Deutschkurs für Priester

Beim Singen fällt die Aussprache leichter

Sprechen und verstanden werden, darum geht es in einem Sprachkurs, den sieben Geistliche aus Indien und Vietnam derzeit im Missionshaus der Pallottiner absolvieren.

Das „e“ ist schwierig. Mal wird es lang gesprochen, mal kurz, und manchmal wird der Buchstabe zwar geschrieben, aber beim Sprechen verschluckt. Sieben junge Männer, sechs Patres aus Indien und ein vietnamesischer Bruder, üben gemeinsam mit ihrem Lehrer Thomas Eufinger die deutsche Aussprache von einzelnen Vokalen, Worten und Sätzen. Die Geistlichen aus Asien und verschiedenen Orden werden demnächst ihren Dienst in Deutschland ausüben. Und da sollen sie verstanden werden – auch sprachlich.

Über Fehler bei der Grammatik könne die Gemeinde hinweghören, sagt Pallottinerpater Nobert Possmann, der für das Bistum die „Priester der Weltkirche“ betreut. „Aber wenn man die Worte nicht versteht, wird’s schwierig.“ Deswegen gibt es im Missionshaus der Pallottiner einen Sprachkurs, in dem es an diesem Morgen zunächst um das „e“ geht.

Bruder David aus Vietnam, der als Schlosser und Gärtner in einem Zisterzienser-Kloster bei Rüdesheim arbeiten wird, bereitet zudem das „r“ Schwierigkeiten. „Ich bin ok“, sagt er, und das versteht man auch sofort. Nur sobald ein „r“ ins Wort gerät, wird dem Geistlichen höchste Konzentration bei der Bewegung der Zunge abverlangt. Das „r“ stellt ohnehin eine Herausforderung dar, räumt Thomas Eufinger ein. Denn am Wortende wird es beispielsweise gar nicht immer deutlich gesprochen. Es sei denn, sagt der Lehrer, man ist Opernsänger und will mit der dramatischen Betonung des Konsonanten dem ganzen Wort mehr Bedeutung verleihen. Das aber will in der Runde niemand. Die Männer sind froh, dass sie Bibelverse wie, „wir danken dir, dass du uns berufen hast“, fehlerfrei und gut verständlich sagen können, und dass sie auch jene sprachliche Hürde nehmen können, die ihnen die Formulierung, „unser apostolischer Administrator, Weihbischof Manfred“ bereitet.

Harte Arbeit

Der Sprachunterricht ist harte Arbeit. Bis Anfang August haben die Geistlichen jeden Tag Unterricht, der ihnen helfen soll, deutsches Leben in der Gemeinde und darüber hinaus zu verstehen und sich selbst mitzuteilen. Die sechs Männer aus Indien haben vor ihrer Ankunft in Deutschland bereits in Bangalore einen Sprachkurs absolviert. Sie beherrschen ein stattliches Vokabular, können deutsche Texte lesen und eigene Sätze bilden.

Und die soll man jetzt besser verstehen, weshalb Thomas Eufinger mit seinen Schülern oft singt. „Beim Singen wird die Aussprache leichter, weil die Melodie vorgegeben ist“, erklärt er. „Man muss nur noch darauf achten, die Vokale exakt auszusprechen“, fügt er hinzu und stimmt eines der bekanntesten Kirchenlieder an: „Großer Gott wir loben dich.“ Wo ist das „o“ lang, wo kurz, fragt er die Schüler, die ihre Lippen formen, um dem Klang nachzuspüren. Für die liturgischen Lieder gibt es eine Hilfestellung im Internet, verrät Pater Possmann. Wilhelm Gries, Stimmbildner der Limburger Domsingknaben, und Organist Carsten Igelbrink haben die wichtigsten Gesänge in einer Datenbank hinterlegt. Die Geistlichen nicken dankbar – und vielleicht überlegen sie, wie lang oder kurz die vielen „i“ in „Stimmbildner Wilhelm Gries“ sind.

Neue Erfahrungen

Die Lehrerin in Bangalore sei Inderin gewesen, habe aber viele Jahre in Deutschland gelebt, berichtet Pater Joseph Saju. Sie habe „echtes Deutsch“ gesprochen. Das war hilfreich. Eine Erleichterung war auch das Internet, das den Männern bereits vor ihrer Reise nach Europa die Möglichkeit gewährt habe, sich mit der hiesigen Kultur vertraut zu machen, formuliert Pater Possmann. „Dank der weltweiten Vernetzung waren sie schon hier, bevor sie angekommen sind.“ Sie kennen sich aus und sind dennoch überrascht darüber, wie „systematisch und organisiert alles in Deutschland ist“, sagt Pater Saju. Im Straßenverkehr zum Beispiel: Bei einer grünen Ampel fahren tatsächlich nur jene Autos, denen die grüne Ampel gilt, hat Pater Kumar festgestellt. Das sei in Indien anders – und dieser Unterschied könne natürlich ein bisschen spannend werden, wenn die Patres nun ihren Führerschein machen, sagt Possmann.

Vor den Verkehrsregeln und deren Anwendung aber geht es um Selbst-, Mit- und Umlaute, deren korrekte Aussprache besonderes Geschick erfordert. Das Wort „hören“ beispielsweise sei nun wirklich schwer, findet David: Ein Umlaut, ein „r“ und ein kurz gesprochenes „e“, das aber auch verschluckt werden könnte. Die anderen Schüler nicken zustimmend, und Lehrer Thomas Eufinger beginnt, die nächste gemeinsam zu singende Strophe zu dirigieren: „Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen stimmen dir ein Loblied an.“ Der Sprachkurs dauert noch knapp vier Monate.

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