Jeder hat einen eigenen Tisch: Diese Fünftklässler der Bad Camberger Taunusschule waren gestern noch im Wechselunterricht, also mit halber Klassenstärke in der Schule. Ab heute ist in allen Schulen des Landkreises wieder volle Präsenz angesagt. Es gibt also wieder Sitznachbarn.
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Jeder hat einen eigenen Tisch: Diese Fünftklässler der Bad Camberger Taunusschule waren gestern noch im Wechselunterricht, also mit halber Klassenstärke in der Schule. Ab heute ist in allen Schulen des Landkreises wieder volle Präsenz angesagt. Es gibt also wieder Sitznachbarn.

Nur kurze Zeit Wechselunterricht für alle

Ab Mittwoch sind die Schulen wieder voll

  • vonPetra Hackert
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Für rund 24 000 Kinder und Jugendliche im Kreis Limburg-Weilburg ist Präsenzunterricht in voller Klassenstärke angesagt.

Limburg -Seit Dezember hatten sie die Schule nicht mehr von innen gesehen und waren total aufgeregt: Wieder Klassenkameraden und Lehrer treffen, früher aufstehen. Der Weg zur Schule dauert länger als der in die Videokonferenz. Von Angesicht zu Angesicht sprechen, wenn auch mit Maske: Für die Geschwister Johanna (15) und Noah (13) Jung und ihre Freundin Nia Christiano (13) war der Start in den Wechselunterricht vor knapp zwei Wochen ein besonderes Erlebnis. Es hat sie gefreut. Wegen der sinkenden Inzidenzen folgt ab Mittwoch, 2. Juni, die nächste Stufe: Alle Schüler im Kreis Limburg-Weilburg gehen in den Präsenzunterricht. Das sind rund 24 000 Kinder und Jugendliche in den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen.

Die Vorbereitungen sind getroffen: Die Schüler tragen Masken, halten Abstand, testen sich zweimal pro Woche zum Unterrichtsbeginn. Doch abgesehen von den Wegen zur Schule, den Bussen, die wieder voller werden, ist es auch dort etwas anderes, ob jeder einen eigenen Doppeltisch im Klassenraum hat, oder plötzlich wieder einen Sitznachbarn gleich nebendran. Und 30 Leute in einer Klasse. Die Vorstellung ist nach der langen Zeit fast surreal. Und es entstehe ein mulmiges Gefühl, sagt Kreisschulsprecher Clemens Ott. Zu Beginn des Wechselunterrichts für alle war die Erleichterung groß, berichtet der 17-Jährige. Die Vollpräsenz komme nach der langen Zeit auf Distanz nun doch sehr plötzlich. "Die Frage ist, ob man das gleich vor den Feiertagen so hätte machen müssen", sagt Ott.

Belüftungssysteme: Wo ist

die Verbesserung?

Petra Weber-Laßmann, Kreisvorsitzende des Lehrerverbandes VBE, hat Kritik anzumelden: "Der Kreis hat zu wenig getan", sagt sie und nennt als Beispiel die Belüftungssysteme. Andere hessische Kommunen/Kreise seien da viel weiter. Zum Glück ist es wärmer geworden, so dass man wieder einfacher Fenster öffnen kann. Nur müsse viel mehr geschehen. "Es war ja lange genug Zeit dafür." Dies kann Kreis-Schulsprecher Clemens Ott bestätigen. "Belüftungsanlagen waren sehr lange im Gespräch, schon mehr als sechs Monate. In der Taunusschule haben wir gar keine."

"Die Erforderlichkeit von Lüftungsgeräten wird nachrangig hinter der konventionellen Fensterlüftung gesehen", erklärt Kreissprecher Jan Kieserg dazu. Derzeit werde in 46 besonderen Klassenräumen mit erschwerten Lüftungsmöglichkeiten (Raumtiefe, Oberlichter) der Einbau von Lüftungsmöglichkeiten oder auch nachrangig Lüftungsgeräten geprüft. Seit Herbst seien insgesamt 1100 CO2-Melder zur Bestimmung der Lüftungsfrequenz an die Schulen geliefert, Schüler und Schulpersonal mit jeweils zehn FFP 2-Schutzmasken ausgestattet worden, die Kleineren auch mit speziellen FFP 2-Kindermasken. Der Landkreis habe bei den Beförderungsunternehmen bereits im vergangenen Jahr weitere elf Busse reserviert, die bei Bedarf sofort zusätzlich zu den aktuell fahrenden eingesetzt werden könnten.

