1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg
  4. Limburg

Ein Atheist im Bischofsgarten

Erstellt:

Kommentare

Florian Schroeder nahm bei seinem aktuellen Bühnenprogramm „Neustart“ kein Blatt vor den Mund.
Florian Schroeder nahm bei seinem aktuellen Bühnenprogramm „Neustart“ kein Blatt vor den Mund. © kka

Kabarettist Florian Schroeder ist auf der Suche nach dem neuen Messias

Limburg -Mit einem Generalangriff auf die Lachmuskeln seines Publikums riss Kabarettist Florian Schroeder am Freitagabend im nahezu ausverkauften Bischofsgarten die brisanten gesellschaftlichen und politischen Themen unserer Zeit an. Bei gerademal 12 Grad Außentemperatur hatten sich die meisten Besucher mit Winterjacken und Wolldecken ausgestattet. Regenschirme wurden zum Glück nicht gebracht.

„Alles was ich sage, ist genau so gemeint“, leitete Schroeder das gut zweistündige Programm ein und bezeichnete sich als die Ein-Mann-Lichterkette der Krise. Als bekennender Atheist fand er es großartig, in den Bischofsgarten eingeladen zu sein. Denn Corona sei für ihn so etwas wie das Damaskus-Erlebnis des Paulus, deshalb befände er sich nun auf der Suche nach einem neuen Messias.

In seinem charakteristischen Schnellsprech thematisierte Schroeder die Hilfs- und Entlastungspakete der Bundesregierung und lästerte über das angedachte 49-Euro-Ticket und die „Zufallsgewinnsteuer“. Die Einmalzahlungen würden zum Glück nicht reichen, um zu den Montagsdemos nach Leipzig zu fahren. „Wir leben in einer Zeit des Verzichts. Da wird die Sicherheit unseres Landes im heimischen Badezimmer verteidigt“, kommentierte er die Ratschläge der Politiker in Bezug auf energiesparende Methoden der Körperpflege. Eine verbalen Überbietungswettstreit würden sich die Parteien auch bei der Frage nach dem Reserve-Erhalt von Atomkraftwerken liefern.

„Ich bin weiß, reich und privilegiert“, beschrieb Schroeder sich selbst. „Aber immerhin mit einem schlechten Gewissen.“ Schließlich sei er ein Grünen-Wähler. So befürworte er im Prinzip ein Tempolimit - aber bitte nicht für Künstler, die ständig unterwegs sein müssen. Auch Urlaub in Deutschland zu machen sei eigentlich gut, aber nicht für ihn. Da sei es ihm zu kalt. Deshalb reise er dreimal jährlich nach Mallorca und würde dies auch gern mit dem Fahrrad tun, aber das ginge schließlich nicht.

Parodie auf Karl Lauterbach

Die schönste Zeit der letzten Jahre seien für den Satiriker die beiden Lockdowns gewesen. Da habe er endlich mal seine Miete abwohnen können. Im Großen und Ganzen sieht er sich als einen Gegner des Kapitalismus - es sei denn, dieser nutzte ihm. „Das ist so ähnlich wie mit der katholischen Kirche“, lästerte er. Schroeder nannte Karl Lauterbach seinen persönliche Messias des ersten Corona-Jahres und parodierte ihn vortrefflich mit den seinerzeit geltenden Schutzmaßnahmen.

Auch typische Kommunikationsprobleme in der Paarbeziehung widmete sich Schroeder und schlüpfte dabei wechselseitig in die Rolle von ihm und ihr. Das laute Lachen der Zuschauer machte klar, dass der eine oder andere sich wohl in dieser Persiflage wiederfand.

Zum Rollenbild karikierte der Künstler auch eine Situation, bei der es um die Neueinstellung eines Kita-Erziehers ging. „Er soll zugewandt, sanft und empathisch sein, also mehr so schwul“. Dies sei das größte Kompliment, was die Kitaleiterin einem Mann machen könne. Doch Obacht: Eine privilegierte weiße homosexuelle Person - egal ob Mann oder Frau widerspräche dem Anti-Wokeness-Gedanken. Also solle man sich besser für eine „Black Person Of Color“ entscheiden, die dann gern auch homo sein dürfe.

Ein Zeichen gegen sexuellen Missbrauch

„Twitter ist das Medium der völlig überflüssigen Dummschwätzer und Meinungsmacher“, so der Bühnenkünstler. Noch schlimmer sei allerding YouTube, wo dem Nutzer per Video erklärt würde, wie man sich die Schuhe bindet, und wo die Kommentarspalten den ewig spätpubertierenden Raum schaffen für sinnfreies Gelaber.

Mit seinem Auftritt im Bischofsgarten wollte Florian Schroder auch ein Zeichen gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche setzten. Deshalb spendete er die Hälfte seiner Gage an ein Projekt zur Unterstützung der Betroffenen.

kerstin kaminsky

Auch interessant

Kommentare