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Das Gespräch mit den Bewohnern gehört dazu: Susanne Berger (links) spricht mit Elfriede Görke über ihr Leben im Weilburger Stift.

Pflege

Altenpflegerin spricht offen über Konkurrenzkampf und Arbeit am Limit

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Jede Menge Pflegeheime und Tagespflegeeinrichtungen, aber zu wenig Kurzzeitpflegeplätze. Zwar gibt es im Landkreis 43 ambulante Pflegedienste, aber in einigen Gemeinden ist es schon schwer, den passenden Dienst zu finden. Und wie sieht es aus mit den Pflegekräften? In einer Serie widmen wir uns dem Thema Pflege in allen Facetten. Heute geht es um die, die immer vergessen werden: die Altenpflegerinnen.

Schichtdienst, ständiger Zeitdruck, Rückenschmerzen und ein großes Risiko für psychische Erkrankungen – Altenpflegerin ist nicht gerade ein Traumjob. Aber ein sicherer Beruf. „Wenn Du was Sicheres willst, dann geh ins Altenheim“, hatte Susanne Berger ihrer Schwiegertochter geraten. Aber die hat sich etwas anderes gesucht.

Nicht, weil Susanne Berger zu Hause immer geschimpft oder gejammert hat. Sie liebt ihren Job. Sondern, weil es gar nicht so leicht ist, ihn anderen schmackhaft zu machen. „Nicht die Menschen sind das Problem, sondern der Druck“, sagt sie. Sie weiß, wovon sie redet. Susanne Berger arbeitet seit 26 Jahren in der Altenpflege und seit sechs Jahren in der Mitarbeitervertretung der Gesellschaft für diakonische Einrichtungen. Seit diesem Jahr ist sie für die Betriebsratsarbeit freigestellt. „Beides zusammen war zu viel“, sagt Susanne Berger.

Hessen im Mittelfeld

Weil es aufreibend ist, für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege zu kämpfen und Menschen zu pflegen. „Unter diesen Bedingungen ist menschenwürdige Pflege schwer leistbar“, sagt Susanne Berger. Und darum sollte es doch eigentlich gehen – „um das Menschliche“. Aber eigentlich gehe es immer nur ums Geld – beim Personal, beim Gehalt, bei den Bewohnern. Wenn sich der Staat die Pflege mehr kosten lassen würde, könnten mehr Pfleger eingestellt werden, sagt Susanne Berger. Vorerst kämpft sie aber um bundesweit einheitliche Personalbemessungsgrundlagen. Es könne doch nicht sein, dass der Personalschlüssel in den reichen Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg höher sei als in Sachsen; Hessen liege immerhin im Mittelfeld. „Aber die Pflege sollte überall gleich sein, die Bedürfnisse sind doch überall gleich.“

Unbesetzte Stellen

Die Kosten für das Pflegepersonal seien eigentlich nicht mehr das Problem. „Die sind über den Pflegesatz gedeckt.“ Wenn es einen Tarifvertrag gibt. Susanne Berger und ihre Kollegen kämpfen gerade für Tarifverträge für die Mitarbeiter der Diakonien. Die Gesellschaft für Diakonische Einrichtungen in Hessen und Nassau hat rund 1200 Mitarbeiter – in zwölf Altenheimen. Susanne Berger hat ihr Büro im Weilburger Stift, früher hat sie im Haus Weiltal in Freienfels gearbeitet. Sie erhofft sich von einem „kirchengemäßen Tarifvertrag“ mehr Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und bessere Arbeitsbedingungen. Und damit auch größere Chancen, Personal zu finden. Auch in den Einrichtungen der Diakonie gebe es längst unbesetzte Stellen, sagt Susanne Berger, vor allem in den Ballungsgebieten. „Bei uns im ländlichen Raum geht es noch.“

Dabei wird inzwischen mit allen Mitteln um Pflegekräfte gekämpft. Große private Anbieter zahlten ihren Putzfrauen und Pflegehelfern nur noch Dumpinglöhne, um den examinierten Kräften ein attraktives Gehalt zahlen zu können. Andere buhlten mit hohen Ablösesummen um Personal. Es gebe inzwischen einen regelrechten Konkurrenzkampf zwischen privaten und kirchlichen Anbietern. „Die zahlen, was sie wollen, wir sind an Vereinbarungen gebunden.“

Die Arbeitsbedingungen sind aber vermutlich in allen Pflegeheimen gleich. Der Tag beginnt mit dem Wecken, Waschen und Anziehen der Bewohner. Im Weilburger Stift sind in der Frühschicht drei Pflegekräfte für 40 Bewohner zuständig. Natürlich wollen alle frisch gewaschen beim Frühstück sitzen. „Da muss man schon schnell sein.“ Die ersten Bewohner werden um 6.15 Uhr geweckt, Frühstück gibt es ab 7.30 Uhr, da bleibt nicht viel Zeit für eine gründliche Körperpflege und erst Recht nicht für Geduld und „anleitende Pflege“. Denn die ist eigentlich das Ziel: Damit die Bewohner möglichst selbstständig bleiben, sich selbst waschen und anziehen. „Aber das ist sehr zeitintensiv“, sagt Susanne Berger.

Schlechtes Gewissen

Viele Kolleginnen gingen regelmäßig mit schlechtem Gewissen nach Hause, weil sie schon wieder nicht die Zeit hatten, auf die Menschen einzugehen. „Aber trotzdem gibt jeder sein Bestes.“ So gut es eben möglich ist, wenn man schon den elften Tag in Folge arbeitet und nicht so genau weiß, ob man am kommenden Wochenende tatsächlich frei hat. Weil man immer damit rechnen muss, dass der Arbeitgeber anruft und einen Notfall ausruft, weil eine Kollegin krank geworden ist – und die Bewohner versorgt werden müssen.

„Die Kolleginnen arbeiten jeden Tag am Limit – und irgendwann können sie einfach nicht mehr.“ Wer ständig seine Erkältungen ignoriert, die Rückenschmerzen hinnimmt und alle Symptome einer Überlastung übergeht, wird irgendwann richtig krank. Und zwar für lange. Viele Altenpflegerinnen landen irgendwann wegen eines Burnouts in der Klinik. Die Krankheitsquote liege bei 10 bis 15 Prozent, in der Personalplanung vorgesehen ist eine Quote von vier bis fünf Prozent. Und weil man die Kolleginnen nicht alleine lassen will, geht man arbeiten, bis es wirklich nicht mehr geht.

„Alle in der Pflege haben einen Sprachfehler: Sie können nicht ,Nein’ sagen“, sagt Susanne Berger. Auch dann nicht, wenn sie wissen, dass sie es sowieso nicht allen recht machen können: den Kollegen, den Bewohnern und den Angehörigen. Aber ein bisschen mehr Anerkennung wäre schon gut, sagt sie. Und Verständnis, vor allem von den Angehörigen. Dass sie nicht gleich meckern, wenn die Haare der Mutter mal nicht perfekt sind oder kein frisches Glas auf dem Nachttisch steht. Dass sie stattdessen vielleicht selbst eines holen und akzeptieren, dass die Mutter keine Lust auf einen Friseurbesuch hat. „Viele Angehörige ignorieren, dass die Menschen sich verändern.“ Sie befassten sich nicht mit Älterwerden. „Da müssen wir Betreuungs- und Beratungsarbeit leisten“, sagt Susanne Berger und lacht.

Trotzdem ist Altenpflegerin ein erfüllender Beruf: „Es ist schön, alten Menschen einen schönen Lebensabend zu bereiten.“ Aber mehr Wertschätzung würde sie sich wünschen.

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