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„Axtmord“ in Limburg: Der Tatort in der Weiersteinstraße

Aussage im Mordprozess

„Axtmörder“ aus Limburg: „Ich wollte mich und meine Frau töten“ 

Im Prozess um den Axtmord von Limburg hat der Mörder ausgesagt. Die Strategie seines Verteidigers könnte eine Wende in dem Fall bringen. 

  • Hintergrund zum „Axtmord“: Im Oktober 2019 hat der Beschuldigte Imad A. in Limburg seine Frau überfahren und danach mit einer Axt auf sie eingeschlagen
  • Im Prozess hat Imad A. nun zum ersten Mal ausgesagt
  • Der 34-Jährige wollte sich und seine Frau umbringen 

Limburg - Zum Auftakt des Prozesses gegen den sogenannten „Axtmörder“ belächelten manche die Strategie von Starverteidiger Wolfgang Stahl, der erstmals die These vom gescheiterten Versuch eines erweiterten Suizids zur Sprache brachte. Am Ende des zweiten Verhandlungstages lächelte nur noch der Koblenzer Rechtsanwalt. Die Aussagen des technischen Sachverständigen bestätigten seine Darstellung und die Einlassung seines Mandanten.

Axtmörder von Limburg beschleunigte auf 100 Kilometer pro Stunde

„Ich wollte meinem Leben ein Ende machen und gleichzeitig meine Frau töten“, sagt Imad A. am Mittwochmorgen vor der 2. Großen Strafkammer des Limburger Landgerichts. Deswegen habe er am 25. Oktober 2019 auf dem Gehweg in der Limburger Weiersteinstraße die 31-Jährige umgefahren. „Er hat alles versucht, dass er es nicht überlebt“, erklärt Christian Wellstein von der Dekra in Mainz am späten Nachmittag. Imad hat sich demnach nicht angegurtet, die Sicherheitsassistenzsysteme abgeschaltet, Vollgas gegeben und nicht gebremst.

Der Gutachter: Der schwere A 6 Avant mit 150 KW erfasst die Frau von hinten mit mindestens 89 Stundenkilometer, beschleunigt weiter, rast mit gut 100 km/h über die Schiebetorgabel am Parkplatz der Kreishandwerkerschaft und durch den Zaun und kracht mit hohem Tempo in das Haus Nummer 6. „Es ist sehr unwahrscheinlich, nach so einem Unfall da rauszukommen und dann auch noch weitere Taten zu begehen“, sagt Wellstein.

Dass der 34-Jährige dies getan hat, dass er 18 Mal mit voller Wucht mit einer Axt und einem Küchenbeil auf den Kopf des am Boden liegenden Opfers eingeschlagen hat, ist unstrittig. Für Wolfgang Stahl geht es darum, die verminderte Schuldfähigkeit von Imad A. plausibel zu machen und ihn so vor einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu bewahren.

Psychiater spielt entscheidende Rolle im Prozess um Axtmord von Limburg

Der 48-Jährige lässt im Prozess wiederholt erkennen, warum er zu den besten Strafverteidigern Deutschlands zählt. Er wird versuchen, das vorläufige Gutachten des Psychiaters auseinanderzunehmen. Danach ist der Angeklagte voll schuldfähig. Laut Stahl ist Prof. Dr. Hartmut Berger aber überhaupt nicht auf die Möglichkeit des beabsichtigten Suizids eingegangen, obwohl ihm sein Mandant davon berichtet habe.Die forensische Psychiatrie wird bei der Urteilsfindung die entscheidende Rolle spielen. Der zweite Verhandlungstag könnte eine Wende in der rechtlichen Bewertung des bestialischen Verbrechens sein.

Für Wolfgang Stahl ist die Sitzung jedenfalls optimal gelaufen. Das ist ihm beim Verlassen des Schwurgerichtssaals deutlich anzusehen. Sein Mandant dagegen verzieht den ganzen Tag über keine Miene. Imad A. blickt sehr ernst und etwas grimmig drein, er wirkt gefasst und ruhig. Bei seinen Aussagen merkt man ihm die Anspannung an. Der Deutsche mit tunesischen Wurzeln spricht sehr leise und stockend. Wenn es „ernst“ wird, macht er lange Pausen. Hin und wieder versagt ihm die Stimme.

Vier Stunden lang äußert Imad A. sich zur Person und zur Sache. „Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid“, sagt er nach der Schilderung der Tat, an die er sich im Detail nicht mehr erinnern kann. Was genau ihm leidtut, bleibt offen. Imad kann nicht mehr. Danach ist Pause.

Axtmörder von Limburg: „Ich war krank vor Sehnsucht“

Der Angeklagte erzählt, wie sehr er seine beiden Kinder geliebt und wie stark er unter der Trennung gelitten hat. „Ich war krank vor Sehnsucht nach ihnen“, sagt er. Seine Frau war mit dem damals dreijährigen Sohn und dem zweijährigen Mädchen Ende Juli vor ihm ins Limburger Frauenhaus geflohen. „Nein“, sagt er auf die Frage der Nebenklägerin Sandra Jung, ob er seine Frau und den Sohn geschlagen hat. „Nur mal geschubst und einmal mit Wasser überschüttet“, schiebt Imad nach. 

„Aber irgendwoher muss der Konflikt doch gekommen sein“, sagt die Anwältin, die im Auftrag des Jugendamtes die Interessen der Kinder vertritt und für beide Schadens- und Schmerzensgeldansprüche in Höhe von jeweils rund 100 000 Euro geltend macht. Die Kleinen, die bei einer Pflegefamilie leben, haben erst vergangene Woche erfahren, dass ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Dass ihr Vater der Täter ist, wissen sie nicht.

