Die Inserate aus dem ersten Limburger Adressbuch von vor 125 Jahren offenbaren ausgangs des 19. Jahrhunderts ein reges Limburger Geschäftsleben.
+
Die Inserate aus dem ersten Limburger Adressbuch von vor 125 Jahren offenbaren ausgangs des 19. Jahrhunderts ein reges Limburger Geschäftsleben.

58 Seiten umfassendes Werk

Eine Fundgrube von vor 125 Jahren

Das erste Adressbuch der Stadt Limburg verriet, wo Tagelöhner und Witwen wohnten.

Limburg -Mit 12,5 Mal 19,5 Zentimeter ist es sehr handlich und sein dunkelbrauner Einband in Leinenoptik wirkt unscheinbar und abgegriffen. Es ist das erste Adressbuch der Stadt Limburg, das 1896, also vor 125 Jahren aufgelegt wurde. Das 58 Seiten umfassende Werk, das gerade einmal 160 Gramm auf die Waage bringt, wurde von der heute nicht mehr existierenden Limburger Vereinsdruckerei herausgebracht.

In diesem Verlag erschien einst der "Nassauer Bote", mit einer Auflage von 4200 Exemplaren Vorgänger der heutigen Nassauischen Neuen Presse. Daneben wurde vom selben Verlag das "St. Lubentius-Blatt", ein "religiös-politisches Wochenblatt für das katholische Volk" produziert - in einer Auflage von 7500 Stück.

Aus dem Vorwort des Verlags vom 9. März ist Dankbarkeit und ein gewisser Stolz herauszulesen, dieses Büchlein auf den Weg zu bringen. Schließlich ging die Initiative für "ein solches Auskunftsbuch in einem Gemeinwesen von der Größe und Bedeutung Limburgs von der zuversichtlichen Hoffnung aus, dass auch die Stadtverwaltung in Würdigung der Gemeinnützigkeit des Unternehmens" eine Unterstützung gewährte. Die wohlwollende staatliche und kirchliche Förderung wird nicht nur in finanzieller Hinsicht gewürdigt, sondern auch in dem deutlichen Hinweis, dass der Inhalt "nach amtlichem Material zusammengestellt" wurde.

Dazu hatte der Magistrat unter Bürgermeister Andreas Schlitt "das Einwohnerverzeichnis nach den amtlichen Listen beschafft". Der "wärmste Dank" für die Förderung des Werkes galt "dem verehrten Vorstand des Männergesangvereins ,Eintracht', der in freundlicher Weise die Benützung des geschichtlichen Theils der Festschrift von 1893 gestattet hatte".

Datenschutz

ein Fremdwort

Mit diesem historischen Rückblick auf Limburgs hervorragende Bedeutung im Lahngebiet beschreibt das Büchlein allerlei Sehenswürdigkeiten in der Domstadt und leitet anschließend auf die Umgebung über. Der Autor gibt den Hinweis, dass es in der unmittelbaren Umgebung der Stadt "keine größeren Waldpartien, wohl aber zwei sehr schöne Aussichtspunkte gibt: den Greifenberg und den Schafsberg". Als weiterer Bereich der Umgebung wird der neue geräumige Friedhof genannt. Sodann werden die Dörfer vorgestellt, "die gleich einem Kranze die Stadt umgeben".

Darüber hinaus schweift der Blick des Verfassers vom Mensfelder Kopf hinüber auf Schloss Dehrn, das Kerkerbachtal und die Christianshütte, in nördliche Richtung nach Elz und Hadamar, erwähnt die östlich gelegenen Orte Runkel und Villmar sowie im Westen Diez mit dem Schloss Oranienstein, Fachingen und die Schaumburg, Burg Ardeck, die Hohlenfels und Burg-Schwalbach.

Was dann folgt wäre in der heutigen Zeit des Datenschutzes schier undenkbar: Das alphabetische Verzeichnis aller Einwohner, ihrer Wohnstraßen mit Hausnummern. Und nicht nur das, es verrät auch ihre Berufe und in welchem Stockwerk sich ihre Wohnung befindet. Die Null steht fürs Parterre, die Eins für den ersten, die Zwei für den zweiten und die Drei für den dritten Stock. Beispiele: Hofmann, Dorothea, Witwe, Wäscherin, Rütsche 5, 2. - Reichert, Anton, Taglöhner, Rosengasse 19, 1. Auch alle Handelsfirmen, Behörden, Unterrichts-Anstalten und Klöster werden aufgeführt.

Es schließt sich das Straßen- und Häuserverzeichnis mit allen Einwohnern an. Dort entnimmt der Leser, dass im ersten Stock des Hauses Fischmarkt 15 der Eisenbahnschreiner Jakob Leber oder im Erdgeschoss der Graupfortstraße 4 der Pferdehändler Emanuel Heymann zu Hause ist.

Gewerbe und

Berufsarten

Die dritte Abteilung enthält eine "Systemische Zusammenfassung" nach Gewerben und Berufsarten. Voran steht der kleingedruckte Hinweis, dass die Wohnungen im ersten (alphabetischen) Teil, zu suchen sind. Sei hinter den Namen ein Sternchen vermerkt, so bedeute dies, dass sich im Anhang ein Inserat findet. Wer unter "Kappenmacher, Kürschner und Hutgeschäfte" suchte, fand Friedrich Blettel, Joseph Schmidt, Heinrich Joseph Wagner (mit Sternchen), Johann Wagner und Andreas Wißmann. Pfeifenhandlungen betrieben Joseph Brühl und Hermann Herz (jeweils mit Sternchen), Karl Byron, Moriz Gregori und Sigmund Sternberg. Sieben von den neun als Büglerinnen aufgeführten Frauen waren laut amtlichen Angaben Witwen, unter den Wäscherinnen acht von 13.

Es folgt die Abteilung der Ämter von Stadt und Kreis Limburg sowie sonstige staatliche Einrichtungen mit den dort jeweils Beschäftigten. Die Kultus- und Justizverwaltung einschließlich der Kirchen ist ebenso aufgelistet wie das Unterrichts-, Verkehrs- und Vereinswesen. Damals waren 44 Vereine ausgewiesen. Es gab zum Beispiel einen Stenographenverein, einen Sterbeverein zum heiligen Joseph, einen Vaterländischen Frauenverein, den Verein der Freunde, die Weihnachtssparkasse zum Schlößchen und den "Thypographia" Buchdruckerverein.

Eine wahre Fundgrube für historisch Interessierte ist der Anhang heimischer Firmen, die im Adressbuch von 1896 in kleinen und ganzseitigen Anzeigen ihre Warenvielfalt und Dienste offerierten. Das Verzeichnis weist immerhin 120 Auftraggeber aus. Offenbar wollte keiner fehlen, der zur damaligen Zeit etwas auf sich hielt. Die Amtsapotheke in der Grabenstraße gab unter anderem bekannt, dass sie eine verlässliche Bezugsquelle für echten französischen Cognac sei. Im Gasthaus von Jacob Jost nahe des Reichspostgebäudes konnte das Reisepublikum für 50 Pfennig übernachten. Auf die Fabrikation von Knochenmehl, Hornspähnen und gemahlenes Phosphorit war Emil Burckhart spezialisiert und Heinrich Baldus warb für sein Cigarren-Fabriklager. Dieter Fluck

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare