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Der schwere Job auf den Fernstraßen

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Von: Robin Klöppel

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Der ukrainische Polizist Oleksandr Lazarenko steht vor seinem litauischen Laster auf dem Parkplatz der Bad Camberger Autobahnraststätte.
Der ukrainische Polizist Oleksandr Lazarenko steht vor seinem litauischen Laster auf dem Parkplatz der Bad Camberger Autobahnraststätte. © Robin Klöppel

Sonntags auf den Autobahnraststätten der Region unterwegs: Hier trifft man vor allem Fernfahrer mit ihren Lkws. Wir sind mit ihnen ins Gespräch gekommen.

Limburg – Wer regelmäßig auf der A3 und anderen Fernstraßen unterwegs ist, dem ist aufgefallen, dass sämtliche Parkplätze an den Hauptverkehrsstraßen abends und nachts mit Fernlastern völlig überfüllt sind. Wir haben das Sonntagsfahrverbot genutzt und versucht, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen, die teilweise über Wochen und für deutsche Verhältnisse extrem wenig Geld unterwegs sind. Mit Menschen, die sich darauf einlassen, weil sie am Ende noch mehr haben, als sie als Polizist in der Ukraine oder als Lehrer in Rumänien verdienen.

So geht es am Sonntag früh zur Autobahnraststätte Limburg. Laster stehen auf dem dortigen Parkplatz genügend, doch obwohl es schon kurz vor elf Uhr ist, ist kaum einer der Fahrer zu sehen. Vielleicht schlafen sie schon für die nächsten Tag vor? Also geht es auf eine Runde, um zu schauen, ob ein Fahrer im Fahrerhaus sitzt oder draußen steht. Ein Mann in einem kroatischen Lasters ist aber misstrauisch, als ein Fremder einfach so an sein Führerhaus tritt, macht seine Scheibe nicht herunter und gibt Handzeichen , dass der Reporter verschwinden soll.

Fernfahrer an der A3: Ohne Dolmetscher kommt man in Limburg nicht weit

Also geht es weiter. Der Fahrer eines rumänischen Lasters steht draußen. Doch die Versuche auf Deutsch und Englisch zeigen, dass er nichts versteht und man ohne Dolmetscher sehr schlechte Karten hat. Dasselbe passiert an den Fahrertüren eines litauischen und eines polnischen Lasters.

Nach den schlechten Erfahrungen in Limburg geht es weiter an die Raststätte Bad Camberg. Dort dasselbe Spiel. Obwohl es langsam auf die Mittagszeit zugeht, ist kaum einer der Fahrer zu sehen. Und die wenigen, die im Cockpit hocken oder draußen stehen, verstehen nichts oder nur so wenige Brocken Deutsch oder Englisch, dass ein ernsthaftes Gespräch mit ihnen unmöglich ist.

Rast in Bad Camberg: Ex-Polizist fährt heute Lkw

Doch dann steht da ein Fahrer vor seinem Laster, der sich gerade zu Mittag eine Suppe kocht. "Do you speak English?" "No". "Deutsch?" "Ein bisschen". Der Fahrer überlegt kurz und sagt: "Warte." Er lässt sein Essen stehen und geht zu seiner Fahrerkabine. Stolz kommt er mit seinem Smartphone zurück, hält es dem Reporter vor den Mund und sagt: "Sprechen."

Der Mann ist erstens neugierig auf ein Gespräch und hat zweitens noch ein Übersetzungsprogramm auf seinem Smartphone. Das ist wie ein Sechser im Lotto. Er berichtet, dass er Oleksandr heißt, 40 Jahre alt und im normalen Leben Polizist in der Ukraine ist. Er zeigt stolz Fotos auf seinem Telefon, die ihn bei seiner Arbeit in Uniform zeigen.

Lkw-Fahrer: Ein harter Job – für manche aber die lukrativste Alternative

Wenn er eine angesehene Arbeit daheim hat, warum hockt Oleksandr Lazarenko dann sonntags in Bad Camberg auf dem Raststätten-Parkplatz? "Ich habe als Polizist in der Ukraine 300 Euro im Monat, Kollegen auf oberen Positionen 400", erklärt er: "Hier als Fernfahrer habe ich 70 Euro am Tag." Dafür ist der aus seiner Sicht lukrative Nebenjob hart, wie er sagt.

Er fährt für eine litauische Firma und hat gerade Fisch von Schweden nach Frankreich ausgeliefert, bevor es einen Tag später wieder nach Frankreich und dann nach Belgien geht. Neun Stunden am Tag sitzt er am Steuer, wie er erzählt. Lazarenko wird die kommenden 14 Tage seine Heimat in der Ukraine nicht sehen. Jetzt will er aber endlich zu Mittag essen.

Halt in Montabaur: Fünf Wochen ist Roman unterwegs - Ihn reizt das Fernweh

Zum Schluss geht es nun an die Raststätte Montabaur. Dort steht Roman mit zwei Kollegen essend vor seinem Auto. Er ist, wie er sagt, auch Ukrainer und fährt für eine Spedition aus Polen. Fünf Wochen am Stück ist er nach eigenen Angaben unterwegs, bis er sein Zuhause wieder sieht. Bis dahin lebt er quasi im Wagen an der Straße. Dadurch, dass er nur einen kleinen Transporter fährt, bekommt er nach eigenen Angaben für deutsche Verhältnisse mickrige 45 Euro am Tag.

"Ich weiß noch nicht, wohin meine nächste Fahrt geht. Das erfahre ich morgen früh", sagt er: "Wahrscheinlich geht es wohl nach Großbritannien." Macht er es nur des Geldes wegen? "Nein. Lkw-Fahrer zu sein reizt mich auch, weil das meine Chance ist, mal andere Länder kennenzulernen, Deutschland. Österreich, Italien, Niederlande und Belgien", berichtet er.

