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Das Praxisteam: Jana Partsch (sitzend links), hinten: Tina Zimmer, Joelle Gerz, Sabrina Clemens, Elke Reifert (sitzend vorne).

In den Arztpraxen im Landkreis Limburg-Weilburg geht es zur Sache, seit Monaten. Telefone, die nicht still stehen, Patienten in Abstandsschlangen, Trennen von Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern

Ängste und Frust

  • vonPetra Hackert
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Fünf Praxishelferinnen schildern, was die Arbeit nicht leichter macht

Limburg-Weilburg -Sie sind zu fünft im Praxisteam, hinzu kommen zwei Ärztinnen und ein Arzt. Für die fünf Frauen, die es jeden Tag mit Patienten zu tun haben, die immer ungeduldiger werden, unter den Pandemiebeschränkungen leiden, krank sind, nicht gleich das bekommen (können), was sie möchten, hat sich die Situation in den vergangenen Wochen verschärft. Durch den erneuten Shutdown könnte es etwas ruhiger werden. Doch erst einmal nicht, meint Tina Zimmer. Die 38-Jährige arbeitet in der Praxis von Prof. Peter Gündling in Bad Camberg. Sie meldet sich zu Wort, weil es eine Kollegin bereits getan hat. Tausende Internet-Zugriffe verzeichnete Saskia Stachel auf ihren Brandbrief. "Und wir können das Wort für Wort unterstützen", sagt Tina Zimmer.

Die Situation ist die: "Bis vor einiger Zeit hätte ich gesagt, wie haben nur ruhige, nette Patienten." Das Klima war gut, der Umgang fast freundschaftlich. Das hat sich geändert, weil die Bedingungen nun ganz anders sind. Lange Abstandsschlagen, die sich bilden, während die Telefone klingeln, das Bewusstsein, nicht allem gleichzeitig gerecht werden zu können, Warten im Freien, gerade bei Regen kein Genuss - das belastet alle und führe zu Situationen, die sie in 20 Jahren Arbeitspraxis noch nicht erlebt habe. "Wir hatten ja auch noch nie eine Pandemie", sagt Tina Zimmer.

Ihr Arbeitstag beginnt um 7.15 Uhr, reiche oft weit in den Abend hinein, weil niemand aufhören möchte, wenn noch so viel Wichtiges anstehe. Man wolle doch helfen, schon berufsbedingt. Manche E-Mail beantwortet sie noch sehr spät am Abend, denn Anfragen gehen auf allen Kanälen ein.

Einiges, was Praxisteam und Patienten gleichermaßen belaste, liege an Abläufen, für die eine Arztpraxis nichts kann. Ein gutes Beispiel sind die unterschiedlichen Abrechnungsmodi bei den Corona-Abstrichen. "Die Kassenärztliche Vereinigung gibt das vor, und es ändert sich ständig. Immer, wenn man gerade routinierter arbeitet, kommt die nächste Neuerung", sagt Tina Zimmer.

Beständiger

Druck

Ihre Kollegin erklärt das für Nicht-Spezialisten so: "Es wird unterschieden: Abstriche für Patienten mit Erkältungssymptomen ohne persönlichen Kontakt zu nachgewiesenem Covid-19-Fall; Abstriche für Patienten mit Kontakt zu Covid-19-Fall, asymptomatisch; Abstriche für Patienten mit Symptomen und Kontakt zu Covid-19-Fall; Abstriche für Reiserückkehrer aus dem Ausland aus einem Risikogebiet; Abstriche für Patienten mit einer Warnung durch die Corona-Warn-App; Abstriche für Lehrer-/Kita-Beschäftigte; Abstriche für Personal aus Krankenhäusern/Arztpraxen/Pflegeheimen. All diese Anspruchsberechtigten haben ein unterschiedliches Abrechnungsverfahren (anderer Laborschein, andere Abrechnungsziffern, andere Diagnosen-Kodierung), welche sich seit Juli regelmäßig ändern."

Sabrina Clemens (24) ist seit vier Jahren Arzthelferin und ergänzt: "Es wird zwar mitgeteilt, für jeden, der möchte, gibt es eine Grippeschutzimpfung, aber ganz so einfach ist es nicht." Die Praxen bestellen für ihre Patienten, Risikopatienten haben Vorrang, Privatpatienten bestellen den Impfstoff selbst in den Apotheken und bringen ihn mit in die Praxis. Dabei gebe es Wartezeiten auf neue Chargen an Lieferungen. "Und den Pneumokokken-Impfstoff gibt es faktisch seit Monaten nicht mehr." Gerade an der Lunge beeinträchtigte Menschen sollten sich impfen lassen. Dann kommen die Patienten, werden vertröstet, werden unruhig und unzufrieden. Die gleiche Erfahrung hat Jana Partsch gemacht. Sie ist 22 Jahre alt und hat dieses Jahr ihre Ausbildung beendet. Das Dauerklingeln des Telefons und die Patientenanfragen für Impfungen, die momentan nicht oder nur im geringen Maße zur Verfügung stehen, sorgten für beständigen Druck. Eine Situation, wie sie es so noch nicht erlebt hat, sagt auch Elke Reifert, seit 35 Jahren im Beruf.

Keine adäquate

Betreuung möglich

"Es kommen auch immer wieder Leute ohne Maske rein, und wir müssen erinnern", sagt sie. Das ist keine Kritik, sie stellt nur fest: "Es ist noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen." Als sehr belastend empfindet die 59-Jährige, dass sie zurzeit nicht in die Seniorenheime dürfen. "Wir haben unsere Stammpatienten, die wir regelmäßig besuchen." Das ist jetzt verboten, und man sorge sich natürlich auch um diese Patienten.

Das hebt auch Tina Zimmer noch einmal hervor, die seit einigen Jahren in der Praxis durch eine Weiterbildung als NÄPA (nichtärztliche Praxisassistentin und Versorgungsassistentin) tätig ist. "Mein Chef und ich betreuen viele Patienten im häuslichen Umfeld sowie in Pflegeheimen." Leider bleibe kaum mehr Zeit und durch Auflagen keine Möglichkeit der adäquaten Betreuung. "Viele Menschen vereinsamen und fühlen sich im Stich gelassen. Einige haben keine Angehörigen."

Noch einmal zum Hintergrund der Kritik: Man wolle sich nicht beschweren, sagt Arzthelferin Joelle Gerz (26). Sie ist seit fünf Jahren im Beruf, macht ihn gern. Nur jetzt fehle es häufig am Verständnis. Das möchten die Arzthelferinnen wecken, indem sie ihre Situation schildern. Die Nerven lägen blank. "Und dabei arbeiten wir bis zum Anschlag." Ebenso wie die Ärzte.

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