Harry Fenzl vor dem ehemaligen Pfarrhaus in der Limburger Gartenstraße. Hierhin konnten einige Bewohner aus dem beengten Walter-Adlhoch-Haus umziehen.
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Harry Fenzl vor dem ehemaligen Pfarrhaus in der Limburger Gartenstraße. Hierhin konnten einige Bewohner aus dem beengten Walter-Adlhoch-Haus umziehen.

Limburg

Corona in Limburg: Obdachlose sind in der Regel krisenfest

120 Obdachlose gibt es in Limburg. Was bedeutet die Corona-Krise für sie?

Limburg - Die Wohnungslosenhilfe der Caritas bietet insgesamt 20 Wohnheimplätze an, sechs davon in Niederbrechen und 14 in Limburg. Einige der Zimmer des Walter-Adlhoch-Hauses (WAH) in der Limburger Eisenbahnstraße waren bislang mit Doppelstockbetten ausgestattet. "Unter den gegebenen Umständen war es aber unhaltbar, Männer zu zweit in den gerade mal zwölf Quadratmeter großen Doppelzimmern zu belassen", sagt Sachbereichsleiter Harry Fenzl.

Auch die "Oase", wie sich die Tagesstätte im WAH nennt, ist nun geschlossen. "Zu Beginn der durch Corona bedingten Abstandsregelungen konnten wir unseren sozialen Begegnungsort noch nach außen verlegen beziehungsweise erweitern. Damit war jedoch Schluss, als die Landesregierung den Betrieb von Gaststätten und Cafés generell untersagte".

Unterkünfte im leerstehenden Pfarrhaus

Erfreulicherweise konnte die Situation im Adlhoch-Haus nun entzerrt werden. Bis einschließlich August kann das Erdgeschoss des leerstehenden Pfarrhauses der katholischen Pfarrgemeinde St. Marien in der Limburger Gartenstraße von der Caritas für die Unterbringung wohnungsloser Menschen mitbenutzt werden. Neben vier Einzelzimmern steht hier für den Notfall auch ein Krankenzimmer mit separatem Bad zur Verfügung. Die ehemaligen Pfarrerwohnung in der ersten Etage bietet sich für Teamsitzungen an.

"Unsere Bewohner sind krisenerprobt. Die kennen schwierige Situationen und wissen damit umzugehen", lobt Harry Fenzl. In rasantem Tempo sei der Kraftakt gelungen, gemeinsam die Räume des Pfarrhauses herzurichten. "Die Betten haben wir vom WAH genommn, einiges an Mobiliar fand sich noch im Bestand und anderes, wie zum Beispiel einen Kühlschrank pro Zimmer, mussten wir kaufen", berichtet Fenzl.

Da die Holzwerkstatt der Wohnungslosenhilfe derzeit ebenfalls ruht, packten die sonst dort arbeitenden Handwerker im Pfarrhaus mit an. Schränke wurde aufgebaut, Türschlösser montiert, Wasserleitungen wieder in Betrieb genommen. "Was unter normalen Umständen Wochen und Monate braucht, ist hier in kürzester Zeit geschafft worden", staunt der Leiter und hebt die Besonnenheit und das große Engagement aller Mitarbeiter hervor.

Die Männer brachten sich bestmöglich ein

Auch die Bewohner hätten gut mitgedacht, Verantwortung gezeigt und sich bestmöglich eingebracht, denn die Männer wüssten nur zu gut, wie wertvoll ein eigener Wohnbereich ist.

Corona-Wohnungslosenhilfe

Wohnungslose treffen die Corona-Krise und die verordneten Ausgangsbeschränkungen besonders hart: Ihnen fehlen die gewohnten Einnahmequellen aus Spenden- oder Flaschensammeln, das schutzbietende "Dach über dem Kopf" und sanitäre Anlagen. In dieser schwierigen Zeit bitten die Caritasverbände im Bistum Limburg um Unterstützung, damit das Netzwerk für wohnungslose Männer und Frauen wirkungsvoll arbeiten kann. Gerade Menschen ohne festen Wohnsitz zählen zu den besonders gefährdeten Risikogruppen, denn sie sind für die aggressive Infektionskrankheit extrem anfällig. Viele leiden bereits unter Vorerkrankungen und sind vom Leben unter freiem Himmel geschwächt. Ihre Situation wird zudem erschwert, weil auch die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und Ausgabestellen von Lebensmittelspenden reagieren müssen. "Um den Betrieb nicht ganz einzustellen, gilt es, strikte Hygieneregeln zu beachten und den Kontakt zwischen Mitarbeitenden, Wohnungslosen und anderen auf ein Minimum zu reduzieren", sagt Jörg Klärner, Diözesancaritasdirektor in Limburg. Die Caritasverbände im Bistum rufen deshalb zu Spenden auf.

