Leonarda Kuprewitsch würde gerne zu den freundlichen Limburger Nachbarmädchen Ruth und Waltraud Kontakt aufnehmen. Aber die heute 85-Jährige erinnert sich nur noch an die Vornamen der beiden.
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Leonarda Kuprewitsch würde gerne zu den freundlichen Limburger Nachbarmädchen Ruth und Waltraud Kontakt aufnehmen. Aber die heute 85-Jährige erinnert sich nur noch an die Vornamen der beiden.

Zwangsarbeit in Limburg

"Das Wichtigste sind Frieden, Freundschaft und Liebe"

LIMBURG Eine Zeitzeugin im Gespräch mit Bündnis Courage

Kurz vor ihrem achten Geburtstag wird das russische Dorf von Leonarda Kuprewitsch überfallen. Männer übergießen die Häuser mit einer Flüssigkeit, der Ort Juchowitschy wird vollständig niedergebrannt, alle Einwohner werden nach Deutschland verschleppt. Es sind schlimme Szenen, an die die heute 85 Jahre alte Frau sich erinnert. Zusammen mit ihren Eltern, der Großmutter und den beiden Brüdern Leo und Michael, sechs und zwei Jahre alt, wird die kleine Leonarda im Herbst 1943 in einem Zug nach Limburg gebracht. Nicht nur die Menschen ihres Dorfes sind in diesem Zug, viele weitere teilen ihr Schicksal: Der Besitz verbrannt, die Heimat vernichtet.

Heute, 78 Jahre später, lebt Leonarda längst wieder in Belarus. Sie hat die Reise aus ihrem Dorf zu ihrer Tochter nach Minsk auf sich genommen, um über diese Erlebnisse ihrer Kindheit mit uns via Internet zu sprechen. Es ist ihr wichtig, dass im kollektiven Gedächtnis bleibt, was geschehen ist - auch, damit es sich nicht wiederholt. Ihre Nichte und deren Tochter in Berlin sind ebenfalls zugeschaltet und dolmetschen, was die Tante sagt. Leonarda Kuprewitsch spricht so schnell und erinnert sich so lebhaft, dass das nicht immer ganz einfach erscheint. Einfach ist es auch wegen des Inhaltes nicht: In Limburg endet zwar die Reise, nicht aber das Entsetzen. Die Kinder werden von den Erwachsenen getrennt, und während man Leonarda, Leo und Michael in einem Haus unterbringt, das als Heim für die Kinder der verschleppten Familien dient, werden die Eltern zur Zwangsarbeit in der Maschinenfabrik der Limburger Firma J. A. Hüfner & Söhne eingesetzt. Zwischen 1941 und 1945 waren in dem Zwangsarbeiterlager dieser Firma bis zu 80 Personen untergebracht, und das war nur ein kleiner Teil derer, die nach Limburg verschleppt wurden: Etwa 40 000 Kriegsgefangene aus Frankreich, Belgien und Russland wurden in dem 1939 errichteten "Mannschaftslager", kurz Stalag XII A Limburg, registriert. Kaum jemand weiß heute noch davon.

Auslöser für das Gespräch mit dem Bündnis Courage war der Wunsch der heute 85-Jährigen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und den Ort, an den sie als Kind verschleppt worden war, noch einmal aufzusuchen. Im vergangenen Jahr war dazu eine Reise geplant, die zur Teilnahme an den Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung nach Berlin und eben auch nach Limburg führen sollte. Der Besuch an drei Schulen in Limburg und Hadamar sollte Jugendlichen die Erlebnisse von Leonarda Kuprewitsch näher bringen. Aufgrund des Pandemieausbruchs musste das Vorhaben dann wie so vieles bis auf weiteres vertagt werden, aber der virtuelle Austausch macht immerhin möglich, dass man einen Einblick in das bekommt, was Leonarda erlebt hat.