Das Testen

hat sich bewährt

Das Testen: Aus Sicht der meisten Eltern und Schüler habe es sich bewährt. "Es funktioniert gut. Am Anfang hatten mehr Eltern Bedenken, weil sie dachten, die Lehrer müssten das machen", sagt Kreiselternbeiratsvorsitzender Björn Jung. Allerdings gebe es noch die Frage, wie das Ganze bei beeinträchtigten/behinderten Schülern gut funktionieren könne. "Die Lehrer sollen nicht testen, auch aus versicherungstechnischen Gründen, für die Eltern dieser Schüler ist das dann oft ein Problem."

Und: Es geht Zeit drauf, die im Unterrichtsablauf fehlt. "Wir testen zweimal in der Woche", erklärt Clemens Ott das Prozedere. Zum Glück gebe es in der Taunusstunde fast nur Doppelstunden, doch: Wenn montags und donnerstags in der ersten Stunde getestet wird, gehe bis zur Auswertung der Ergebnisse gut eine halbe Stunde drauf. Die Regelschulstunde dauert 45 Minuten. "Bei einem Fach, in dem wir eh nur zwei Wochenstunden haben, macht das viel aus." Doch es hilft: Bei einem positiven Testergebnis sei es bisher immer gelungen, die Betreffenden zu separieren, ohne dass der gesamte Schulbetrieb leide, bestätigt der Sprecher des Staatlichen Schulamts für die Kreise Lahn-Dill und Limburg-Weilburg, Dirk Fredl.

Helfen könnte, mehr Schüler zu impfen. Er habe von vielen gehört, die es wollen, sagt der Kreisschülersprecher. Allerdings mache man sich auch Gedanken um mögliche Folgewirkungen - ebenso wie um die Gefahren des Virus und dessen Mutationen. "Einige sind selbst Risikopatienten oder haben welche in der nahen Verwandtschaft", spricht er an, was die Schüler bewegt. "Die Jugendlichen haben sich sehr lange zusammengerissen, um die Älteren zu schützen. Jetzt sollten auch wir so schnell wie möglich ein Impf-Angebot bekommen."

Noch einmal zum Unterricht: Elternbeiratsvorsitzender Björn Jung legt Wert darauf, die Schüler, die jetzt teils nach sehr langer Zeit in den Präsenzunterricht zurückkehren, ausreichend zu unterstützen. "Nicht jeder hatte in der Distanz die Möglichkeit, gleichwertig zu lernen." Wichtig seien auch Elternabende, um den direkten Austausch zu fördern. Es gebe viele Fragen, die gemeinsam geklärt werden könnten. "Verlorenes Jahr" - er wehre sich gegen eine solche Formulierung, die immer wieder zu hören sei. Denn trotz aller Schwierigkeiten habe man gemeinsam viel erarbeitet und sei in der Digitalisierung vorangekommen. "Das ist eine ganz starke Schülergeneration, die das jetzt durchgestanden hat." So sehen es auch Clemens Ott sowie Nils Fritsche und Zoe Leipold von der Kreisschülervertretung. Ihre Erfahrungen mit den ersten beiden Präsenzwochen sind für die Elftklässler, die in Bad Camberg (Taunusschule), Weilburg (Gymnasium Philippinum) und Limburg (Adolf-Reichwein-Schule) unterrichtet werden, unterschiedlich. Teils sei es tatsächlich so, dass bis zu den Ferien weniger Klassenarbeiten als sonst geschrieben würden. Aber auch die Hausarbeiten sind anspruchsvoll und fordern ihre Zeit. Wenig zu tun haben die drei nicht.

