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Die Ostfassade des gotischen Hauses Römer 2-4-6 stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Hier befand sich 23 Jahre der Eingang zum Deutschen Centrum für Chormusik.

Centrum für Chormusik

Riesiges Chor-Archiv verlässt Limburg – Fachwerkhaus zu instabil

Limburg verliert das Centrum für Chormusik. Das Archiv für Chormusik zieht nach Wetzlar. Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber. 

Limburg – Das "Deutsche Centrum für Chormusik", noch untergebracht in der Altstadt, verlässt Limburg. Wie der Hessische Rundfunk (HR) am Wochenende berichtete, zieht das weltweit größte Archiv für Chormusik mit 365 000 Chorwerken um nach Wetzlar.

Demnach hat sich ein junger Logistik-Unternehmer aus Wetzlar beim Gründer und Leiter des Centrums, Manfred Bender, gemeldet und ihm einen Bürokomplex mit Lagerräumen zu günstigen Konditionen angeboten. Der Standort in Wetzlar, erst einmal auf zwei Jahre befristet, sei ideal, sagte Bender dem Hessischen Rundfunk. Bis Ende Februar soll alles gepackt sein und nach Wetzlar gebracht werden. "Ob wir dauerhaft dort bleiben oder nach Limburg zurückkommen oder ganz woanders hingehen, das werden wir uns dann überlegen", sagte Bender dem HR.

Dass ein Umzug unausweichlich ist, steht schon länger fest - und zwar aus statischen Gründen. Denn Papier ist schwer. Bei dem gotischen Haus Römer 2-4-6 in der Altstadt, das der Stadt gehört, handelt es sich um eines der ältesten und baugeschichtlich interessantesten Fachwerkbauten in Deutschland. Der älteste Teil stammt aus 1289.

Das Haus wurde in den 1980er-Jahren wissenschaftlich untersucht und für mehrere Millionen Mark saniert. Fachleute sagen, dass die Statik dieses Gebäude der auf 18 Tonnen angewachsenen und weiter zunehmenden Papierlast auf Dauer nicht mehr gewachsen ist, weshalb die Stadt dem Verein das Mietverhältnis schon vor mehreren Monaten gekündigt hatte.

Limburg: „Wir führen kein verstaubtes Archiv“

"Das verstehe ich und bin derselben Meinung", sagte Manfred Bender schon vor einigen Wochen dieser Zeitung. Er sollte das Fachwerkgebäude schon zum Jahresende verlassen, doch angesichts des alljährlich im Januar in Limburg anstehenden Chorleiter-Forums mit rund 100 Teilnehmern und berühmten Dozenten habe der Magistrat ein Auge zugedrückt. "Man macht mir glücklicherweise keinen Stress", sagte Bender damals, so dass er die 500 Umzugskisten in Ruhe packen kann. "Das mach ich alleine, sonst finde ich nachher nichts mehr", sagt der 70-Jährige.

Liebend gerne wäre er mit dem Sitz des "Deutschen Centrums für Chormusik", einem eingetragenen Verein, in Limburg geblieben. Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) habe ihm das ehemals von der Lebenshilfe genutzte Haus neben der Fahrradwerkstatt in der Eisenbahnstraße angeboten, aber es sei bei dem dortigen Holzboden sicherlich nicht die geeignete Lösung gewesen. Bender wäre allein schon wegen der Bedeutung seines Bestandes am liebsten im Schloss hinter dem Dom eingezogen.

Limburg: Stadt weltbekannt für Chor-Archive

"Wir führen kein verstaubtes Archiv für vergeistigte Musiker, sondern haben eine sprudelnde Noten-Quelle", sagt Bender. "Bereits 1998 haben mehr als 1000 Chorleiter im Limburger Römer hereingeschaut, um die ,richtige Musik' für ihren Chor zu finden." Dafür sei Limburg weltbekannt. Künftig wird es erst einmal Wetzlar sein.

Es gibt 60 000 Chöre in Deutschland, knapp zwei Millionen Menschen singen, brauchen Noten. "Wenn man ein bestimmtes Chorwerk haben will, kann man es oft nicht sofort oder gar nicht finden", sagt Bender. "Schließlich gibt es etwa eine Million Werke und jeden Monat kommen 1000 neue Kompositionen hinzu. Man müsste die Kataloge von 2000 Musikverlagen durchblättern, die unzähligen Privatverleger nicht mitgerechnet." Es sei schon vorgekommen, dass Verlage Werke von ihm bezogen, die sie selbst nicht mehr besaßen, berichtet Bender. Immer mehr Musikläden müssten schließen, weil die Noten im Internet bestellt würden, wo aber nicht alles erhältlich sei. 

red/dfl

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