Zu denen, die in das Pfarrhaus umgezogen sind, gehört auch Alex G. Der 40-Jährige kam Anfang Dezember vergangenen Jahres ins WAH und sagt rückblickend: "Das war für mich der erste Lichtblick in den vergangenen sieben Jahren". Sinnvolle Beschäftigung fand der gelernte Mediengestalter tagsüber in der Holzwerkstatt. "Die Arbeit fehlt mir sehr und ich bin froh, wenigstens hier in bei der Inbetriebnahme des neuen Standortes der Wohnungslosenhilfe etwas tun zu können", sagt er. So habe er nach Kräften geputzt, Umzugskartons geschleppt, Gardinen aufgehängt und beim Aufbau der Schränke angepackt. Einen Synthesizer, den Alex beim Putzen des Pfarrhauses gefunden hat, durfte er behalten. "Jetzt muss ich nur noch schauen, wo ich ein Netzteil herbekomme, dann kann ich loslegen" strahlt er. Musik sei früher sein Hobby gewesen.

Uwe W. ist 52 Jahre alt und war bereits mehrere Jahre auf Wanderschaft, wie er sein Leben auf der Straße nennt. Vor etwa vier Monaten strandete der gebürtige Thüringer in Limburg. Jetzt hat er sich den Garten des Pfarrhauses vorgenommen und bereits gewaltige Berge alten Laubs weggeschafft. "Um mich auf der Wanderschaft über Wasser zu halten, verdiente ich mir gelegentlich etwas Geld durch Gartenarbeit", erzählt er. So kenne er sich damit recht gut aus, und die Bewegung an der frischen Luft täte ihm ohnehin gut.

Seit Uwe W. keinen festen Wohnsitz mehr hat, gab es schon etliche Notunterkünfte, in denen er zeitweise ein Bett fand. "So viel Privatsphäre wie hier in Limburg, das ist für mich der pure Luxus", stellt er fest. Er habe auch Häuser erlebt, in den sechs oder acht Leute auf einem Zimmer liegen.

Das Adlhoch-Haus als letzte Chance

Nicht nur die nun erweiterten Räumlichkeiten der Caritas-Wohnungslosenhilfe seien bemerkenswert, findet Michael S. (29). Vor einem halben Jahr hatte er den sozialen Halt verloren. Nachdem seine Partnerin ihn verließ und er bald auch Job und Wohnung verloren hatte, sah der Villmarer das Adlhoch-Haus als letzte Chance, um wieder Fuß zu fassen. Dankbar ist er insbesondere den Sozialarbeitern, die sich mit großem Engagement um ihn kümmern "Eigentlich hatte ich zum 1. April eine Anstellung als Lagerist in Aussicht, doch durch Corona ist das erstmal hinfällig", sagt er und hofft, dass dieses Angebot immer noch besteht, wenn die Krise vorüber ist. Dann kann er sich hoffentlich auch bald wieder eine eigene Wohnung leisten.

Beim Stichwort Wohnung ergreift Harry Fenzl noch mal das Wort: "Die Krise zeigt mehr denn je, dass wir dringend mehr bezahlbaren Wohnraum brauchen". Da sei der Staat in der Pflicht und müsse den entsprechenden Rahmen schaffen, meint der Heimleiter.. Von Kerstin Kaminsky

Im Umkreis von Limburg kommt es trotz Corona-Krise immer wieder zu Verstößen gegen das Kontaktverbot. Die Polizei musste mehrfach eingreifen. 

Nicht nur in Limburg leiden besonders Schaustellern unter der Corona-Krise. Viele haben in diesem Jahr noch keinen Cent verdient.

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