Schulamtssprecher Dirk Fredl:

"Ein guter Tag für die Schüler"

"Ein guter Tag" - so nennt Dirk Fredl, Sprecher des Staatlichen Schulamts, den Mittwoch für die Schüler im Landkreis Limburg-Weilburg. Erstmals seit den Weihnachtsferien können alle Kinder und Jugendlichen wieder zeitgleich präsent beschult werden. Im Landkreis Limburg-Weilburg gilt ab Mittwoch aufgrund der seit rund zwei Wochen ermittelten relativ niedrigen Inzidenzwerte Stufe 2 des hessischen Zwei-Stufen-Plans. Dieser erlaubt einen so genannten eingeschränkten Regelbetrieb in den Schulen.

Einschränkungen bestehen weiterhin im Hinblick auf die Vorgabe, die Lerngruppen möglichst nicht zu durchmischen, so dass beispielsweise Arbeitsgemeinschaften noch nicht angeboten werden können.

Seit Freitag werden die Jahrgangsstufen 1 bis 6 voll beschult. Seit diesem Tag galt im Landkreis Stufe 1 des hessischen Zwei-Stufen-Plans. Dieser sieht Präsenzunterricht für die ersten bis sechsten sowie die Abschluss-Klassen und Wechselunterricht für alle anderen Jahrgangsstufen vor. Zuvor galten im Landkreis die Regelungen der so genannten Bundesnotbremse, die bei Inzidenzen über 100 greift. Diese hatte Wechselunterricht für alle Schulstufen und Schulformen vorgesehen, bei Werten über 165 Distanzunterricht mit Ausnahme der Abschlussklassen.

Dass mit dem heutigen Mittwoch bereits wenige Tage nach Stufe 1 auch Stufe 2 des hessischen Zwei-Stufen-Plans umgesetzt werden kann, hängt mit der positiven Entwicklung der Inzidenzen zusammen: Sie haben am Dienstag den fünften Tag in Folge den Wert 50 unterschritten. "Dennoch gilt es in den Schulen, weiterhin Vorsicht walten zu lassen, da Inzidenzwerte um 35 leider noch keine Entwarnung darstellen", betont Dirk Fredl. Aus diesem Grund besteht weiterhin die Maskenpflicht auf dem Schulgelände und im Unterricht, zumal die Mindestabstände in den Klassenräumen aufgrund des vollen Schulbetriebs nicht eingehalten werden können. Ebenfalls bleibt die Testpflicht in den Schulen bestehen: Zweimal wöchentlich müssen sich Schüler und Lehrkräfte selbst testen oder einen Nachweis über einen Bürgertest vorlegen. Nur dann dürfen sie am Unterricht vor Ort teilnehmen.

Die Selbsttests in den Schulen hätten mehrfach dazu beigetragen, dass Infektionen rechtzeitig erkannt worden sind, wodurch auch Folgeinfektionen in Klassen verhindert werden konnten, sagt Fredl. So seien beispielsweise in der vergangenen Woche allein in den Schulen des Landkreises Limburg-Weilburg 13 positive Tests erfolgt, von denen allerdings nicht alle beim anschließenden PCR-Test bestätigt worden sind. Die allermeisten, 92,6 Prozent der Schüler, nutzten dabei das Angebot des kostenlosen Selbsttests in der Schule, nur 7,4 Prozent haben in der vergangenen Woche Bürgertest-Ergebnisse vorgelegt.

Eltern, die bei ihrem Kind Tests grundsätzlich ablehnen, können es vom Präsenzunterricht abmelden. "Davon haben in der vergangenen Woche deutlich weniger als ein Prozent Gebrauch gemacht. Diese Schülerinnen und Schüler erhalten weiterhin Distanzunterricht", erläutert der Schulamtssprecher.

Kreissprecher Jan Kieserg nennt weitere Zahlen: In der gesamten Pandemie seien nach Ermittlungen des Kreis-Gesundheitsamtes 944 Schüler positiv getestet worden. "Von November bis Mai musste in 78 Fällen eine Quarantäne für Schulklassen ausgesprochen werden, in allen übrigen Fällen kam durch die Einhaltung aller Maßnahmen (Lüften, Maske, Abstand, Händehygiene) kein enger Kontakt zustande und damit keine Quarantäne." Ausbrüche in Schulen (also zwei oder mehr Fälle, die epidemiologisch miteinander zusammenhängen) habe es in der ganzen Pandemie vier gegeben.

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