In Halle 1 der ehemaligen Druckerei entsteht derzeit der Empfangsbereich des Impfzentrums: (von links) Thorsten Roth, Landrat Michael Köberle (CDU), Dr. Gundi Heuschen und Michael Lohr.
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CDU-Landrat Michael Köberle (2. von links) bei den Bauarbeiten des Corona-Impfzentrums im Kreis Limburg-Weilburg.

Entschuldigung im Kreistag

Umstrittene Impfaktion: Landrat lässt sich vorzeitig gegen Corona impfen – Bürgerin erstattet Anzeige

  • vonBernd Lormann
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  • Sebastian Semrau
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Der CDU-Landrat Michael Köberle entschuldigt sich auf der Kreistagssitzung für seine frühzeitige Corona-Impfung. Indessen hat eine Bürgerin Anzeige gegen ihn gestellt.

Limburg – Aktuell sei das Impfzentrum in Limburg-Dietkirchen in der Lage, täglich bis zu 1000 Impfungen gegen Covid-19 vorzunehmen. Aber leider fehle es an Impfstoff. Das mache die Situation nicht gerade einfacher, sagte Landrat Michael Köberle (CDU) in der Sitzung des Kreistages am vergangenen Freitag in der Sporthalle in Merenberg. Bevor sich der Landrat im Kreistag in aller Öffentlichkeit für seine am Neujahrstag erfolgte Impfung in einem Altenpflegeheim in Niederselters entschuldigte, wurde den Kreistagsabgeordneten ein zehnseitiges Dokument über die erste Impfwoche im Landkreis, unterzeichnet von Dr. Gundi Heuschen als medizinische Gesamtleiterin und Thorsten Roth als organisatorischer Leiter des Impfzentrums, zur Verfügung gestellt.

Darin ist unter anderem notiert, dass ab dem 26. Dezember 2020 innerhalb von fünf Tagen 1270 Impfdosen ins Impfzentrum geliefert worden sind. Dort wurde ein so genannter "-80-Grad-Freezer" vorgehalten, der jedoch bei Inbetriebnahme kurz vor Weihnachten nur auf Minus 51 Grad herunter kühlte. Alle Bemühungen des Technikers scheiterten, die maximale Solltemperatur zu verändern. Ein Techniker der Herstellerfirma war über Weihnachten nicht zu erreichen. Erst am 4. Januar konnten die erforderlichen Minus 80 Grad eingestellt werden. Somit bestand erst ab dem 4. Januar 2021 die Möglichkeit, den eintreffenden Biontech-Impfstoff bei Minus 80 Grad für maximal sechs Monate einzulagern.

Corona in Limburg: CDU-Landrat entschuldigt sich für vorgezogene Impfung

Vom 26. Dezember bis 3. Januar war keine solche Einlagerung möglich, weshalb der Apotheker den Impfstoff jeweils sofort auftaute. Dieser war somit nach Angaben des Kreises maximal 120 Stunden ab Anlieferung haltbar. Der Impfstoff war somit schnellstmöglich zu verimpfen. Die Planung für die Impfungen in den Einrichtungen war daher von schnellen Entscheidungen geprägt. Weitere Probleme bestanden bei der Meldung der impfwilligen Personen durch die Pflegeheime selbst. Bis zum 26. Dezember hatten allerdings nur drei von insgesamt 30 Seniorenheimen der ersten Priorisierungsstufe gemeldet, dass alle erforderlichen Unterlagen der Bewohner vorliegen. Für den 1. Januar in Niederselters waren dem Kreis laut dem Bericht 137 impfwillige Personen gemeldet worden. Darüber hinaus war die Zusatzimpfung des Apothekerteams für die Mobilen Impfteams in der höchsten Priorisierungsgruppe eingeplant. Beim Ablauf gab es jedoch Probleme.

Am Morgen des 1. Januar 2021 erhielt die Medizinische Leiterin des Impfzentrums um 10.27 Uhr einen Anruf von den Mobilen Teams, die an diesem Morgen in einer Altenpflegeeinrichtung den Impfeinsatz durchführten, heißt es in dem Bericht. Vor Ort waren das Team des DRK-Kreisverbandes Limburg, des Malteser Hilfsdienstes und das Apothekerteam, das die Impfdosen vor Ort rekonstituierte. Mitgeteilt wurde, es seien mehr Impfdosen zubereitet worden, als zu impfende Personen vor Ort seien. Die ursprünglich für eine Impfung angenommene Personenzahl sei zu hoch gewesen. Die Medizinische Leiterin des Impfzentrums fuhr daraufhin zur Einrichtung. Beim Eintreffen gegen 11 Uhr stellte sie fest, dass der Apotheker mit seinem Team seinen Einsatz bereits beendet hatte und dabei war, das Heim zu verlassen. Sämtliche Impfdosen waren bereits aufbereitet. Die Impfung der Bewohner war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig abgeschlossen.

Landrat Michael Köberle wurde am 1. Januar in Niederselters geimpft.

Probleme beim Ablauf der Corona-Impfungen in Limburg

Der aufbereitete Impfstoff der Firma Biontech war nach Aufziehen durch das Apothekerteam aus hygienischen Gründen nur insgesamt 60 Minuten haltbar. Da die Mobilen Teams im Verlauf der Impfaktion schon absehen konnten, dass es zu überzähligen Impfdosen kommen wird, hatten sie bereits selbstständig Personen aus dem Rettungsdienst, Mitglieder der Mobilen Teams, diensthabende Notärzte ausden umliegenden Ortschaften sowie Ärzte aus einer Covid-Schwerpunktpraxis im Nachbarort benachrichtigt und teilweise auch schon geimpft. Diesen Personenkreis hatten sie an Hand eigener Aufstellungen angesprochen.

