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Die Angeklagten im Elysium-Prozess verdecken ihre Gesichter. Hinter ihre Fassade ist vor Gericht auch nur schwer zu blicken.

Kinderpornos

Angeklagte im Elysium-Prozess präsentieren ihre - bizarren - Geschichten

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Für zwei der Männer ging es angeblich allein um den Austausch von technischer Expertise im Darknet, einer sammelte angeblich Daten, um die Mitangeklagten und die gesamte Kinderpornoszene auffliegen zu lassen, und der vierte Beschuldigte bezeichnet sich selbst als „trockenen Pädophilen“, jedenfalls bis er vor einigen Jahren die Kinder eines Bekannten missbrauchte. So stellen sich die vier Angeklagten dar.

Für die Opfer, zahllose minderjährige Jungen und Mädchen, muss die Produktion von Nacktbildern und -videos die Hölle gewesen sein. Für die Konsumenten dieses kinderpornografischen Angebots, die sich untereinander euphemistisch als Gäste bezeichneten, war es das , das Land der Seligen in der Unterwelt. So nannten die Betreiber denn auch ihre Plattform im Darknet, die in den sechs Monaten ihres Bestehens bestens florierte.

Mehr als 100 000 Mitglieder dürften sich in Elysium bewegt haben, bestätigte einer der Angeklagten, ein 58-jähriger Mann aus Baden-Württemberg, am dritten Prozesstag vor dem Limburger Landgericht. „Ganz schnell“ sei der Zulauf gewesen, die Mitgliederzahl „stetig gestiegen“. Tatsächlich hatten BKA-Beamte bei der Zerschlagung des Kinderpornorings im Frühjahr 2017 mehr als 110 000 Benutzerkonten registriert und Millionen von Bildern und Videos auswerten müssen.

Welche Dimension dieser Vertrieb hatte, sei ihm dennoch nicht klar gewesen, behauptete der 58-Jährige, der sich nach eigenem Bekunden vornehmlich für die „technische Seite“ der Plattform interessiert habe und dem Gericht denn auch ausführlich über die Programmierung berichtete. Seine Aufgabe sei gewesen, „den Chat zum Laufen zu bringen“, wobei es sich bei diesem Chat zunächst um einen Vorläufer handelte, der im Dezember 2016 in Elysium aufging.

Server reichte nicht aus

Als die Kapazität seines eigenen Servers nicht mehr ausreichte, wandte er sich an einen ebenfalls angeklagten Mann, einen 40-jährigen Familienvater aus Bad Camberg, der unter dem Nicknamen „Berndinihr“ bereits in anderen Foren im Darknet unterwegs war. Der Bad Camberger fungierte fortan als Server-Betreiber für die Kinderporno-Plattform Elysium, weil er Daten sammeln und sie schließlich der Polizei übergeben wollte, wie er am zweiten Verhandlungstag behauptet hatte. Dazu kam es nicht. Im Juni vergangenen Jahres wurde er verhaftet.

So sei der Kontakt zustande gekommen und habe sich zu einer virtuellen Freundschaft entwickelt, berichtete der 58-Jährige. Dass sich der 40-Jährige eine Legende geschaffen hatte, die wenig mit dessen wirklichen Leben zu tun hatte, sei ihm klar gewesen, sagte der ältere Angeklagte. Irgendwann habe er gemerkt, dass die Geschichte „zu fiktiv“ sei, „aber ich habe es gerne gelesen“. Es habe ihn berührt. Täglich etwa eine Stunde will er mit „Berndinihr“ kommuniziert haben. Über kinderpornografische Inhalte sei es dabei nicht gegangen.

Zu viel Zeit gehabt

Auch mit dem dritten Angeklagten, einem 57 Jahre alten Mann aus Franken, nahm der 58-Jährige im Darknet Verbindung auf. Auch der gab vor Gericht an, sich allein für die technischen Zusammenhänge interessiert zu haben. Pädophile Neigungen habe er nicht. Nur sehr viel Zeit habe er gehabt, weshalb der Computer häufig online und er auf kinderpornografischen Seiten unterwegs war. Dass er sich mit dem Mann aus Baden-Württemberg ausgetauscht habe, räumte er ein. Der schickte ihm Backup-Dateien und Updates, allerdings mit genauer Betriebsanleitung, gewissermaßen wie ein Kochrezept: Ein Schritt nach dem anderen konnte so bei der Installation abgearbeitet werden. Auf den Einwand der Staatsanwältin, das deute nicht gerade auf große technische Expertise hin, gab der Angeklagte zu, sein EDV-Wissensstand bewege sich auf „gehobenem Hausfrauenniveau“. Aber, betonte er, sein Interesse sei groß.

Technisches Interesse trieb den vierten Angeklagten, einen heute 62-Jährigen aus dem bayerischen Landsberg am Lech, dagegen nicht an. Auch das Forum, in dem kinderpornografische Bilder und Videos angeboten wurden, habe ihn kalt gelassen. „Ich hatte eh schon eine Riesensammlung“, sagte er vor Gericht. Ihn hätten allein die Chats verlockt, weil er sich dort mit Menschen austauschen wollte, „die das Problem Pädophilie in sich tragen“ – so wie er. Über diese Möglichkeit des virtuellen Austauschs habe er gehofft, „endlich jemanden zu haben“, mit dem er über Erfahrungen und Gefühle schreiben könnte. Nach dem Motto, „geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagte er. Die pornografischen Aufnahmen, die im Chat kursierten oder auf die hingewiesen wurden, habe er nicht unterstützen wollen. „Ich habe nicht alles für gut befunden“, sagte der Mann, der vor mehr als 27 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden ist. Danach sei er ein „trockener Pädophiler“ gewesen, beteuerte er. Laut Anklageschrift soll er allerdings vor zwei Jahren in Wien die Kinder eines Bekannten sexuell missbraucht haben.

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