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Bischof Barry C. Knestout kniet während einer „Messe der Vergebung” in der Kathedrale des Heiligen Herzens in Richmond/USA vor dem Altar. Die Messe fand anlässlich des Vorwurfs statt, dass etwa 300 Priester mehr als 1000 Kinder über Jahre missbrauchten.

Sexskandal

Bischöfe gestehen Schuld ein

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche werden erschütternde Dimensionen bekannt. Die deutschen Bischöfe zeigen sich schockiert. Der Limburger Bischof Bätzing sagte, Verharmlosung und Vertuschung seien „vom Bösen“, sein Passauer Kollege sprach von „Schmutz, Abgrund, Unheil“.

Die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch durch Priester in der katholischen Kirche haben den Limburger Bischof Georg Bätzing tief getroffen und beschämt: „Hinter der Zahl von 3677 betroffenen Opfern stehen 3677 einzelne Schicksale von Kindern und jungen Menschen, die durch Priester unter Ausnutzung ihrer geistlichen Macht zutiefst verletzt und oft für ihr Leben lang verwundet worden sind“, erklärte er gestern beim Kreuzfest in Limburg. „Diesen einzelnen Menschen gebührt unsere ganze Aufmerksamkeit.“

Zudem brauche die Kirche die Erkenntnisse aus der Forschung, „um unsere Maßnahmen in der Prävention zu verstetigen und weiter auszubauen, damit Kinder und junge Menschen im Raum der Kirche sicher leben und sich entfalten können“, so der Bischof. Die Studie zeige auch, wie diese Verbrechen über lange Zeit fälschlicherweise abgewiegelt, verharmlost und vertuscht worden seien, um vorgeblich „Schaden“ von der Kirche abzuwenden. „Heute wissen wir, es wird nicht mehr weiter gelingen.“ Es sei „vom Bösen“, wenn den Opfern so Aufmerksamkeit und Hilfe vorenthalten würden. Wenn sich die Kirche nur retten und nicht verlieren wolle, werde sie am Ende alles verlieren, so Bätzing.

Dies sei schon erkennbar, denn die Kirche habe Glaubwürdigkeit, Respekt und das Zutrauen der Öffentlichkeit verloren, dass sie im Stande sei, die dunklen Seiten verantwortlich aufzuarbeiten.

Der Limburger Bischof zeigte sich überzeugt, dass die katholische Kirche weltweit aus dieser tiefen Krise gründlich verändert hervorgehen werde – „entmächtigt und demütiger“ als je zuvor. Das werde aber kein Schaden sein, sondern eine Chance, näher bei dem von Jesus gegebenen Auftrag zu sein. Mit der Studie, die während der Vollversammlung der Bischofskonferenz am 25. September in Fulda im Detail vorgestellt wird, signalisierten die Bischöfe die Bereitschaft, den nötigen Lernweg einzuschlagen und Veränderungsprozesse in Gang zu bringen, so Bätzing. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Kardinal Reinhard Marx, betonte, die Kirche stehe an der Seite der Betroffenen.

Aus der von der DBK in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie gehe hervor, dass Priester ihre Macht für die Taten ausnutzten, berichtete „Zeit Online“ am Sonntag. Dem Portal liegt die Studie vor. „Sexueller Missbrauch ist vor allem auch Missbrauch von Macht“, wird aus den Ergebnissen zitiert. Daher sei „Klerikalismus eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal“ für sexuelle Gewalt innerhalb der Kirche.

Wie „Spiegel“ und „Zeit“ bereits in der vergangenen Woche berichteten, nennt die Studie 3677 Opfer von Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche und mindestens 1670 mutmaßliche Täter für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Wie „Zeit Online“ berichtet, wurde der Missbrauch laut Studie im Ministrantendienst, beim Religionsunterricht oder in der Erstkommunions- oder Firmungsvorbereitung angebahnt.

Der kirchlichen Struktur gibt auch der Passauer Bischof Stefan Oster eine große Mitschuld an den Missbrauchsfällen. „Vieles war systemisch. Allzu häufig ging es zuerst oder vor allem um den Schutz der Institution Kirche oder um den Ruf des Priestertums“, sagte Oster. Er sprach von „Schmutz“, „Abgrund“ und „Unheil“ und forderte „eine radikale Form der Selbstkritik“. „Sind wir in der Lage, auch ein System zu verändern, das eher zum Selbstschutz als zum Opferschutz neigt?“ Andere Bischöfe äußerten sich ähnlich. Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr forderte eine kritische Sicht auf „Strukturen und Mentalitäten in unserer Kirche“.

Bischof Oster geht davon aus, dass es noch mehr Opfer gibt als in der Studie benannt. „Die Situation ist eigentlich noch schlimmer, als wir jetzt wissen. Und das, was wir jetzt wissen, ist schlimm, ist furchtbar genug.“

Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der die Studie ursprünglich leiten sollte, den Auftrag aber abbrach, sagte dem „Spiegel“, die Untersuchung habe „große Schwachpunkte“. Zudem kritisierte der Kriminologe, dass die an der Studie beteiligten Forscher der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen nicht selbst die kirchlichen Akten durchforsten durften. Er forderte eine Folgestudie, „damit mehr Licht in dieses Dunkelfeld kommt“.

(dpa , red)

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