Die Mobilen Teams berichteten zudem, dass nicht alle angerufenen priorisierten Personen erreicht wurden oder nicht in der vorgegebenen Zeitspanne bis zum Verfall der Impfdosen am Neujahrsmorgen hätten erscheinen können. Sie waren zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, an Hand ihrer Aufstellungen weitere Personen zu benennen, die man kurzfristig hätte einbestellen und impfen können. Es verblieben dazu schlussendlich noch etwa. 30 Minuten Zeit.

Corona in Limburg: Insgesamt sechs Mitglieder des Krisenstabs ließen sich impfen

Von den ursprünglich überschüssigen Impfdosen waren zu diesem Zeitpunkt laut dem Bericht noch elf vorhanden. Zwischenzeitlich war der Organisatorische Leiter des Impfzentrums informiert worden. In Abstimmung mit der Medizinischen Leitung befragte er daraufhin telefonisch Mitarbeiter des Impfzentrums, als ebenfalls höchst priorisierte Personengruppe, ob sie für eine ungeplante und kurzfristige Impfung vor Ort zur Verfügung stehen. Fünf Mitarbeiter konnten auf diesem Weg gefunden werden. Um ein Verwerfen der jetzt noch zur Verfügung stehenden sechs Impfdosen zu vermeiden, wurden nun von den Leitungen des Impfzentrums Mitglieder des Krisenstabes angefragt, der nach der Impfverordnung eine erhöhte Priorität besitzen. Dies auch deswegen, weil in diesem Moment nur auf die Krisenstabsmitglieder zurückgegriffen werden konnte, heißt es in dem Bericht. Andere Verfahrensweisen wurde in der Situation durchdacht, aber aufgrund von mehreren Ausbruchsgeschehen mit Sars-Cov-2 in mehreren Altenpflegeheimen im Landkreis waren diese Alternativen auf die Schnelle nicht zielführend, so der Kreis. Diese Abfrage führte dazu, dass kurzfristig sechs impfwillige Mitglieder des Krisenstabes zur Verfügung standen, darunter Landrat Köberle.

In der ersten Woche wurden 1275 Impfungen durchgeführt- davon 99 Prozent Bewohner und Mitarbeiter von Einrichtungen und andere höchst Priorisierte, ein Prozent Personen niedriger Priorisierung - solche Fälle gab es laut Bericht in zwei weiteren Einrichtungen, einmal wurden dann drei Mitarbeiter einer Arztpraxis geimpft, einmal drei Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr sowie eine an Krebs erkrankte Person. Nachrücker höchster Priorisierung gab es insgesamt 87, davon 42 in Niederselters. Es sei kein Impfstoff verfallen.

Anzeige gegen CDU-Landrat Köberle nach Corona-Impfung: Land sieht keinen Straftatbestand

Landrat Michael Köberle (CDU) ist wegen seiner umstrittenen Impfung von einer Bürgerin aus Diez angezeigt worden. Den Eingang der Anzeige via E-Mail bestätigte gestern der Sprecher der Limburger Staatsanwaltschaft Hans-Joachim Herrchen. Es gehe darum, ob die Impfung eine Vorteilsnahme war. Nun beginne die rechtliche Prüfung der Anzeige. Große Sorgen muss sich der Landrat deshalb wohl allerdings nicht machen. "Eine Impfung nicht-priorisierter Personen erfüllt aktuell allerdings weder einen Straftatbestand noch handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit", sagt Marcus Gerngroß, Sprecher des hessischen Innenministeriums, der aber auch hinzufügt: "Grundsätzlich sollten mit überzähligen Dosen Menschen aus den priorisierten Gruppen geimpft werden."

Allerdings könne eine Impfung nicht-priorisierter Personen sogar geboten sein. In der Corona-Impf-Verordnung sei die Möglichkeit vorgesehen, dass von der Priorisierung in Einzelfällen abgewichen werden kann, "wenn dies für eine effiziente Organisation der Impfung oder zur kurzfristigen Vermeidung des Verwurfs von Impfstoffen erforderlich ist", so Gerngroß. Die Überwachung der Einhaltung der Priorisierung sei in Hessen Aufgabe der Gesundheitsämter, nicht des Innenministeriums. Den Impfzentren habe das Land aber empfohlen, Listen an gegebenenfalls rasch verfügbaren Kandidatinnen und Kandidaten aus den Risikogruppen anzulegen; dazu gehören insbesondere schnell verfügbare Personengruppe wie beispielsweise die Rettungsdienste. "Bislang spielte dabei die Logistik und das sensible Handling bestimmter Impfstoffe (BioNTech) eine wichtige Rolle", erklärt der Sprecher des Innenministeriums. Offizielle "Stand-by-Listen" führt der Landkreis Limburg-Weilburg nach eigenen Angaben seit dem 4. Januar und damit erst nach der Impfaktion am Neujahrstag, bei der auch sechs Mitglieder des Krisenstabs geimpft wurden. (Bernd Lormann, Sebastian Semrau)

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