Sie freuen sich auf Zeiten, in denen wieder mehr Leben auf den Krankenhausfluren ist: Dr. Michael Fries, der ärztliche Leiter des St.-Vincenz-Krankenhauses, und Martina Weich, die Pflegedirektorin.
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Sie freuen sich auf Zeiten, in denen wieder mehr Leben auf den Krankenhausfluren ist: Dr. Michael Fries, der ärztliche Leiter des St.-Vincenz-Krankenhauses in Limburg, und Martina Weich, die Pflegedirektorin.

Corona in Limburg

Abschiednehmen im Krankenhaus: Wenn nicht einmal Besuch kommen darf, ist die Not groß

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Manche Menschen können ihren Lieben im Krankenhaus in Limburg nur unter vielen Corona-Regeln Lebewohl sagen – die Not der Angehörigen ist groß. 

Limburg – Ein klassisches Dilemma – und zwar eines mit fatalen Folgen auf beiden Seiten: Auf der einen sind Menschen, die gerne ihre Lieben besuchen würden, um ihnen beizustehen, vielleicht auch, um Abschied von ihnen zu nehmen. Auf der anderen Seite sind Menschen, die dafür sorgen müssen, dass ein Krankenhaus reibungslos funktioniert, dass Leben gerettet werden kann.

Dr. Michael Fries, der Ärztliche Direktor des Limburger St.-Vincenz-Krankenhauses, formuliert es so: "Das Eine sind die Probleme, die sich durch die Einsamkeit ergeben, das Andere ist der Schutz vor Infektionen." Für das St.-Vincenz-Krankenhaus hat der Schutz der Mitarbeiter und der Patienten vor dem Coronavirus Vorrang. Und es hat sich damit eine Menge Ärger und Diskussionen eingehandelt - über die Notwendigkeit von Listen, Schnelltests, Masken, Desinfektionsmittel und Besuchsverbote.

Abschiednehmen im Krankenhaus: Limburger Klinikleitung weiß um die große Not der Angehörigen

Natürlich weiß auch die Klinikleitung um die große Not der Angehörigen, wenn sie fürchten müssen, dass Partner oder Partnerin, Mutter oder Vater, Oma oder Opa völlig überfordert und allein im Krankenhaus liegen und womöglich sterben. Und natürlich weiß auch die Klinikleitung um die wichtige Rolle der Angehörigen.

"Uns fehlen die Angehörigen im täglichen Betrieb", sagt Martina Weich, die Pflegedirektorin. Denn von ihnen können die Mitarbeiter jede Menge über die Patienten lernen, allein durch ihre Nähe können sie beim Gesundwerden helfen. "Deshalb wollen wir im Normalbetrieb so viel Besuch wie möglich." Aber seit über einem Jahr ist kein Normalbetrieb im Krankenhaus.

Und dann waren da die Monate, in denen noch mehr Menschen als sonst im Delirium in die Klinik kamen, vor allem alte Menschen aus Pflegeheimen, die viel Betreuung brauchen und oft so verwirrt waren, dass sie gar nicht mehr wussten, wie ihnen geschieht. Und das in einer Situation, in der viele Pflegekräfte krank waren oder Angst vor einer Infektion haben mussten.

Das waren die Monate, in denen sich viele Angehörige wenig einsichtig zeigten: Einige versuchten, sich am Empfang vorbei zu schleichen, andere wurden erwischt, als sie außen an der Mauer hochkletterten, um so zu ihren Angehörigen zu gelangen. Das waren die Zeiten, in denen nicht durchschnittlich vier Menschen am Tag in der Klinik starben, sondern acht. Das waren die Monate, in denen die Klinikleitung einen Sicherheitsdienst engagiert hat, um ihr Hausrecht durchzusetzen.

Besuchsverbot in Krankenhäusern: Ausnahmen gab es auch in Limburg immer

Aber die ganze Zeit gab es Ausnahmen vom Besuchsverbot - am Lebensanfang und am Lebensende. Werdende Mütter können immerhin seit ein paar Wochen wieder einen Beistand mit in den Kreißsaal nehmen und besucht werden. Kinder durften immer von Mutter oder Vater begleitet werden.

