Medienrummel mit Mundschutz: Bischof Dr. Georg Bätzing stellte sich im Keller des Bischofshauses den Fragen der Journalisten.
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Medienrummel mit Mundschutz: Bischof Dr. Georg Bätzing stellte sich im Keller des Bischofshauses den Fragen der Journalisten.

Missbrauchsstudie

Bischof fordert neue Kultur in der Kirche

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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"Betroffene hören - Missbrauch verhindern" ist das Ziel. 70 Experten hatten sich monatelang mit sexualisierter Gewalt im Bistum Limburg beschäftigt und damit, wie man sie verhindern könnte. "Wir machen uns die Vorschläge zu eigen", versprach Bischof Dr. Georg Bätzing.

Limburg -Ein Aufbruch soll es sein. Bischof Dr. Georg Bätzing spricht von einer Veränderung der Kultur, vom "Grenzen weiten", davon, dass die Kirche Phantasie entwickeln müsse. Auch das Kirchenrecht sei nicht absolut. Man könne "die Gesetze weiten", zum Beispiel durch Selbstverpflichtungen. "Und da, wo wir an Grenzen stoßen, müssen wir den Weg durch die Instanzen gehen." Von Revolution sprach Ingeborg Schillai, die Präsidentin der Diözesanversammlung, nicht. Aber sie sagte bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie des Bistums am Mittwoch, dass es nicht darum gehe, als Kirche gut dazustehen. "Es geht darum, Anwalt für Betroffene zu sein, damit Leben gelingen kann." Und es geht darum, Betroffene zu hören.

"Betroffene hören, Missbrauch verhindern" heißt die Studie, an der seit September rund 70 Experten aus der Kirche und von außerhalb der Kirche gearbeitet haben - gemeinsam mit Menschen, die sexualisierte Gewalt in der Kirche erlebt haben. Am vergangenen Samstag war der Abschlussbericht in der Frankfurter Paulskirche übergeben worden.

46 Missbrauchsfälle

sind aktenkundig

Die vergangenen Tage haben nicht nur der Bischof und die Präsidentin der Diözesanversammlung genutzt, um zu lesen - auf 417 Seiten ist aufgeführt, welche Missbrauchsfälle im Bistum Limburg aktenkundig geworden sind (ganze 46), welche Rolle Klerikalismus und Machtmissbrauch dabei spielen oder die katholische Sexualmoral. Es geht aber auch um Personalführungskonzepte und die Priesterausbildung. Und natürlich um Kommunikation und Information in der Kirche.

Dass die Kirche offenbar ein Vertrauens- und ein Kommunikationsproblem habe, zeige sich schon daran, dass gerade mal zwei Menschen gemeldet haben, die den Autoren der Studie von ihren Erfahrungen berichten wollten, sagte Claudia Burgsmüller, Juristin und externe Projektbeobachterin. "Die Enttäuschung, Verbitterung und Angst vor Retraumatisierung ist offenbar viel zu groß." Da gebe es noch viel zu tun, "damit das Dunkelfeld erhellt wird". Eine unabhängige Ombudsstelle wäre eine Idee oder der Ausbau einer Beschwerdestelle im Bistum.

Ihre Aufgabe sei es erst einmal gewesen, auf Transparenz zu achten, "damit nicht die üblichen Mechanismen in solchen Institutionen in Gang gesetzt werden", sagte Claudia Burgsmüller. Damit das auch in Zukunft nicht passiere, müsse sich das Bistum weiterhin für externen Sachverstand öffnen - und sich mit den Ergebnissen der Teilprojekte auseinandersetzen. Das hat Bischof Georg Bätzung versprochen. "Wir werden nicht mehr diskutieren, wir werden jetzt herunterbrechen." Einige Probleme, die in der Studie eine Rolle spielten, seien ihm schon vorher bewusst gewesen: die Gewaltenteilung, die katholische Sexualmoral, Rolle des Priesters, die Rolle der Frau.

Perspektive von

Kindern stärken

Zwei Teilstudien hätten ihn besonders beeindruckt, sagte Georg Bätzing: Die Untersuchung, die sich mit der Kommunikation in der Kirche beschäftigt (da werde deutlich, was es braucht, damit Betroffene sich auch wirklich melden) und das Teilprojekt Klerikalismus und Machtmissbrauch. Kirche müsse die Perspektive von Kindern und Jugendlichen stärken. Schließlich sei sie "ein wesentlicher Player in der Kinder- und Jugendarbeit". Und das wolle sie ja auch sein. "Wir wollen Schutzräume schaffen."

Für die Täter sollen die nicht mehr gelten. Das zeige schon, dass die Verantwortlichen in dem Bericht namentlich genannt würden, zumindest in der Version, die im Bischöflichen Ordinariat zur Einsicht ausliegt. Natürlich würden dadurch Persönlichkeitsrechte berührt, sagte der Bischof. "Aber das nehme ich auf meine Kappe." Und für die Opfer sei die Nennung der Namen "ein später Akt der Genugtuung", sagte Claudia Burgsmüller.

Die Studie sei wegweisend, sagte Martin Schmitz, einer der Betroffenen, die daran mitgearbeitet hatten. Aber es reiche nicht, das Thema immer wieder wissenschaftlich zu analysieren. "Die Sicht der Betroffenen muss eine wesentliche Rolle spielen."

Und dafür sei es wichtig, dass die Kirche sich auch in Zukunft für externen Sachverstand öffne, sagte Dr. Dewi Maria Suharjanto, die interne Projektleiterin und stellvertretende Direktorin des Frankfurter Hauses am Dom. "Das war kein Vertrauensprojekt, sondern ein Transparenzprojekt."

Ombudsstellen und

die Rolle der Frau

61 Vorschläge, wie sexualisierte Gewalt in der Kirche in Zukunft verhindert werden könnte, haben die Experten der "Missbrauchsstudie" gemacht. Welche davon umgesetzt werden und wann, soll eine Expertenkommission in den kommenden drei Jahren klären, sagte Bischof Dr. Georg Bätzing gestern. "Einiges davon lässt sich leichter umsetzen." Zum Beispiel werde das Gesetz zur Personalakten-Führung, das auf Ebene der Bischofskonferenz beschlossen werden soll, unmittelbar im Bistum umgesetzt. Die Reform der Priesterausbildung stehe an, über ein Gleichstellungsgesetz werde ebenfalls bereits beraten. Eine Ombudsstelle sollte möglich rasch kommen, auch ein Beschwerdemanagement lasse sich leicht einrichten. "Anderes muss mit Rom abgestimmt werden." Einer der Vorschläge sei, die Rolle der Frauen in der Kirche neu zu definieren, zum Beispiel Frauen ins Domkapitel aufzunehmen oder Diözesansynodalrat und Priesterrat zusammenzulegen. "Das kann man sehr gut tun", sagte Bätzing. Nur die Idee von Doppelspitzen in den Gremien sei vielleicht nicht immer sinnvoll. sbr

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