Axtmörder lernte Opfer im Urlaub kennen

Imad A. berichtet ausführlich über seinen Werdegang, erwähnt auch einen in der Kindheit erlebten sexuellen Missbrauch. Drei Geschwister, Industriemechaniker-Lehre, von klein auf Fußball, später auch Basketball gespielt und Kraftsport betrieben. 2009 zu Hause ausgezogen. Imad geht 2010 zu einem Unternehmen, für das er bis zur Tat als Maschinenführer im Drei-Schicht-Betrieb arbeitet; seit Frühjahr 2019 zusätzlich als Minijobber bei einer Fahrradfirma.

Im Herbst 2010 lernt er im Heimaturlaub seine spätere Frau Sana, eine Französisch-Lehrerin, kennen. Imad nennt nicht ein einziges Mal ihren Vornamen. Die Ehe ist nicht von den Eltern arrangiert worden, betont er. Mit seiner Partnerin hat er sich „trotz leichter Unterschiede in der Mentalität und Denkweise gut verstanden“.

Axtmörder und Opfer hatten Streit wegen Schwangerschaften

Nach der „schönen, großen Hochzeit“ und den Flitterwochen in Tunesien siedelt das Paar 2013 nach Andernach um. Es gibt Streit, weil kein Nachwuchs kommt. Mit der ersten Schwangerschaft im Sommer 2015 glätten sich die Wogen, so der Ehemann. Im Juni 2017 kommt das Mädchen zur Welt. Die Familie kauft ein Eigenheim in Nickenich. Sana bemüht sich um eine Ausbildung, ist später bei der VHS Dozentin.

Im Frühsommer 2019 wieder Streit, weil Sana entgegen der Familienplanung die Pille abgesetzt hat und erneut schwanger geworden ist. Und danach Krach wegen der Abtreibung. Sana spricht erstmals über Trennung. Jeder geht eigene Wege. Im Juli beginnt die Auseinandersetzung um die Kinder. Nach dem Auszug stellt der Vater Vermisstenanzeige, kämpft um das Sorgerecht. 

In einer offenen Akte liest der Axtmörder vom Frauenhaus in Limburg

Er ist hoffnungsvoll - bis zum 11. August. An diesem Tag erfährt er bei einem Termin im Jugendamt, dass seine Frau in einem Frauenhaus lebt. „In einer offenen Akte habe ich Limburg gelesen“, sagt der Angeklagte. „Da ist mir der Boden unter den Füßen weg.“ Am 16. August beauftragt er einen Detektiv, der schnell Fotos vom Versteck liefert. Sana zeigt ihn wegen Körperverletzungen an und erwirkt ein Kontaktverbot. Imad fährt dennoch immer wieder nach Limburg und wartet auch stundenlang vor dem Frauenhaus.

„Ich wollte ihr Schmerzen zufügen - wie sie mir“

Langsam wird die Vorstellung konkreter, Sana Schmerzen zuzufügen - „so wie sie mir“. Imad „taumelt“, wie er sagt, sucht Hilfe bei einer Psychologin und sieht im Oktober ein, dass die Familie nicht mehr zu retten ist. Nach dem 21. Oktober spitzt die Situation sich zu. Imad wartet mit einer geladenen Schreckschusswaffe und einer Perücke vor der Kita im Mütterzentrum, um die Kinder zu entführen, lässt es jedoch. „Im Traum habe ich meine Frau abgestochen und mich dann in ein Messer fallen lassen“, erzählt er weiter.

Am 24. Oktober mietet der 34-Jährige sich nachmittags einen Audi A 6 Kombi und fährt damit am nächsten Morgen nach Limburg. Als er seine Frau und die Kinder vor dem Frauenhaus sieht, fasst er den Entschluss, Sana und sich selbst zu töten. „Ich wollte, dass es da für uns beide endet. Ich habe kurz gedacht, dass ich meine Kinder im Stich lasse, bin in den Kreisel gefahren, habe Gas gegeben, geschrien und die Augen geschlossen. Es ging alles ganz schnell“, sagt Imad und atmet tief durch.

Wirre und unlogisches Aussagen des Axtmörders von Limburg

Er weiß angeblich nicht, was danach passiert ist. Erst im Gefängnis habe er sich an das Geschrei und das Handy auf dem Gehweg erinnert - auch daran, dass seine Frau unter dem Auto lag, aber an keine Schläge mit der Axt und dem Beil und an keine Bedrohung von Helfern.

Der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Janisch, Richterin Tanja Schmidt und Staatsanwalt Thomas Pohling haken immer wieder nach. Die Antworten sind teilweise unlogisch und wirr. Warum er eine Axt, zwei Küchenbeile und drei Messer ins Auto gepackt hat? „Zur Abschreckung.“ Warum? „Weiß ich nicht.“ Die Küchenbeile hat er zur Fleischverarbeitung, die Axt zum Frustabbau an Bäumen gebraucht. Was war sein Plan? „Ich hatte keinen Plan - nur Gedanken.“

Was daraus geworden ist, berichtet Dr. Gabriele Lasczkowski. Die Rechtsmedizinerin listet nüchtern und detailliert jede einzelne der schwersten Verletzungen auf; 18 davon mit Axt und Beil an Kopf, Hals und Nacken zugefügt. Die Frau war nach dem Zusammenstoß mit dem Auto so gut wie tot. Ihr „Abschlachten“ hat sie nicht mehr erlebt. Am Montag geht's weiter.

Von Joachim Heidersdorf

In dem Prozess in Limburg klagtdie Staatsanwaltschaft den „Axtmörder“ des heimtückischen Mordes an

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