Deutsch lernen, um anzukommen

In ihrer Heimat können sie nicht mehr leben, weil dort Krieg ist. In Deutschland wollen sie einen Neuanfang wagen und lernen deshalb Deutsch. Der Bezirkscaritasverband bietet in Limburg kostenlose Deutschkurse an.

Von Judith Hoppermann

Abedaziz Hasweh zeigt sein Schulheft. Die Lehrerin Beata Wierzbicka schlägt das Heft auf und schaut auf blaue, etwas krakelige Schrift. Leise liest sie vor: „Januar, Februar, März, April . . .“ Sie fragt ihn, wann er in Deutschland angekommen sei. Hasweh schaut sie an und bleibt stumm. Dann dreht er sich zu einem Landsmann aus Syrien um, der ihn zu diesem Deutschkurs begleitet hat. Abedaziz Hasweh ist zum ersten Mal hier.

Der Landsmann übersetzt die Frage. Denn Abedaziz Hasweh spricht kaum Deutsch, die Sätze und Wörter, die schon die ersten zwei Seiten seines Karo-Heftes füllen, versteht er nur mit den arabischen Schriftzeichen daneben. Vor drei Wochen ist er nach Deutschland gekommen. „Ich bin 51. Drei Kinder, drei Sohn. Ich komme in Syrien und wohne in Staffel. Lehrer aus Syrien“, sagt er auf Deutsch. Ein wenig verschüchtert sitzt er da, der Mann mit den graumelierten Schläfen.

Die Gruppe, die hier beim Bezirkscaritasverband am Bahnhofsplatz in Limburg kostenlos Deutsch lernt, sitzt im Kreis; drei Frauen, fünf Männer. „Zehn bis 15 Leute unterrichte ich hier normalerweise“, sagt Lehrerin Wierzbicka. Seit zwei Monaten arbeitet sie mit dieser Gruppe zusammen.

Die 50-Jährige wirkt energisch mit ihren dunkelroten Haaren. Auf dem Flipchart hinter ihr steht in roten Druckbuchstaben, worum es im heutigen Unterricht geht: „Essen – Trinken.“ Die Klasse sitzt an einer Tischgruppe in der Mitte des gelb gestrichenen Raums, einige Stühle sind leer.

„Was ist Nummer Zwei?“

„Das Obst, die Äpfel, die Bananen“: Die Frau aus Polen redet betont langsam; sie weiß, wie es ist, Deutsch zu lernen. Leise sprechen die Schüler die neuen Wörter nach. Nur Hasweh, der Mann aus Syrien im blauen Polohemd, traut sich noch nicht so recht. Er beschränkt sich darauf, auf die entsprechenden Bilder seines Arbeitsblattes zu zeigen. Dann muss aber auch er etwas sagen: „Abedaziz, was ist Nummer Zwei?“, fragt Beata Wierzbicka. Dabei streckt sie zwei Finger in die Luft. „Das Obst“, sagt er. „Richtig, das ist das Obst“, lobt ihn die Lehrerin.

Tahara Adda Menye, eine weitere Deutsch-Schülerin, hat ihr Gesicht über ein Buch gebeugt. Nur das schwarze Kopftuch und das Handy in ihrer Hand sind zu sehen. Mit ihren Fingerspitzen tippt sie Wörter, die sie nicht versteht, in ein Übersetzungsprogram ein. Die anderen Schüler schreiben zu zweit auf Plakate, was sie morgens, mittags, nachmittags und abends essen. Das kann die 46-Jährige schon.

Die Frau aus Somalia spricht in der Gruppe am besten Deutsch. Trotzdem reicht ihr das nicht. „Ich will die Sprache richtig lernen“, sagt sie. „Im Moment fühle ich mich in Deutschland verloren. Ich kann nicht nach dem Weg fragen, und ich kann nicht arbeiten, weil ich kein Deutsch kann.“

Nach Somalia kann Tahara Adda Menye aber auch nicht zurück, sie ist geflohen, „dort war Krieg“. Sie hat einen großen Traum: „Ich will in Deutschland ankommen, meine Kinder herholen, einen Job finden.“

Dafür muss sie Deutsch lernen, ihr eigenes Geld reicht aber nicht für einen Kurs ohne Zuschuss. Denn der kostet etwa 200 Euro bei der Volkshochschule. Zu teuer für jemanden, der keinen Job hat. Ein paar aus der Gruppe werden von Herbst an einen geförderten Integrationskurs besuchen. „Der richtige Kurs“ – wie sie ihn nennen – ist dann verpflichtend.

Tahara Adda Menye muss noch warten, bis sie ihre Aufenthaltserlaubnis bekommt. Der Deutschkurs mit „Beata“ – ihren Nachnamen kann Adda Menye nicht aussprechen – geht noch bis Ende Juli. Danach will die Caritas in Zusammenarbeit mit dem evangelischen Dekanat Runkel und der GAB Deutschunterricht direkt in den Unterkünften der Asylbewerber anbieten.

Wären die Asylbewerber früher angekommen hätten sie vielleicht noch einen Kurs an der VHS machen können – finanziert zu je einem Drittel von Caritas, Sozialamt und VHS. Die letzten 100-Stunden Kurse mit rund 80 Asylbewerbern laufen aber Ende Juli aus. Jetzt, wo immer mehr Asylbewerber nach Limburg und Umgebung kommen, sprengen die Kurse bei der VHS den finanziellen und organisatorischen Rahmen, sagt Sebastian Schneider von der Caritas.

Vor zwei Jahren ist Tahara Adda Menye nach Deutschland gekommen. „Ich konnte kein Deutsch. Noch weniger als Hasweh“, sagt sie. Auch er will seine Geschichte erzählen. Tahara Adda Menye hilft ihm dabei. Sie übersetzt aus dem Arabischen, das sie fließend spricht. Als Hasweh auf Arabisch seine Geschichte erzählt, redet er immer schneller. Immer wieder gibt Adda Menye seine arabischen Wörter in ein Übersetzungsprogramm ein. „Er war . . .“, sie schaut auf das Display ihres Handys, „. . . Oppositionspolitiker“, liest sie vor. Dann wieder wechselt sie ins Englische, weil ihr im Deutschen die Worte fehlen. „Hasweh ist festgenommen worden, er wurde gefoltert. Deshalb ist er nach Deutschland gekommen“, übersetzt sie. „Er hofft, dass hier alles besser wird.“

Ein eigenständiges Leben

„Deutschland ist unserer Chance auf ein neues Leben“, sagt sie. „Zuhause hatten wir eines. Hier müssen wir wieder bei Null anfangen und einen Schritt nach dem anderen gehen.“ Sie will einmal als Dolmetscherin arbeiten und so vielleicht auch Asylbewerbern helfen. Sie will nicht von Sozialhilfe leben. „Ich will mich in die Gesellschaft integrieren“, sagt sie.

Auch Abedaziz Hasweh will Deutsch lernen. Er steht mit Samira Nissan, einer Lehrerin aus Syrien, an einen der Tische, die an den Wänden verteilt sind. Vor ihnen liegt ein Plakat. Er schreibt: „Morgens: Broteshen und Käse. Trink Kafe, mittags: Pizza und Trink Cola, nachmittags: Kochen und Té, abends: Suppe und Cola.“

Mit den Wörtern kann er eine weitere Seite in seinem Karo-Heft füllen. Und vielleicht kann er eines Tages seine eigene Geschichte dort aufschreiben oder sie erzählen – auf Deutsch.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare