gerne entgegenkomme", erklärt er. Allerdings gebe es viel zu wenig gute Gastronome. "Die Arbeitszeiten sind speziell und der Job ist nicht für jeden gemacht."

Zwar seien besonders viele junge Menschen an seinen Gebäuden interessiert, jedoch fehle meist das nötige Kleingeld. "Die potenziellen Wirte sind zum Teil nicht mal in der Lage, die Kaution zu zahlen", bedauert Schäfer. In den vergangenen Jahrzehnten hatte er das Glück, dass viele Wirte langfristig in seinen Objekten blieben. Ob dies auch zukünftig der Fall sein wird, sei aber nicht absehbar.

"Job nicht für jeden gemacht" 

Einer, der aufgegeben hat, ist Murat Alp. Er war von 2002 bis 2010 Wirt der Gaststätte "Deutsches Haus" in Münster. Obwohl er seine Arbeit immer gern gemacht hat, musste er seine Kneipe letztlich schließen, da der Umsatz nicht mehr ausreichte. Ihm erging es genauso wie vielen anderen Wirten in den Dörfern. "Das meiste Geld verdient man durch junge Leute. Diese ziehen aber immer öfter in die großen Städte, so dass die Gesellschaft in den Orten tendenziell älter wird", sagt er. Außerdem sei der Zusammenhalt in vielen Dörfern nicht mehr so gut wie früher.

Roland und Inge Neuhof sind leidenschaftliche Wirte. Sie zapfen jeden Tag das Bier im "Zwitschernest" in Runkel.

"Besonders in evangelisch geprägten Gegenden gehen die Leute immer seltener zusammen weg", sagt Alp. Daher sei es sehr schwer, eine Kneipe über einen langen Zeitraum hinweg zu führen. "Mir ist dies immerhin neun Jahre lang gelungen. Es ist wichtig, sich mit seinen Kunden zu befassen. Man muss gut zuhören können und auch mal den ein oder anderen Rat geben", sagt der ehemalige Wirt. Außerdem sei eine gemütliche Lokalität und ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm wichtig, um dauerhaft Gewinne erzielen zu können.

Die Gaststätte von Inge Neuhof ist trotz des negativen Trends derzeit gut besucht. Sie steht seit 41 Jahren hinter der Theke des "Zwitschernestes" in Runkel. Gemeinsam mit ihrem Sohn Roland hat sie die Kneipe im Jahr 2001 gekauft und führt seitdem den Familienbetrieb. "Der Standort ist super. Man hat einen schönen Blick auf die Lahn und auf die Runkeler Burg", sagt die Wirtin. Den Besuchern gefalle besonders die urige Atmosphäre. Neuhof lebt zwar hauptsächlich von ihren Stammgästen aber auch einige Touristen, die auf dem nahen Campingplatz Urlaub machen, kommen.

Gäste mit Billard, Dart und Fußball locken 

Mehrfach pro Jahr wird im "Zwitschernest" ein Cocktailabend angeboten. Drei- bis viermal pro Woche spielen Stammtische Skat und würfeln gemeinsam. Am Wochenende sind besonders viele junge Leute zu Gast. Auch die Fußballfans kommen auf ihre Kosten, denn die Bundesligaspiele werden in dem Lokal live übertragen. Alles in allem kann die Familie Neuhof gut von den Einnahmen leben. "Wir haben günstige Preise, und in Runkel gibt es keine weitere richtige Kneipe. Deshalb kommen die Leute zu uns", erklärt Inge Neuhof.

Trotzdem macht sich die Inhaberin immer wieder Gedanken, ob der Zulauf auch in Zukunft Bestand haben wird. "Die Menschen haben immer weniger Geld zur Verfügung und die Möglichkeiten werden vielseitiger. Dadurch haben es kleine Kneipen natürlich schwer." Neuhof behauptet, dass man zum Wirt geboren sein müsse. Es sei eine ganz spezielle Aufgabe, die ihr aber sehr viel Spaß bereite, so dass sie derzeit rundum zufrieden sei.

Das Billard-Bistrot "Pub 99" in Bad Camberg setzt auf eine ganz besondere Taktik, um möglichst viele Kunden zu gewinnen. Das Lokal öffnet bereits um 9 Uhr vormittags. Daniela Sienknecht, die seit 1. Mai Inhaberin ist, erklärt: "Wir wollen etwas für Jung und Alt bieten. Morgens sind einige Rentner zu Gast und abends kommen dann die jüngeren Leute, die oftmals eine Runde Billard oder Dart spielen." In den kommenden Monaten sind viele besondere Veranstaltungen im "Pub 99" geplant. Es wird eine Sommerparty, Cocktailabende, Dart-Turniere und ein Oktoberfest geben. Dafür macht die Inhaberin jede Menge Werbung in sozialen Medien, in Zeitungen und mit Plakaten auf der Straße.

"Ohne Werbung geht heutzutage gar nichts mehr", sagt sie. In dem Bad Camberger Lokal gibt es aber kein WLAN. "Wir wollen, dass die Leute ins Gespräch kommen und nicht nur auf ihr Smartphone starren", betont Sienknecht. Sie wünscht sich, dass die Gaststätten in der Kurstadt besser zusammenarbeiten. "Man könnte beispielsweise gemeinsame Kneipennächte organisieren." Insgesamt ist die neue Inhaberin aber mit der wirtschaftlichen Situation zufrieden.

Von Tobias Ketter 

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