In vielen Dingen ist dieser Einblick erstaunlich klar. Die Frau am Bildschirm im fernen Minsk ist beeindruckend engagiert und erinnerungsstark, wenn sie von dem zweistöckigen Wohnhaus in Limburg berichtet, in dem die Kinder von zwei Wärterinnen beaufsichtigt werden, und von denen eine besonders furchteinflößend gewesen sei. Beide sprechen kein Russisch, so dass eine Verständigung zunächst kaum möglich ist, erst später sei jemand zum Dolmetschen dazugekommen. Hinzu kam, dass die Kinder der Familie Kuprewitsch die einzigen aus dem Dorf Juchowitschy sind, kein vertrautes Gesicht findet sich unter den anderen Verschleppten. Selbst noch ein Kind, ist Leonarda verantwortlich für ihre zwei kleinen Brüder, mit denen sie in einem Raum mit zwei Hochbetten untergebracht ist. Sie berichtet, wie sie völlig verängstigt die Tage in diesem Raum verbringen, lediglich ein kurzer Gang zu dem das Grundstück umgebenden Zaun habe gelegentlich einen Blick auf die Außenwelt ermöglicht.

Man habe Kinder beim Spielen gesehen, die auf sie, die Fremden hinter dem Zaun, mit den Fingern gezeigt und sie gehänselt hätten. Eine Begegnung allerdings sei anders gewesen: Leonarda Kuprewitsch schildert, dass im Nachbarhaus zwei Schwestern lebten, die etwa in ihrem Alter waren und die versuchten, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Diese Schwestern, Ruth und Waltraud, hätten schließlich zusammen mit ihrer Mutter ermöglicht, dass Leonarda für einen kurzen Besuch zu ihnen kommen durfte. Die beiden haben sich ihr über all die Jahre sehr eingeprägt, und gerne würde sie Kontakt zu ihnen aufnehmen, aber leider sind die Vornamen alles, was sie von ihnen weiß, nicht einmal der Name der Straße, in dem die Häuser standen, ist ihr bekannt, was eine Suche fast unmöglich macht.

Wiedersehen in Dillenburg

Vom November 1943 bis zum Juni 1944 leben Leonarda, Leo und Michael in diesem Wohnhaus in Limburg. Acht lange Monate, in denen es keinerlei Kontakt zu den Eltern gibt, bis die Familie sich nach und nach - erst die Kinder, dann die Mutter mit der neugeborenen Schwester Raisa und zuletzt der Vater - in Dillenburg in einem Barackenlager wiedertrifft und hier zusammenbleiben darf. Auch die Großmutter ist schließlich wieder bei ihnen. Über die Bedingungen, unter denen die Eltern für die Firma Hüfner arbeiten mussten, oder wie sie in dieser Zeit in Limburg untergebracht waren, weiß Leonarda Kuprewitsch nichts. Als man sich wiedergesehen habe, habe man nicht über Einzelheiten gesprochen, man sei froh gewesen, dass alle überlebt hatten. Auch später, zurück in der Heimat, sei das vorrangige Ziel gewesen, das Vorgefallene zu vergessen; entsprechend kurz sei der Austausch mit den anderen Rückkehrenden über das Erlebte gewesen.

Über eine Stunde lang berichtet Leonarda Kuprewitsch aus einer Kindheit, die keine war, und über Lebensumstände, die für uns heute kaum vorstellbar sind. Auf die Frage, was sie den Jugendlichen in den deutschen Schulen als besonders wichtig mitgeben würde übersetzt die Nichte: "In erster Linie würde sie ihnen sagen wollen, dass Frieden und Freundschaft wichtig sind, dass man sich miteinander austauscht, dass man sich auch gegenseitig besuchen kann - was könnte wichtiger sein?" Selbst nach diesem langen Gespräch wirkt die Frau am Bildschirm nicht müde. Man spürt, dass ihr die Mitteilung wichtig ist, und die Nichte ergänzt: "Das Wesentliche ist, dass sich so was auf keinen Fall wiederholen sollte. [Tante Leonarda] hat am Ende noch mal betont: Friede, Freundschaft und Liebe. Mögen Leute, vor allem Kinder, so was nicht noch einmal durchmachen müssen."

Ausschnitte des Gesprächs mit Leonarda Kuprewitsch werden anlässlich des 22. Juni, dem Tag, an dem das NS-Regime 1941 die Sowjetunion überfiel, online gestellt werden. Interessierte finden den Link dazu auf der Homepage des Bündnis Courage gegen rechts: https://buendnis-courage.de/ .

Christine Eickenboom

Leonarda Kuprewitsch musste sich in Limburg um ihre kleinen Brüder Leo und Michael kümmern.

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