Und Menschen, die im Sterben liegen, durften ebenfalls immer Besuch bekommen. Aber wann ist es so weit, wann ist der richtige Zeitpunkt, um Lebewohl zu sagen? Ideal sei es natürlich, wenn die Angehörigen dann kommen, wenn der Patient noch stabil ist, am besten noch ansprechbar, damit genug Zeit ist, ganz in Ruhe Abschied zu nehmen, sagt Michael Fries. "Natürlich haben wir eine Ahnung, wann es so weit sein könnte."

Aber der Tod komme eben auch mal überraschend. Und manchmal sei die Arbeitsdichte so groß, dass keiner da ist, um die Zeichen zu deuten. Oder der Arzt sich entscheiden muss, ob er hier ein Leben retten oder dort mit einem Angehörigen telefonieren will.

Abschied im Krankenhaus: Auf der Onkologie in Limburg sind die Besucher oft überfordert

Und dann gibt es noch die Menschen, die gar nicht dabei sein wollen, wenn ihr Angehöriger den letzten Atemzug macht. Und diejenigen, die so weit weg wohnen, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Und überhaupt sei es nicht besonders klug, jemanden mit dem Hinweis, dass Vater oder Mutter gerade stirbt, ins Krankenhaus zu rufen, sagt Michael Fries. "Das Unfallrisiko ist dann viel zu groß."

Natürlich sei es eine Alternative, die Angehörigen die ganze Zeit über ans Sterbebett zu lassen. Aber eben keine praktikable. Denn jeder Besuch bringe einen riesigen Aufwand mit sich. Da muss dokumentiert werden, da muss desinfiziert werden, auf der Covid-Station braucht jeder Besucher eine Begleitung.

Auf der Onkologie oder der Palliativ-Station sind auch die Besucher oftmals überfordert. Manche machen einfach einen Abstecher ins Nachbarzimmer, auf manchen Stationen tauchen auch mal zehn Angehörige auf.

Und überhaupt: Was ist, wenn ein Besucher auf die Toilette muss? Und dann sei nicht immer klar, ob sich alle wirklich die Hände desinfiziert haben und die Masken korrekt tragen. Immerhin seien die Zeiten vorbei, in denen Unmengen Desinfektionsmittel und Hygieneartikel geklaut wurden, sagt Martina Weich.

Limburger Klinikpersonal in Zeiten von Corona: „Wir müssen wieder Geduld haben“

Und irgendwann werde sich die Besuchsregelung auch wieder ändern, sagt Michael Fries. "Wenn wir trotz steigender Infektionszahlen nicht wieder mehr Intensivpatienten bekommen." Inzwischen seien die vulnerabelsten Patienten durch Impfungen geschützt und 90 Prozent des Klinikpersonals ebenfalls.

Vor ein paar Wochen war Entspannung in Sicht, nun aber steigt die Belastung der Intensivstation wieder. "Jetzt müssen wir wieder Geduld haben." Und daran denken, wie wichtig die Kommunikation, wie wichtig der persönliche Kontakt ist: "Viele Angehörige sind schon beruhigt, wenn sich Arzt und Pflegekraft Zeit für ein Gespräch nehmen", sagt Michael Fries.

Aber im Winter sei dafür oftmals einfach keine Zeit gewesen. "Wir waren am Anschlag." Und das in einer Zeit, in der die Gesellschaft sowieso ein "hohes Besorgnisniveau" erreicht habe. Wenn dann ein Patient am Telefon klagt, dass sich niemand um ihn kümmere oder dass es nicht genug zu essen gebe, kommt schnell Eins zum Anderen.

Dann bekomme auch das Besuchsverbot eine andere Bedeutung: "Dann heißt es, dass hier keiner gucken darf, was wir machen", sagt Michael Fries. "Und dann können wir die Angst der Angehörigen verstehen." (Sabine Rauch)

Vier Frauen sind manchmal die einzigen Besucher am Krankenbett in der GPR Klinik Rüsselsheim, wenn Angehörige nicht zu ihren Verwandten dürfen. Sie gehören zu den ehrenamtlichen Helfern. Während der Coronapandemie ist ihr Besuchsdienst besonders wichtig. Aber auch in anderen Abteilungen des Hauses leisten sie wertvolle Arbeit. Das ganze Jahr über.

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