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Spannender Höhepunkt: Wanderhure Marie Schärer (Anja Klawun) erhebt das Messer.

Unterhaltung

Auftakt der Theatersaison: Erotische Räuberpistole

Eitle Kirchenfürsten, kesse Prostituierte und theatralische Bösewichte: Subtil ging es bei der Theaterinszenierung des bekannten Historienromans „Die Wanderhure“ in der vollen Limburger Stadthalle nicht gerade zu. Das Publikum war begeistert und kam auf seine Kosten.

In der Stunde des Triumphs geht der Griff zum Messer, und es sieht einen Moment lang so aus, als sollte die Klinge an die eigene Brust gesetzt werden: Will sich „Wanderhure“ Marie Schärer (Anja Klawun) umbringen? Und das, nachdem sie sich an den Verschwörern, die ihr so übel mitgespielt hatten, erfolgreich gerächt hat? Dazu kommt es in der Limburger Stadthalle dann doch nicht. Die Szene aus dem Theaterstück „Die Wanderhure“ zeigt aber, welche Reise der Charakter im Laufe der rund zweistündigen Inszenierung des Historienromans hinter sich gebracht hat: von der wohlhabenden Konstanzer Gerbertochter hin zur Wanderhure Hanna und dann wieder zurück.

Zur Eröffnung der neuen Theatersaison der Kulturvereinigung erlebten die Zuschauer in der voll besetzten Stadthalle eine packende Inszenierung – weit weg vom Kostümdrama. Denn die Bühnenbildner hatten sich clevererweise erst gar nicht darauf eingelassen, eine konventionelle Szenerie mit Burgen und dem Marktplatz von Konstanz um 1410 nachbilden zu wollen. Stattdessen gab es nackte Stahlgerüste, die auch mal an Laufkäfige erinnerten und der zeitweise ausweglosen Situation der Heldin den passenden visuellen Rahmen verliehen. Gleichzeitig gab das abstrakte Bühnenbild der Inszenierung den dringend benötigten Freiraum. Denn Hand aufs Herz: Geschichtsunterricht geht anders. Zu sehen gab es weniger ein historisches Sittengemälde als eine moderne feministisch angehauchte Räuberpistole, in der eine lustvolle Karikatur die nächste jagte.

Dies ging mit dem androgynen Schurken, Magister Ruppertus Splendidus, los. Gespielt von Johannes Schön, vermittelte er den Eindruck, dass er seine Vernunftehe mit Marie vor allem hintertrieb, weil er eigentlich auf Männer steht und sich die Hochzeitsnacht ersparen wollte. Stattdessen sorgte er dafür, dass die Heldin fälschlicherweise der Untreue bezichtigt und ihm das Vermögen zugesprochen wurde. Ob so ein Coup gegenüber einer reichen Bürgerstochter im doch sehr überschaubaren Konstanz möglich gewesen wäre, darf getrost bezweifelt werden. Schon allein um das Vermögen in der Familie zu halten, hätten sich wohl Fürsprecher gefunden. Aber egal, irgendwie muss ja der temporäre Abstieg hin zur „Wanderhure“ plausibel gemacht werden. Ausgepeitscht und ausgestoßen wird Marie Schärer auf der Straße von einer Gruppe reisender Huren aufgelesen. Die wenig subtil auftretenden Damen stellen sich rappend vor. Ein Auftritt, der für Szenenapplaus sorgte. „Ich glaube, die waren bestimmt so tough“, erklärt später ein Zuschauer.

Dass die Ausgestoßene sich nicht dauerhaft auf der Straße verdingen muss, sondern bald in höhere gesellschaftliche Kreise findet, ergibt sich fast von selbst. Schließlich muss Bösewicht Ruppertus Splendidus seiner gerechten Strafe zugeführt werden und Marie ihre Wiedergutmachung erfahren. Beides ermöglicht der deutsche König Sigismund, der gerade beim Konzil von Konstanz weilt: Die Hinrichtung des späteren tschechischen Nationalheiligen Jan Hus kann und will er nicht verhindern, aber im Fall der Wanderhure sorgt er für Gerechtigkeit. Der Spagat zwischen großer Weltpolitik und erotischer Intrigengeschichte funktioniert eher schlecht als recht. Und dass die Kirchenvertreter durch die Bank als korrupt und machtgeil dargestellt werden, entspricht auch dem heutigen Zeitgeist. Insgesamt erscheinen das Einschreiten des Königs und das daraus resultierende Happy End zu überstürzt, um glaubhaft zu sein – wäre da nicht das Messer an der Brust.

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