Auch das St. Vincenz-Krankenhaus in Limburg ist von der Corona-Pandemie betroffen. Die Folgen des Pflegenotstands zeigen sich deutlich. Darunter leiden vor allem die Patienten.
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Gespräch im Flur des Limburger Krankenhauses: Der Sektionsleiter Intensivmedizin und geschäftsführender Oberarzt der Kardiologie, Mehdi Afscharian (links), mit dem Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, Christoph Bühler. Die schwarzen Helme an der Seite gehören zur Schutzkleidung.

Corona-Probleme

Frau prangert Zustände in Krankenhaus an: Klinikleitung rechtfertigt sich

  • Rolf Goeckel
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In der Corona-Krise fehlen am St.-Vincenz-Krankenhaus in Limburg vor allem Pflegekräfte. Darunter leiden die Patienten der Klinik, aber auch das Personal.

Limburg – Vom "Arbeiten am Limit" will Dr. Michael Fries, Ärztlicher Direktor am Limburger St.-Vincenz-Krankenhaus, nicht sprechen. "Wir arbeiten aber schon hart am Wind", beschreibt er die Situation des Hauses in der Corona-Pandemie. Seit Wochen füllen sich in der Einrichtung auf dem Schafsberg die Intensivbetten und Covid-19-Stationen. "Wir müssen vier mal mehr Patienten isolieren als in normalen Zeiten", sagt Fries. Seit Anfang November erlebe das Krankenhaus eine rasante Zunahme von Covid-90-Patienten. Wegen der Ansteckungsgefahr müssen sie getrennt von allen übrigen Kranken behandelt werden. Zurzeit sind es 70, mit immer noch steigender Tendenz.

St. Vincenz-Krankenhaus Limburg: Isolierung wegen Corona ist eine Belastung

Isolierung: Das ist sowohl für die Patienten und ihre Angehörigen als auch für das Pflegepersonal eine "extrem belastende Situation", wie Fries und Pflegedirektorin Martina Weich schildern. Für die Patienten, weil sie unter der Isolation leiden und auf für die Genesung so wichtige menschliche Nähe verzichten müssen, für die Pflegerinnen und Pfleger, weil sie die Covid-Stationen nur mit Kittel, Handschuhen, Schutzbrille, Maske und Haube betreten dürfen und für die Angehörigen, weil sie ihre Mütter und Väter, Omas und Opas nicht besuchen dürfen - wenn sie nicht im Sterben liegen.

Der Anlass für das Gespräch am Montag (04.01.2021) im St.-Vincenz-Krankenhaus ist unerfreulich. Cornelia Pötz aus Dehrn hat sich per E-Mail an diese Zeitung gewandt und die aus ihrer Sicht "nicht hinnehmbaren Zustände" im Limburger Krankenhaus vor dem Tode ihrer Mutter Mitte Dezember geschildert: "Ihr Zimmer sah aus wie in einem Lazarett, alles war voller Blut. Mamas Decke lag auf der Erde, die Heizung war aus, das Bett war nass und unsere Mutter lag zitternd und frierend im Bett, sie hatte sich unterbewusst die Kanüle aus der Hand gezogen. In diesem Zustand lag sie unbemerkt mehrere Stunden dort, das Blut war bereits angetrocknet", schreibt Pötz.

Limburg: Corona-Pandemie sorgt für Pflegeengpässe im Krankenhaus

Zum konkreten Fall will die Limburger Krankenhausleitung aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Stellung nehmen, räumt aber ein, dass es in Medizin und Pflege immer auch zu Fehlern kommen kann. Fries und Weich weisen auf die Schwierigkeiten hin, mit denen das Hospital seit Beginn der "zweiten Welle" Anfang November zu kämpfen habe. 100 Mitarbeiter des Krankenhauses seien entweder in Quarantäne gesteckt worden oder selbst an Covid-19 erkrankt. "Das führt zu Engpässen in der Krankenpflege", sagt Martina Weich. Zumal die Betreuung von Covid-19-Patienten deutlich zeitaufwendiger sei als von vielen anderen Erkrankten.

