Mit Spielsachen, Schuhen und Plakaten protestierten am Gründonnerstag auf der Treppe zum Kreishaus Eltern gegen Corona-Maßnahmen. Im Hintergrund links der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer.
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Mit Spielsachen, Schuhen und Plakaten protestierten am Gründonnerstag auf der Treppe zum Kreishaus Eltern gegen Corona-Maßnahmen. Im Hintergrund links der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer.

Protestaktion

Aktion gegen Corona-Maßnahmen: Besorgte Eltern oder „Querdenker“-Szene?

  • vonPetra Hackert
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  • Bernd Lormann
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Besorgte Eltern legen Kinderschuhe und Spielsachen auf der Treppe vor dem Kreishaus in Limburg. Eine Kunst- und Protestaktion gegen die Corona-Maßnahmen findet geteiltes Echo.

Limburg - Es war kein Aprilscherz und auch kein fröhlicher Ostergruß, den Männer und Frauen am Vormittag des Gründonnerstages als optischen Protest mit Plakaten, Kinderschuhen und Spielsachen auf der Treppe zum Landratsamt an der Schiede in Limburg hinterlegt haben. "Den Kindern eine Stimme geben" nannten sie die Aktion gegen Corona-Maßnahmen, die das tägliche Leben von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigten.

Corona-Maßnahmen: Aktion in Limburg stößt auf Kritik - Nähe zu Querdenkern?

Auf Plakaten zwischen den Sachen waren Formulierungen zu lesen wie "Ich wünsche mir, endlich wieder Fußball zu spielen", "Tests nur zu Hause - keine offene Bloßstellung", "Schule ist mehr als nur Lernen", "Die Eindrücke der Kindheit wurzeln am tiefsten", "Schule und Kitas sind auch Zufluchtsorte" oder "Wir möchten wieder frei atmen". Letzteres ist eine Formulierung, die mittlerweile aufhorchen lässt: Offensichtlich haben sich Gruppierungen gebildet und vernetzt, die unter dem Vorwand, für das Kindswohl einzutreten, gegen Schutzmaßnahmen in Zeiten der Corona-Pandemie wie die Maskenpflicht auf den unterschiedlichsten Ebenen zu Felde ziehen. Die Limburger Aktion passt in ein weiteres Umfeld: Die bundesweit geplante "Aktion Kinderschuhe", die auf ein geteiltes Echo gestoßen ist. Nach Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks werde diese Aktion fast ausschließlich von Gruppierungen beworben, die der Querdenken-Szene und verschwörungsideologischem Denken nahestehen.

Ist das in Limburg auch so? Der Aktion war ein Brief beigefügt - namentlich nicht unterzeichnet, sondern anonym von "besorgten Eltern aus dem Landkreis Limburg-Weilburg" adressiert an Landrat Michael Köberle (CDU), die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes sowie alle Bürgerinnen und Bürger heißt es: "Wir möchten heute mit unserer Kunstaktion ,Kindern eine Stimme geben' auf die schwierige und zum Teil prekäre Situation für Kinder und Jugendlichen im Rahmen der Corona-Maßnahmen aufmerksam machen. Wir beziehen uns auf die Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit nach Artikel 5 im Grundgesetz."

Corona: „Besorgte Eltern“ starten Protestaktion gegen Corona-Maßnahmen

Die "besorgten Eltern", die auch eine E-Mail in die Redaktion geschrieben haben, haben sich auf Anfrage nicht zurückgemeldet. Die Aktion bleibt anonym. Sie schreiben weiter: "Wir hoffen, dass Landrat Köberle und die Verantwortlichen des Gesundheitsamtes sich die Zeit nehmen, die Wünsche und Sorgen vieler Kinder und Jugendlichen, symbolisiert durch die Kinderschuhe und Spielsachen und hier auf den Plakaten beispielhaft aufgezählt, sich anzusehen und diese zu berücksichtigen, wenn Sie über eine weitere Maßnahme oder besser noch über die Beendigung der Maßnahmen, insbesondere für die Kinder und Jugendlichen, beraten und verhandeln." Sämtliche Gegenstände würden wieder eingesammelt. Es entstünde also kein Problem durch eine etwaige Entsorgung.

Der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer (SPD), der ebenso wie andere Bedienstete der Kreisverwaltung und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger die Kunst- und Protestaktion auf der Treppe des Kreishauses staunend betrachtete, nahm den Aufruf der Eltern zur Kenntnis. Jörg Sauer sagte, auch ihm seien die Initiatoren der Aktion nicht bekannt. Sie sei auch nicht angekündigt gewesen. Jörg Sauer meinte, er betrachte ebenso wie Landrat Michael Köberle die Aktion "mit Ernst und Respekt".

Limburg: Aktion gegen Corona-Maßnahmen war nicht angekündigt

Einen Tag später (Karfreitag) hat die Gruppierung auf die Anfrage dieser Zeitung geantwortet - wieder anonym. Sie erklärt dieses Vorgehen mit möglichen Anfeindungen und der Befürchtung, in die Corona-Leugner-Ecke gestellt zu werden. Vergleiche zum Holocaust (durch die Schuhe), die in der aktuellen Debatte von Kritikern der Aktion aufgeworfen wurden, weisen sie zurück.

"Wir haben uns im Vorfeld überlegt, wie wir auf die Kinder und die Folgen der Corona-Maßnahmen für die Kinder aufmerksam machen können. Dabei fielen uns die Schuhe, Spielsachen und Kuscheltiere ein. Wir haben diese Gegenstände liebevoll auf der Treppe drapiert und Plakate, zum Teil von den Kindern gestaltet, dazu gelegt. Während die Nazis völlig herz- und lieblos die Schuhe der Kinder, ebenso auch Gegenstände der Erwachsenen wie Brillen und ähnliches, wie sich in den KZ-Gedenkstätten sehr wirkungsvoll anschauen lässt, auf einen Haufen warfen und auch so die Würde der Menschen buchstäblich mit Füßen traten. Die abscheulichen Greueltaten der Nationalsozialisten an den Kindern und Erwachsenen sind bespiellos und dürfen niemals relativiert werden", schreibt die Gruppe.

Corona-Maßnahmen und Protest-Aktion in Limburg: Kinder würden zunehmen vereinsamen

Die Kinderschuhe und auch die Spielsachen stünden stellvertretend für all die Kinder und Jugendlichen, "die zunehmend zu vereinsamen drohen, da der Kontakt zu Freunden unerwünscht ist und die Vereine keine Aktivitäten durchführen durften bzw. bei den Jugendlichen über 14 Jahren immer noch nicht durchführen dürfen; die ihrer Tagesstruktur durch den fehlenden Präsenzunterricht beraubt wurden; und die ihren mitunter schwierigen Familiensituationen nun kaum noch entfliehen können."

Was sie sehr gefreut habe, "war das Interesse des Ersten Kreisbeigeordneten Herrn Sauer und des Landrates Köberle, deren Gesprächsangebot wir gerne annehmen möchten." (Bernd Lormann/Petra Hackert)

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