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Die Luftmessstation an der Schiede in Höhe von Karstadt. Auch direkt gegenüber wird mit einem Passivsammler die Luftqualität gemessen.

Limburg hat weiter ein großes Problem

Das Mantra von der Messstation

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Die Angst vor möglichen Dieselfahrverboten treibt seltsame Blüten

Die vor allem in Tibet gebräuchliche Gebetsmühle ist laut Definition "ein Rad oder eine Walze, die auf einer Papierrolle aufgedruckte Gebete oder Mantras enthält oder außen mit solchen verziert ist". Wer diese Gebetsmühle beständig dreht, erhofft sich eine Verstärkung der Gebete oder Mantras durch die Bewegung.

Die Gebetsmühle ist auch in Limburg sehr beliebt. Sie wird vorzugsweise von Politikern der CDU und SPD betätigt. Weil nächstes Jahr Kommunal- und Bürgermeisterwahl ist, wird sie gerade besonders fleißig gedreht.

Das Gebet lautet: "Oh lieber Gott, verschone Limburg von Dieselfahrverboten." Im Frühjahr nächsten Jahres wird der Verwaltungsgerichtshof in Kassel darüber entscheiden, weil unter anderem an der Schiede vor Karstadt die Werte des Atemgifts Stickstoffdioxid viel zu hoch sind.

Das dem Gebet folgende Mantra lautet: "Die Luftmessstation an der Schiede steht falsch. Und egal, was Experten auch dazu sagen, sie steht noch immer falsch. Außerdem misst sie falsche Schadstoffwerte. Und egal, was Experten dazu auch sagen, sie misst noch immer falsch."

Bei Schmuddelwetter niedrigere Messwerte

Im Umweltausschuss, der am Dienstagabend rein digital per Videokonferenz tagte, bekam Dr. Diana Rose vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie einen Eindruck von der Limburger Gebetsmühle; die Behörde betreibt die Messstation. Im Kern wollten die Mitglieder des Ausschusses auf Betreiben der CDU wissen, warum während des Lockdowns im Frühjahr mit deutlich weniger Verkehr auf der Schiede die Stickstoffdioxidwerte kaum zurückgegangen waren. Die Botschaft an die Expertin lautete: Da kann doch was nicht stimmen. Die CDU sieht sich bestätigt durch die Skepsis vieler Bürger.

Das Landesamt hatte zwar schon mehrfach erklärt, dass verschiedene Wetterlagen einen großen Einfluss auf die Schadstoffkonzentration in der Luft und damit auf die ermittelten Messwerte haben. Und ebenfalls deutlich gemacht, dass die in Limburg oft vorherrschende Windrichtung sowie die vorhandene hohe und dichte Bebauung an der Schiede es einer guten Lufthygiene - freundlich formuliert - sehr schwer macht. Aber gereicht hat das nicht. Also erfolgte am Dienstagabend eine erneute Erklärung.

Grundsätzlich gilt: Nasskaltes Schmuddelwetter mit viel Wind sorgt - wohlgemerkt bei jeweils gleicher Verkehrslage - für deutlich bessere Luftschadstoffwerte, als wenn Hochdruck vorherrscht mit blauem Himmel und so gut wie keinem Luftaustausch. Und eben diese - für die Messwerte - ungünstige Wetterlage herrschte ausgerechnet während des Lockdowns im Frühjahr vor. Dadurch waren die gemessenen Werte trotz des stark rückläufigen Verkehrs noch relativ hoch - eben weil die trotz allem emittierten Luftschadstoffe sehr lange an gleicher Stelle verblieben.

Messstation verlegen oder Luftturbine

Da die Häuserfronten an der Schiede natürlich nicht einfach abgerissen werden können, um für einen besseren Luftaustausch zu sorgen und das Wetter sich vermutlich nicht mal durch die Limburger Gebetsmühle beeinflussen lässt, folgten im Umweltausschuss zwei Vorschläge, wie sich dieses Problem lösen lässt - zumindest aus Sicht der SPD.

Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) empfahl, die Luftmessstation einfach zu verlegen und direkt vor das Landratsamt zu stellen; da gebe es einen besseren Luftaustausch. Und der Staffeler Ortsvorsteher und Stadtverordnete Dr. Matthias Schellhorn (SPD) schlussfolgerte zwar ironisch - aber irgendwie klang seine Theorie auch ein bisschen ernst - man könne doch vielleicht eine Luftturbine an der Schiede aufstellen, die bei jeder Wetterlage für den nötigen Luftaustausch sorgt. Mit diesem Föhn würde es Limburg bestimmt erneut in die Weltschlagzeilen schaffen: Kleinstadt föhnt schlechte Luft weg.

Da die Expertin aus Wiesbaden allerdings keine Fee ist, kommt weder das eine, noch das andere in Frage. Das eigentliche Problem für Limburg sei doch gar nicht die Luftmessstation, versuchte sie - ebenfalls gebetsmühlenartig - den Limburger Kommunalpolitikern klarzumachen. Das Hauptproblem sei der Passivsammler an der Hausfront am Musikhaus Sandner. Gerade dort seien die einmal im Monat ermittelten Stickstoffdioxidwerte in Limburg am höchsten. Deshalb habe die Luftmessstation genau in diesem Bereich aufgestellt werden müssen - an der Stelle mit der höchsten Belastung. Weil auf dem dortigen Gehweg aber zu wenig Platz ist, habe die Station direkt gegenüber aufgestellt werden müssen.

Die Expertin betonte mehrfach, es gehe ja gar nicht um abstrakte Messwerte, sondern in erster Linie darum, dass genau im Bereich des Passivsammlers am Musikhaus Sandner Menschen wohnen, die tagtäglich mit der zu schlechten Luft konfrontiert seien.

Eine Umsiedlung dieser Menschen ist allerdings noch nicht im Gespräch. Stefan Dickmann

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