Um diesen Mehraufwand stemmen zu können, seien, so Fries, die Operationen auf das Notwendige reduziert worden. "Was medizinisch vertretbar ist, wird verschoben, um vorhandene Ressourcen auf die Covid-19-Fälle umzuverteilen", sagt er. Wie zeitintensiv deren Pflege ist, macht eine weitere Zahl deutlich: 520 Betten hat das Limburger Krankenhaus im Regelbetrieb; belegt sind derzeit lediglich 230 Betten. "Zwingend notwendige" Operationen wie beispielsweise die Entfernung großer Tumore oder die Behandlung von Notfällen würden aber nach wie vor durchgeführt, beruhigt Dr. Fries.

Pflegenotstand ist in Pandemie auch in Limburger Krankenhaus deutlich spürbar

Die Zahl der Pflegekräfte lasse sich nicht einfach erhöhen, erläutert die Pflegedirektorin. Denn schon vor der Pandemie habe es einen Notstand gegeben. "Wenn sich morgen zehn Pflegekräfte melden, stelle ich sie sofort ein." Der akute Personalmangel verlange den mehr als 500, häufig älteren Pflegekräften im St. Vincenz viel ab, betonen Fries und Weich, zumal das Krankenhaus schon seit Monaten unter Hochdruck arbeite. Manche Pflegerin oder mancher Pfleger erfahre erst zu Dienstbeginn am Morgen, auf welcher Station er oder sie heute arbeitet, schildert Weich. Und nicht wenige seien bereit, ihren Urlaub zu verschieben oder sich auf Abruf bereitzuhalten. "Von allen ist äußerste Flexibilität gefordert", sagt Fries, der der Krise auch eine gute Seite abgewinnen kann: "Die Teams wachsen immer enger zusammen."

St. Vincenz-Krankenhaus in Limburg: 15 Prozent der Mitarbeiter geimpft

Ein Ende der Krise ist am St. Vincenz nicht in Sicht - auch wenn zuletzt weniger Neuinfektionen gemeldet wurden. "Über die Feiertage sind die Zahlen gesunken, weil weniger getestet wurde und viele Gesundheitsämter nicht gemeldet haben", so die Einschätzung des Ärztlichen Direktors. "Die Zahl der Einweisungen jedenfalls ist bei uns weiter angestiegen." Auch von einer entlastenden Wirkung des vor Weihnachten verschärften Lockdowns sei nichts zu spüren.

Fries sieht aber auch Anlass zur Hoffnung: Seit Neujahr seien schon 15 Prozent der rund 1500 Mitarbeiter gegen das Coronavirus geimpft worden. Entlastend wirke auch, dass sich das St. Vincenz in einem Versorgungsverbund mit Krankenhäusern des Rheingau-Taunus-Kreises und der Stadt Wiesbaden befindet. In diesem "Versorgungsgebiet 5 Limburg-Wiesbaden" werde, so Fries, täglich konferiert, um zu sehen, wo die einzelnen Häuser hinsichtlich ihrer Kapazitäten stehen. Lichtblick: Trotz der angespannten Situation sind in Limburg noch freie Intensivbetten vorhanden.

Krankenhaus-Leitung in Limburg: Auch Bürger in Corona-Krise gefragt

Wie gut das Limburger Krankenhaus durch die Krise kommt, hängt für Fries aber nicht nur von Bettenkapazitäten, Pflegekräften und technischen Möglichkeiten ab, sondern von der Einstellung jedes einzelnen Bürgers. "Jeder muss sich fragen, wie viel er oder sie bereit ist, von seinem eigenen Leben abzugeben, um die Sterblichkeit zu reduzieren", sagt der Mediziner. (Rolf Goeckel)

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