Im Mordprozess hat am Montag die erste Zeugin ausgesagt.
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Im Mordprozess hat am Montag die erste Zeugin ausgesagt.

Aufforderung zum Suizid angeklagt

29-Jährige sollte alles vorbereiten, um sich zu erhängen

Erste Zeugin im Mordprozess gegen Brunhold S. sagt vor dem Limburger Landgericht aus.

Limburg -Im Prozess gegen Brunhold S., der sich vor dem Limburger Landgericht wegen versuchter Tötung in zwei Fällen und einem vollendeten Mord verantworten muss, hat am zweiten Verhandlungstag eine Frau aus Nordrhein-Westfalen ausgesagt. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 2015 hatte sie viele Stunden lang mit dem Angeklagten gechattet und telefoniert. Schließlich sollte sie sich in dessen telefonischem Beisein selbst töten.

Als Zeugin und Nebenklägerin schilderte die 29-Jährige ihre Gefühle von damals: Ein Beinaheunfall, den die junge Frau als Fahranfängerin im September 2014 erlebt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. In Alpträumen erlebte sie die kritische Situation wieder und wieder. Sie konnte sich nicht mehr auf ihr Studium konzentrieren und zweifelte daran, die richtige Berufsentscheidung getroffen zu haben. Im Januar 2015 entdeckte sie das Online-Forum "Hoffnungsschimmer" und meldete sich dort an. "Ich wollte mit Menschen in Kontakt kommen, die mir Tipps geben, wie sich meine persönlichen Schwierigkeiten lösen lassen", erinnert sie sich vor Gericht. Obwohl es auch einen Bereich "Suizid" innerhalb des Forums gab, habe sie das Ganze doch als etwas Lebensbejahendes eingeschätzt. Auf ihren eigenen Beitrag hin seien auch wertvolle Antworten gekommen.

Im Chatroom

verabredet

Auch jemand mit dem Codenamen "Heimo776" meldete sich irgendwann bei der Studentin, doch nicht über das Forum, sondern als persönliche Nachricht. Mit auffällig vielen Rechtschreibfehlern bot er sich als kompetenter und verschwiegener Gesprächspartner an. Erst als Monate später dieses Gesprächsangebot erneut kam, reagierte die Zeugin. "An diesem Abend hatte ich das Gefühl, meine Ängste nicht mehr aushalten zu können", blickt sie zurück. Und ihr bester Freund, mit dem sie sonst über alles sprechen konnte, war für zwei Wochen unerreichbar.

Auf ein Telefonat mit Heimo776 wollte sich die bekümmerte Frau allerdings nicht einlassen. Stattdessen verabredete man sich in einem Chatroom. Immer wieder habe der Chatpartner nachgefragt, wie die Zeugin sich fühle und wie sie ihren Todeswunsch auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen würde. Sei es zu Beginn des Kontakts noch eine 3 gewesen, so steigerte sich der Druck bis auf einen Wert zwischen 8 und 9.

Heimo776 habe mehrfach verlangt, dass sich die Studentin Sterbeszenen ausmalen soll - ob sie beispielsweise im Angesicht eines Mörders um Gnade betteln würde oder ob sie eine Wunderpille einnehmen würde, die sie von einer Sekunde auf die nächste schmerzfrei tötet. "Dann sollte ich mir vorstellen, wie ich aussehe, wenn ich mich erhängt hätte. Aber das wollte ich nicht, das war mir zu gruselig", sagt sie.

Überlebenswille

übernimmt Führung

Nach einem mehr als vierstündigen Chat, bei dem der Angeklagte ihr auch untersagt haben soll, das abendliche Antidepressivum einzunehmen, ging es der Zeugin so schlecht, dass sie nur noch ans Sterben denken konnte. Nun forderte Brunhold S. sie auf, auf Skype-Telefonie umzusteigen. Bald fragte er nach einem stabilen Ledergürtel und gab Anweisungen, wie die Frau alles vorbereiten solle, um sich zu erhängen. Vorher allerdings sollte sich sein inzwischen nahezu willenloses Opfer noch entkleiden und dann auf sein Signal hin den Selbstmord verüben.

Ehe es jedoch zu dem fatalen letzten Schritt kam, übernahm der instinktive Überlebenswille der jungen Frau die Führung. "Ich bekam plötzlich riesige Angst und konnte das Gespräch beenden", sagt sie.

Am nächsten Morgen stellte sie den Angeklagten zur Rede. Es sei doch alles bestens, soll dieser befunden haben. Die grauenvolle Nacht tat er damit ab, dass er ihr nur hätte zeigen wollen, dass sie so etwas niemals tun würde. Er habe sie auch davor gewarnt, mit irgendjemandem über das Erlebte zu sprechen, sonst würde sie "mit Sicherheit in der Psychiatrie" landen.

Der Angeklagte soll in Online-Selbsthilfeforen Kontakt zu seinen Opfern gesucht haben. Dabei soll er sich gezielt psychisch instabile und möglicherweise suizidgefährdete Frauen gesucht haben, um diese zum Suizid oder eine Tötung durch ihn selbst zu überreden. Dabei soll es dem Angeklagten um die Befriedigung seiner sexuellen Triebe gegangen sein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann Mord, begangen im Raum Bremen, sowie zwei versuchte Morde im Raum Limburg und Nürnberg-Fürth vor. Wegen eines ähnlichen Vorwurfs wurde der Mann bereits 2017 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Prozess wird fortgesetzt.

Kerstin Kaminsky

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