bdquo;Hadamarer Gesprächen“

Antisemitismus-Forscher stellt Argumentation von NSDAP und AfD gegenüber

Die Vorgeschichte des Nationalsozialismus und mögliche Parallelen zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen thematisierte der renommierte Forscher Michael Wildt bei den jüngsten „Hadamarer Gesprächen“.

„Geschichte wiederholt sich nicht Eins zu Eins“, sagt der Historiker Michael Wildt. Dennoch erkennt der Wissenschaftler Parallelen zwischen dem Vokabular des Nationalsozialismus und aktuellen Tendenzen. In einer neuen Folge der „Hadamarer Gespräche“ hinterfragte der Uni-Professor aus Berlin im voll besetzten Sitzungssaal des Limburger Rathauses den Propagandabegriff der NS-„Volksgemeinschaft“, mit dem Rechtspopulisten heutzutage Stimmung machen, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

„Wer ist das Volk?“, fragt Wildt. Dies sei ein mehrdeutiger und umstrittener Begriff; ebenso verhalte es sich mit der Definition der Volksgemeinschaft. Dabei handle es sich um einen Ausdruck, der schon im Ersten Weltkrieg die Nation im Krieg zum Zusammenhalt aufrufen sollte, weil er Einheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung versprach. Gleichzeitig aber sei „Volksgemeinschaft“ durch massive Ausgrenzung gekennzeichnet. Die NSDAP den Begriff dazu benutzt, Menschen auszusondern.

„Viele haben sich von dem Begriff ansprechen lassen, der sich in die Gesellschaft hineingefressen und die Öffentlichkeit verändert hat. Stufe für Stufe hat sich der

Raum für Gewalttaten

geöffnet. Staatsbürger konnten nur Volksgenossen sein“, machte Wildt deutlich. „Wer NSDAP wählte, unterstützte Antisemitismus und Verfolgungspolitik gegen die Juden.“

Wildt schlug den Bogen von der historischen Auseinandersetzung zu aktuellen Argumentationen des politischen Personals der AfD, die für sich reklamiere, den „Volkswillen“ gegen die etablierte Politik durchsetzen zu wollen. In ihrer Konsequenz ziele das von Rechtspopulisten vertretene Weltbild notwendigerweise auf eine Ausgrenzung bestimmter Gruppen. Die kulturell definierte Ausgrenzung von Minderheiten durch die AfD berge die Gefahr radikaler Exklusion aus dem „Volk“.

Die Nazis hätten den Slogan erfunden „Achtet die Arbeit und ehret die Arbeiter“, um zu zeigen, dass ein jeder, der arbeitet, wertvoll sei und im Dienste der Volksgemeinschaft stehe. „Durch viele symbolische Akte wurden Klassenunterschiede zugunsten der Volksgemeinschaft abgeschafft. Wer noch bei Juden einkaufte, wurde ausgegrenzt oder gar aus dem Staatsdienst entlassen“, erklärte Wildt. In der Gesellschaft seien Risse geschaffen worden. Da sich die Ansicht verbreitete, dass unproduktive Menschen wie Kranke, Behinderte und durch andere Lebensumstände Betroffene nur unnütze Esser sind, seien sie beseitigt worden.

Dennoch hätten sich nicht alle Menschen vereinnahmen lassen. Der Referent verwies auf die denkwürdige Predigt, mit der sich der Münsteraner Bischof von Galen der NS-Ideologie entgegenstellte. Er habe deutlich gemacht, „dass alle Menschen von Gott geschaffen sind und es nicht unsere Aufgabe ist, über das Leben der anderen zu entscheiden“. Als beispielhaft, dass sich nicht alle der Volksgemeinschaft verpflichtet sahen, führte der Historiker auch Mitarbeiter in Heimen an, die das „Aussortieren“ von Bewohnern für die Tötungsanstalten umgingen.

Derzeit bestehe großes Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus, sagte Wildt. Vor allem die Frage „Worauf muss man achten, dass sich heute ähnliche Entwicklungen nicht wiederholen?“ wurde gestellt.

Beim vierten Hadamarer Gespräch dieses Jahres befasst sich am Donnerstag, 22. November, 19 Uhr, Dr. Simone Erpel (Berlin) mit dem Thema „Frauen als Täter. SS-Aufseherinnen in Konzentrationslagern“. Der Eintritt ist frei.

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