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130 Jahre Pallottiner-Geschichte ziehen um

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Einst quollen die Kisten und Regale des von Bruder Georg Adams geleiteten Pallottinerarchivs über. Nach dem Umzug nach Friedberg steht der 58-Jährige jetzt zwischen leeren Regalen.
Einst quollen die Kisten und Regale des von Bruder Georg Adams geleiteten Pallottinerarchivs über. Nach dem Umzug nach Friedberg steht der 58-Jährige jetzt zwischen leeren Regalen. © Dieter Fluck

Archiv der Ordensgemeinschaft verlässt die Domstadt für immer nach Friedberg in Bayern.

Limburg -Wer schon einmal umgezogen ist, vielleicht ein ganzes Haus räumen musste, kann vor dem immensen Aufwand schlaflose Nächte verbringen. Wie groß muss wohl die Anstrengung sein, ein ganzes Archiv zu verlagern? Das Missionshaus der Limburger Pallottiner kann davon jetzt ein Liedchen singen. Die gesammelten Unterlagen, Zeugnisse ihrer 130-jährigen Geschichte in der Domstadt, wurden in diesen Tagen zum Provinzialat in das bayerische Friedberg verlagert.

In dem beschaulichen Städtchen bei Augsburg befindet sich seit 2007 der Sitz der deutsch-österreichischen Herz-Jesu-Provinz der Pallottiner. Vorher gab es eine Provinz in Nord- und Süddeutschland. Sitz der Norddeutschen war Limburg, ihr Ursprung im Walderdorffer Hof, einem ehemaligen Adelssitz in der Altstadt. Dort wurde im August 1892 die erste apostolische Klostergemeinschaft des Gründers Vinzenz Pallotti (1795 bis 1850) in Deutschland eingerichtet. Von hier aus schwärmten Pallottiner-Missionare in die fernen Länder der Welt aus, um Menschen aus christlicher Überzeugung in Not und Elend beizustehen und für diesen Glauben zu begeistern.

In dieser Zeit wurde die Grundlage des Archivs gelegt. Briefe der Missionare, Lebensläufe von Klosterbrüdern, jede Menge Fotomaterial, teils auf alten Glasplatten, sind die ersten Zeugnisse, die in dem noch jungen Archiv landeten, das nach der Eröffnung des Pallottinerneubaus 1892 an der Wiesbadener Straße seinen ersten Umzug erlebte. Inzwischen war es dort auf einen Umfang angewachsen, der acht unterschiedlich große Räume füllte.

"Wir bekamen ja auch sämtliche Unterlagen aus unseren aufgelösten Häusern und verwalteten das Archivmaterial von zwei Schwesterngemeinschaften", sagt Alexander Holzbach. Der Rektor des Missionshauses erwähnte auch sämtliche Archivalien aus dem Hilfskrankenhaus, das sich im Zweiten Weltkrieg bei den Limburger Pallottinern befand. Diese Unterlagen seien schon vor Jahren an das St. Vincenz-Krankenhaus übergeben worden.

Zwei Sattelzüge und tonnenweise Material

Dieser Tage rückten zwei Sattelzüge an, um die vielen Tonnen Material nach Friedberg zu transportieren. Ein auf solche Umzüge spezialisiertes Fachunternehmen mit entsprechend ausgebildetem Personal hatte eine ganze Woche damit verbracht, alles sach- und fachgerecht zu verpacken und aufzuladen. Sichtlich bedrückt unter den Blicken von Bruder Georg Adams, der das Archiv 14 Jahre lang betreute. Dafür hatte der heute 58-Jährige eigens eine Archivausbildung für Personen im kirchlichen Dienst absolviert. Ihm stand zeitweise mit Dr. Wolfgang Stein ein pensionierter Mitarbeiter des Landeshauptarchivs Koblenz zur Seite.

Adams' Aufgaben beinhalteten unter anderem die Digitalisierung von Fotos, EDV-Sachen, der Aufbau von Regalen im Magazin und die Bearbeitung sämtlicher Anfragen. "Das betraf Anfragen von Leuten, die einen Verwandten bei den Pallottinern hatten, wie auch von Historikern, die Akten oder alte Fotos suchten", berichtet der bisherige Archivleiter. Er hatte ein Findbuch angelegt, "verwaltete" Biografien, Personalakten, Schriftverkehre, auch von KZ-Aufenthalten, Dokumente aus den Gründerzeiten im In- und Ausland, wo Pallottiner gewirkt haben und noch präsent sind. Erst jüngst hatte er auf Anfrage aus der Universität Jena für ein wissenschaftliches Werk über die Kolonial- und Missionsgeschichte in Kamerun zugearbeitet.

Des einen Leid, des anderen Freud: "Ich bin als Rektor über den gewonnenen neuen Platz nicht unglücklich", sagt Alexander Holzbach. Ihm war es ein jahrelanges Anliegen, eine neue Bleibe für die Sammlung aus dem vor vielen Jahren aufgelösten Missionsmuseum zu finden. Gegenstände wie der noch manchem Besucher in Erinnerung gebliebene ausgestopfte Löwe, der Vogel Strauß und die bunte Schmetterlingssammlung lagern in Kisten im Obergeschoss des alten Pfarrhauses.

Bruder Georg Adams hat das Nachsehen. "Es wäre mir lieber gewesen, wenn das Archiv hier geblieben oder wenn ich mit nach Friedberg umgezogen wäre", sagt er. Doch das war nicht möglich. In der Pallottinerzentrale in Bayern wurde auf dem Gelände der ausgedienten Gärtnerei im März ein neu errichtetes zweigeschossiges Archivgebäude mit klimatisierten Räumen eingeweiht. Dort wird nun das Archiv aller Häuser zusammenfasst und zum zentralen Gedächtnis der Pallottiner, worauf die Provinzleitung vor Ort zugreifen kann.

Der neue Provinzarchivar Martin Wikenhauser hatte sich in der Zwischenzeit in Limburg einen Überblick über das Material verschafft und freut sich darauf, das Archiv nun systematisch einzuräumen.

Bruder Georg Adams und Dr. Wolfgang Stein bleibt der Dank der Provinzleitung für ihre über viele Jahre geleistete Arbeit. Adams darf sich nunmehr mit der Erledigung anderer Aufgaben im Missionshaus nützlich machen. Dazu gehört die abendliche Schließkontrolle der 14 Türen des Hauses einschließlich der Kirche.

Dieter Fluck

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