Die Gründe sind verschieden: Einer verlor den Job, ein anderer war Lehrer

Weiter geht es zu einem Deutsch sprechenden Polen, der mit seinem Kumpel redend an seinem Fahrzeug steht. Daniel Borkowski ist 32 Jahre, hat in der Corona-Zeit seinen Job in Danzig verloren und eine neue Möglichkeit gesucht, Geld zu verdienen. Da kam es ihm gelegen, dass Lastwagenfahrer gesucht werden. "Ich mache es aber nicht nur des Geldes wegen", versichert Borkowski. Ihm mache es sehr viel Spaß, zu fahren und neue Plätze zu sehen. So war er durch seinen neuen Job schon in Dänemark, Benelux und in Großbritannien.

Zuletzt stößt der Reporter auf die beiden rumänischen Fahrer Ionut und Bogdan. Letzterer kann Deutsch und erzählt, dass er in Timisoara studiert hat und dann dort Lehrer war. Doch dort erhält man im Vergleich zu deutschen Verhältnissen nur ein bitteres Gehalt. Kein Wunder also, dass viele der gut ausgebildeten jungen Leute in Länder mit mehr Perspektive verschwinden, auch wenn das natürlich alle andere als gut für Rumänien und andere osteuropäische Länder ist.

Trotz Studium die letzte Perspektive: Für Bodgan geht es in erster Linie um das Geld

So haust jemand wie Bogdan, der ein abgeschlossener Studium hat und ein sehr intelligenter Mensch ist, für einen aus westeuropäischer Sicht Hungerlohn zwei Wochen am Stück in einem Auto auf der Autobahn. "Natürlich mache ich es in erster Linie für Geld", gibt der Rumäne offen zu, "aber ich kann jetzt endlich auch mal neue Länder kennenlernen und etwas von der Welt sehen, komme gerade vom Laden in Österreich und fahre Montag Richtung Belgien weiter."

FDP-Politiker aus Limburg: Schardt-Sauer mahnt zu Tempo – Rund 450 Parkplätze fehlen

Die Limburger FDP-Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer hat sich mit einer Kleinen Anfrage im Hessischen Landtag für die Berufskraftfahrer stark gemacht. Sie wollte von der Landesregierung erfahren, wie diese die Notsituationen für die Kraftfahrer in Limburg-Ost und Bad Camberg-Ost lösen möchte. Wer mit den Betroffenen spricht oder die entsprechenden Rezensionen in den Suchmaschinen lese, bekommt laut Schardt-Sauer schnell ein katastrophales Bild der Lage. 20 Minuten Wartezeit und mehr vor den Toiletten, die Standstreifen seien nachts weit vor und hinter den Rasthöfen belegt und der Müll stapele sich an und um die Raststätten.

"Und all dies ist Dauerzustand seit Jahren", beschreibt es die Limburger FDP-Politikerin. Geplant sei, die Raststätte Limburg-Ost zu erweitern, zu verlagern oder neue Standorte zu eröffnen, um dem Bedarf gerecht zu werden. Leider zögen sich die Pläne seit 2009 bisher ohne Ergebnis dahin. Gleichzeitig hätten die Raststätte Limburg-West weichen und die Raststätte Bad Camberg-Ost aufgrund von Baumaßnahmen schließen müssen - das heiße, die Anzahl der Park- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie der sanitären Anlagen habe in der Planungszeit noch abgenommen. "Man könnte erwarten, dass sich der Hessische Verkehrsminister für diese Berufsgruppe, diese Branche einsetzt. Doch statt tragfähigen Plänen, statt Zukunftsperspektiven darzustellen, weist der zuständige Minister Tarek Al-Wazir die Verantwortung von sich", so Schardt-Sauer. Der grüne Verkehrsminister ignoriere ihre Fragen und sehe die neu gegründete Autobahn GmbH als Ansprechpartner.

Stellplätze in Limburg: Seit bald 13 Jahren wird an den Plänen gearbeitet

Dazu sagt Marion Schardt-Sauer: "Die Autobahn GmbH existiert seit knapp einem Jahr. Die Landesregierung sitzt allerdings schon seit bald 13 Jahren an den Plänen, die Stellplätze rund um den Rastplatz Limburg-Ost zu erweitern." Natürlich sei es für einen Verkehrsminister ein unangenehmes Thema, wenn seit über einer Dekade kein Fortschritt für die Sicherheit und das Wohlergehen der Kraftfahrer erzielt werden könne. Doch die Limburger FDP-Fraktionschefin findet: "Aber gerade dann sollten die Verantwortlichen auch selbst tätig werden und mit offenen Karten spielen. Denn es geht hier um menschenunwürdige Zustände, die schnellstens beseitigt gehören."

Alleine zwischen dem Autobahndreieck Dernbach und dem Wiesbadener Kreuz würden rund 450 Parkplätze in beide Fahrtrichtungen benötigt, damit die Fahrer die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten können, ohne das Leben anderer und das eigene durch riskante Parkplatzprovisorien an Ein- und Ausfahrten und Standstreifen zu riskieren. Die momentane Lage in Großbritannien verdeutliche, wie wichtig Berufskraftfahrer für unser Wirtschaftssystem seien. Ohne sie blieben die Regale in den Supermärkten leer, würden den Industriebetrieben die Rohstoffe ausgehen und an den Zapfsäulen Benzin und Diesel fehlen, so die FDP-Politikerin. (Robin Klöppel)

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Im Raum Frankfurt hat die Polizei vor einiger Zeit den Lkw-Fahrern ebenfalls einen Besuch abgestattet, jedoch nicht um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

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