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Joachim Heidersdorf

Corona-Krise

Limburg-Weilburg: Von Lockerungsübungen und Denkverboten

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Corona-Krise: Seit einer Woche machen wir nun ein paar Lockerungübungen – und in einer Woche wissen wir etwas mehr. Ein Kommentar von Joachim Heidersdorf

Limburg - Ob alle gut mitgemacht haben und es sich ausgezahlt hat oder ob durch die ersten vorsichtigen Schritte zurück in die Normalität alles viel schlimmer geworden ist. Die Steigerungsform ist streng genommen falsch, denn schlimm ist die Corona-Krise aus medizinischer Sicht bislang nur für relativ wenig Betroffene. Gott sei Dank.

Möglicherweise sind die Zahlen gerade im Landkreis Limburg-Weilburg zu gut, um die Bürger zu disziplinieren. Am Samstag tauchte in der Statistik der dritte Corona-Tote im Kreis auf. Dabei handelt es sich um einen 90-Jährigen, der bereits vor vier Wochen gestorben ist und als erster COVID-19-Todesfall in Limburg-Weilburg galt. Danach verschwand er aus dem Bulletin, weil kein valider positiver Test vorlag. Nun ist er wieder drin. Das Land hat es so festgelegt, der Kreis folgt, damit die Zahlen einheitlich sind. Warum die Einschätzung sich geändert hat, kann das Gesundheitsamt nicht erklären. Egal. Ein Blick in den Westerwald (20 Todesfälle) zeigt die dunkle Seite der Statistik.

Corona-Maßnahmen in Limburg: Kein Raum für Zwischentöne

Die bislang alles in allem erträgliche Bilanz ist sicherlich den vielfältigen Schutzmaßnahmen zu verdanken. Aber wer weiß genau, wie die Kurve ohne die strengen Vorschriften verlaufen wäre? Ich weiß nach sechs Wochen nur, dass ich im Grunde nichts weiß. Und die meisten Experten und Politiker zu wenig. Ständig widersprüchliche Aussagen verunsichern die Menschen, nicht nachvollziehbare Entscheidungen ebenso. Erst waren Schutzmasken überflüssig oder gar gefährlich, jetzt sind sie Pflicht. Welche Läden dürfen öffnen und welche nicht und so weiter und so fort. Warum sind Baumärkte von Anfang an auf (und immer rappelvoll) und die Kirchen noch immer geschlossen. Nach Ostern wäre auch in den Gotteshäusern der Mindestabstand kein Problem. Vom verwirrenden Flickenteppich der Bundesländer ganz zu schweigen. In Limburg muss ich mich teilweise anders verhalten als ein paar Schritte weiter in Diez.

Wer soll das verstehen? Aber solche Fragen dürfen in dieser Ausnahmesituation nicht gestellt werden. Das stört und ärgert mich. Jeder, der an einzelnen Punkten zweifelt, wird sofort verteufelt. Für viele gibt es nur Schwarz – in diesem Fall sinnbildlich für die Pest und die Hölle – oder Weiß. In der öffentlichen Diskussion ist kein Raum für Zwischentöne.

Corona-Krise: Gegen Gesundheit lässt sich nicht argumentieren

Gegen Angst und Gesundheit lässt sich nicht argumentieren. Die Gesundheit steht selbstverständlich über allem. Verstehen Sie mich deswegen bitte nicht falsch. Ich beachte alle Anordnungen und Empfehlungen, halte Mindestabstand, meide persönliche Kontakte, trage beim Einkaufen Maske und bin seit sechs Wochen im Home Office. Alles ungern, wenn ich ehrlich bin. Ich darf auch nicht klagen. Ich muss mir aufgrund des absehbaren Ruhestands keine Sorgen um den Job machen und bin in der privilegierten Lage, in einem großen Haus im Grünen zu wohnen.

Nicht auszudenken, wie es Familien geht, die nicht wissen, wie es weitergeht und die mit mehreren Personen in einer engen Stadtwohnung leben. Diese dramatische Entwicklung ist auch heute schon sehr schlimm!

Die Entscheidungsträger hauen zwar Milliarden raus, scheinen die Existenzängste und die tatsächlichen Bedürfnisse vieler Menschen allerdings nicht zu kennen. Sie haben schließlich einen sicheren Posten und eine sichere, in der Regel üppige Pension.

Corona-Hilfen: Viele Gruppen bleiben außen vor

In den vergangenen Tagen hieß es wiederholt, die Stimmungslage im Land sei insgesamt gut, die meisten Menschen seien entspannter und nach der Pandemie werde unsere Gesellschaft eine bessere sein. Ich habe einen ganz anderen Eindruck. Aus meiner Sicht hat das seit Mitte März anhaltend schöne Wetter einen großen Anteil daran, dass die Stimmung nicht längst gekippt ist. Für philosophische Prognosen ist es noch zu früh. Tatsache ist dagegen, dass unsere Wirtschaft erst einmal am Boden liegt und sich nicht so schnell erholen wird. Wir müssen aufpassen, dass der Lockdown nicht verheerendere Auswirkungen hat als das Virus; neben den ökonomischen auch soziale und psychische.

Es ist prima, dass durch Corona ein paar Berufe höheres Ansehen gewonnen haben. Aber es gibt so viele Gruppen, die bislang bei allen Hilfspaketen weitgehend außen vor bleiben: Die zahlreichen Soloselbstständigen, die Künstler und die Gastronomen etwa. Sie haben keine Lobby. Auch in Restaurants und Gaststätten würde es Möglichkeiten geben, die Anordnungen einzuhalten. Natürlich nicht in den engen Lokalen, doch in größeren auf jeden Fall. Hier werden alle unsinnigerweise über einen Kamm geschoren; ach ja, die Friseure, die einem ganz nah kommen, dürfen nächsten Montag auch wieder ran. Ganz logisch ist das alles für mich jedenfalls nicht.

Darauf kommt’s nicht an. Hauptsache, Sie bleiben oder werden gesund!

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